am fünften Novembertag irgendwann
berichte ich über unser Leben, unser zu Hause, unsere Freunde und Freizeit, über alles was mir noch wichtig erscheint. Und über den Entstehung vieler kleiner und größer werdenden Konflikte.


Freunde und Freizeit

Am fünften Novembertag irgendwann esse ich bei Freunden. Eine kleine Geburtstagsfeier. Zu sechst gehen wir danach in der Siedlung spazieren und thematisieren irgendetwas. Wenn die Lust da ist, wird sich eingemischt, ist keine Lust da, bleibt man stumm und geht nebenher. Alles ist variabel zu handhaben.

Wir gehen einen Weg entlang. Die Sümpfe breiten sich hier rechts und links aus. Hoch gewachsene Gräser und Schilf, teilweise schon vertrocknet, geben den Spaziergängern ein schützendes Dickicht. Rechts steht ein Schild. Eine Landschaftsschutzgebietseule ist abgebildet. Im Bauch der Eule steht mit Hand in Rot geschrieben: „Jesus lügt!“ Unten neben dem Schild eine leere Bierpulle – drum herum leere Tablettenschachteln. Die Bezeichnung der Pillen kenne ich nicht. Es scheint, hier hat sich jemand große Sorgen gemacht, weil Jesus lügt.

Wir gehen weiter. Spazieren durch ein geschütztes Wassergebiet um große Fischteiche herum. Nur noch zwei Spaziergänger sind übrig geblieben, Mark und ich. Die Kurzspaziergänger haben sich bereits verabschiedet. Alte Baumstümpfe erheben sich aus den Sümpfen der Teiche eines Nachbarortes unserer Stadt. Etwas weiter entfernt ist trockenes Gras und feines ausgetrocknetes Gestrüpp zu sehen. Mark erzählt gerade von Afrika und langen Radtouren durch die Savanne. Er beschreibt das gesamte Panorama, die Natur in Afrika und seine Erlebnisse. Seine Erinnerungen daran sind Jahre her, aber es ist interessant. Währenddessen schaue ich mir die Gegend an: „Mark, schau da drüben, die Sümpfe, die Baumstümpfe, das endlos trockene Gras, von hier aus weit entfernt die Büsche. Sind wir nicht in Afrika? “ Mark schaute unentschlossen. Er gab keine Antwort. Er konnte sich nicht entscheiden, ob das Afrika ist.

Jetzt muss ich mich unbedingt von Mark verabschieden, denn es ist schon ziemlich spät geworden, am fünften Novembertag irgendwann. Ich muss meine Geschichte fertig erzählen und trete den Heimweg an.


Leben - Tätigkeiten - Träume

Während des Heimweges beschäftige ich schon weiter mit unsere, meine Geschichte.. Also, wo war ich stehen geblieben? Über unser Zuhause gibt es gar nicht so sehr viel zu berichten. Nichts Wesentliches. Außer meinen eigenen Werdegang parallel zu Simons. Das wäre vielleicht noch wichtig. Ich zog mit Simon von seinem Vater weg. Das machte mich damals arbeitslos, denn vorher arbeitete ich in der Firma seines Vaters. Dann gründete ich mit anderen Eltern einen Hort für Grundschüler in einem Jugend- und Freizeitzentrum. Ich engagierte mich weiter für diesen neu entstandenen Hort und brachte meinen eigenen Sohn darin unter. Außerdem arbeitete ich nachmittags als Schulaufgabenhilfe in einer Grundschule und am Abend sah ich Simon.

Als Simon die vierte Klasse vollendete, sollte er in die IGS, eine Ganztagsschule ganz in der Nähe, aber er wollte nicht. Er wollte in der kleinen ihm bekannten Grundschule bleiben, aber die ist bekanntlich nur bis zur vierten Klasse gemacht. Er wollte im Hort bei Wilma und bei Akki bleiben. Das konnte er bis zwölf. Aber Akki war nur noch ein viertel Jahr im Hort Betreuer und wollte sich dann beruflich verändern, das erzählte er Simon.

Im Hort werden bald neue Kinder sein. Der Altersunterschied zwischen denen und Simon wird größer. Das kann Simon auf Dauer keinen Spaß mehr bereiten. Ich bekomme eine feste Anstellung als Projektbearbeiterin im Büro, acht Stunden von Montag bis Freitag. Das alles wurde Simon erklärt, doch er wollte sich nicht überzeugen lassen, auf die neue Ganztagsschule zu gehen. Er würde sich schon an die Schule gewöhnen, es wären dann zwei Klassenlehrer dort, eine Frau und ein Mann. Simon brauchte immer Männer als Vorbilder. Er suchte direkt danach. „Aber die Schule mag ich nicht, die ist viel zu groß, sieht schlecht aus, und es stinkt im Hausflur“, weinte Simon. Die Gebäude der Schule waren alt. Es war ein Bau aus der Nazi-Zeit. Es war einmal ein Ausbildungsstätte für Leutnants oder Generäle. Die Baustruktur zeigt, was es war. Man sieht dem Gebäude das an.

Simon gehörte zu dem Drittel der Schüler, die einen Platz auf dieser Schule bekommen hatten, jetzt wollte er einfach nicht dorthin? Ich hätte verrückt werden können. Ich wollte Simon nach seinem zwölften Lebensjahr nicht auf die Straße schicken. Ein guter Grund dafür war außerdem, er dann zu viel Kontakt zu Kindern unserer Wohngegend ganz unbeaufsichtigt. Das erschien mir durchaus nicht vorteilhaft für Simon. Das konnte ich nicht zulassen. Also überredeten wir Simon dann, doch auf diese Schule zu gehen. Es klappte. Gerade so, mit der Kraft seiner Erzieherinnen und Erzieher aus dem Hort.

Ich bin schon ein ganzes Stück nach Hause gewandert. Und die Luft an diesem fünften Novembertag ist sehr warm und schwül geworden. Es scheint am späten Nachmittag auch wärmer geworden zu sein. Und es ist windig. Ständig verstecke ich meine Haare erneut in die schwarze Kapuze, doch sie wollen nicht drin bleiben, wenn ich die Kapuze nicht fest zuhalte, wehen sie wieder heraus.


Simons Freunde

Ich gehe weiter. Meinem Wohnort komme ich immer näher. Ich verlasse allmählich die andere Ortschaft, indem ich noch eine Hauptstraße überquere. Gehe eine Straße weiter, die als Feldweg, nicht mehr asphaltiert ist, weiterführt und mich wieder zu den Speicherhäusern führen würde. Rechts von mir ist ein fast schon überfüllter kleiner Fluss. Den bunten Herbstblättern scheint es mal wieder viel Spaß zu machen, darin um die Wette zu schwimmen. Die hohen Bäume rauschen im Wind der langsam stärker wird, und die Luft wird immer schwüler.

Die Speicherhäuser will ich heute gar nicht sehen. Ich biege links ab und klettere über längst stillgelegte mittelhoch bewachsene Bahngleise lang. Überquere einen Umflutgraben, vier Meter tief unter mir rauscht plätschert das Wasser unter mir vorbei. Die kleine Brücke, auf der ich stehe, besteht aus Gitterboden. Weiter gehe ich und gelange auf rutschig-morschige Holzbalken, die teilweise noch Gleise halten. Hier setze ich mich eine Weile hin und betrachte die vor mir liegenden herbstlichen Gartenanlagen. Die Obstbäume verlieren ihre Blätter. Sie wehen mit dem Wind davon, die, die am fünften Novembertag irgendwann bunt geworden vom Baum gefallen sind. Ich setze mich oben auf die Böschung und lasse die rostigen Gleise dicht hinter mir. Meine Augen sehen auf die Gartenanlagen, auf die Obstbäumen und zu den fliegenden Blättern. Ich versuche nur, über Simons Freunde nachzudenken.

Erinnerungen ziehen an mir vorüber. Nach unserem Umzug entdeckte ich auf unserer Straße eine Familie, die sympathisch schien. Sie waren meiner Weltanschauung ähnlich. Wir tauschten Interessen und Ideale aus. Sie liebten ihren Garten und ließen ihn natürlich wachsen. Wir konnten uns gut unterhalten, auch über Kinder, Bücher, Geschichten oder irgendwelche Dinge. Ich lud sie ein und schaute bei ihnen vorbei. Sie hatten auch einen Jungen so alt wie Simon. Bald sagte direkt, was ich mir wünschte, einen Umgang, eine Freundschaft, auch zwischen unseren beiden Söhnen. Es sollte nicht passieren. Vielleicht war der Bekanntenkreis der Familie zu groß. Weder Simon bekam einen richtigen Kontakt zu ihren Jungen, noch ich einen wirklichen Platz in deren Bekanntenkreis, auch nicht Zeiten später. Leider blieb es nur eine Nachbarschaft. Ich lud nicht mehr ein und schaute nicht mehr vorbei. Schade, die Jungen, die sich beide während des ersten Kontakts schüchtern und vorsichtig ansehen, sind sich doch eigentlich sehr ähnlich.

Die Jungen auf unserer Straße, die gar nicht schüchtern und vorsichtig waren, sondern, mehr an unserer Tür klingelten, als unsere Zeit erlaubte, hatte Simon dann als Freunde. Wenigstens aber hatte er Freunde am Wohnort. Und darunter war auch ein gleichaltriger Nachbarjunge, zu dem Simon eine ganz spezielle Freundschaft aufbauen konnte. Simon war bereits auf einer Ganztagsschule täglich bis vier Uhr. Er und ich kamen täglich zeitgleich nach Hause. Das Zusammenspiel mit Schule und Arbeit war jetzt gut organisiert. Und nach Schulschluss konnte ich ein Auge auf Simon halten. Denn irgendwie scheint sonst keiner in dieser neuen Umgebung auf die Kinder zu achten, die zusammengerauft auf der Straße spielten. Jedenfalls keiner der Großfamilien rechts und links von uns.

Ein ungefähr fünfzehnjähriger Junge, Pitt, der große Bruder des gleichaltrigen Freundes, schien die jüngeren Kinder zu betreuen, mit denen er gleichzeitig spielte. Das sah Anfangs nicht schlecht aus. Sie bildeten Gruppen, spielten Fußball und Hockey auf der Straße. Dann spielten Kinder verschiedener Straßen in unserer Siedlung Fußball. Das wurde von dem Größeren organisiert und sofern hin und wieder geschaut wurde, was los war, war das schon ok. Doch der anfangs nette, einsichtig erscheinende ältere Junge veränderte sich mit der Zeit. Er hatte den jüngeren gegenüber zu viel Macht.

Pitt, der größere Junge akzeptierte, dass sein jüngerer Bruder und Simon Freunde geworden sind, - anfangs. Simon mit seinen bereits zehn Jahren gehörte nicht zu den Allerkleinsten, die da mit dem großen Pitt auf unserer Straße spielten, als in Pitt wohl irgendwann der Wunsch aufkam, ebenfalls wie sein kleiner Bruder einen ganz speziellen Freund für sich alleine zu haben. Doch für ihn war kein Gleichaltriger mehr da. Er mischte sich immer mehr in die Freundschaft zwischen seinen jüngeren Bruder und Simon.

Immer mehr vereinnahmte Pitt Simon für sich und schickte seinen jüngeren Bruder zu den mitunter noch jüngeren Kindern. Der Jüngere sollte sich also einen anderen Freund suchen, damit er, Pitt, Simon für sich behalten konnte. Simon hatte keinen Spaß daran. Er fühlte sich bedrängt und vereinnahmt: „Wenn Pitt gleich wieder klingelt, schicke ihn nach Hause, ich habe keine Zeit“, beauftragte er mich. Ich tat wie mir befohlen, und alle fünf Minuten klingelte Pitt wieder, ob Simon denn jetzt endlich Zeit hätte. Ich wurde auch ungeduldig und sagte das dem penetranten Jungen immer konsequenter und strenger, der daraufhin frecher reagierte.

Bald schickte Pitt seinen Bruder, um Simon aus der Wohnung zu locken. Als Simon dann auf der Straße war, sah ich, wie der jüngere Bruder weggeschickt wurde, und Pitt hatte Simon wieder am Wickel. Simon wollte sich gegen die Abmachungen der großen kinderreichen Familie, in der Pitts Wunsch wohl offensichtlich geduldet wurde, wehren. Er wünschte sich den gleichaltrigen Freund zurück, und das machte er deutlich. „Ich spiele nicht mehr mit Dir“, sagte der jüngere Bruder Pitts zu Simon. „Du willst nicht mit meinem Bruder spielen. Und das finde ich gemein von Dir. Wenn du so bist, spielt keiner mehr mit Dir! Wirst schon sehen.“ Tatsächlich, die Kinder der Großfamilie mit ihrem großen Pitt, der keinen gleichaltrigen Freund gefunden hatte, setzten sich durch. Simon stand vor dem Fenster und durfte jeden Tag zusehen, wie alle Kinder der Straße sich um Pitt versammelten und keiner wollte mehr mit Simon spielen.

Gezwungener Maßen zog Simon irgendwann seine Schuhe an, mit den Worten: „Lasse mich das mal machen, Mama.“ Dann ging er zu den Kindern und zu Pitt, der Simon dann ganz loyal kommen ließ und den anderen Kindern ein Zeichen gab. Simon durfte also wieder mitspielen, doch wurde er von Pitt vereinnahmt. Und das versuchte Simon lange Zeit zu unterbinden.

Teilweise wichen wir dieser prekären Situation aus und holten Klassenfreunde oder ehemalige Kindergartenfreunde zu uns. Aber immer war das nicht möglich. Wieder einmal schaute Simon aus dem Fenster und beobachtete, wie alle Kinder unserer Straße um den Jungendlichen herum standen, der das absolute Kommando gab. Simon wandte sich ab vom Fenster, zog seine Schuhe an, und sagte wieder einmal zu mir: „Lasse mich das mal machen. Ich gehe jetzt raus und spiele mit den Kindern.“ – „Viel Glück, du wirst schon schaffen, was du willst, Simon, setze Dich durch“, gab ich ihm mit auf den Weg. Ich beobachtete heimlich, wie Simon Kompromisse einging, um seine eigenen Interessen auch zu verwirklichen. Ich sah wie schwach er war, da Fairness durch Absolutismus vom Älteren ersetzt wurde.

Es war Johann, der immer so schöne Comics malte. Er klebte sie mit Tesafilm zu einem kleinen Heft zusammen mit seiner eigenen Geschichte. Simon ahmte ihn nach. Es gelang ihm ganz gut. Als ich dann später nach Hause kam, sah ich bereits, es waren schon viele  Kinder in unserer Wohnung gewesen. Es war aber auch ein pubertärer Jugendlicher in unserer Wohnung. Ich entdeckte auf Simons Schreibtisch nicht nur Comics von Kindern gemalt, sondern einen Comic mit losen Zetteln, indem erklärt werden sollte und gemalt wurde, wie Jungen und Mädchen sich küssen und wie sie zusammen ficken, oft unterhielten sie sich mit einer ordinären Sprache. Schon öfter wehrte sich Simon gegen dieses Thema, das ihm von Pitt aufgezwungen wurde, denn es interessierte Simon noch nicht. Es war Pitts Interesse, der sich verdammt noch mal Gleichaltrige suchen sollte, anstatt die Jüngeren zu belästigen. Ein paar Mal brachte ich Pitts Kunststücke seiner Mutter und sagte ihr freundlich: „Das hat Pitt bei uns vergessen. Übrigens ist das ein Thema, das Simon noch gar nicht interessiert. Wenn Pitt das nächste Mal zu uns kommt, möchte er doch bitte ein Thema suchen, von dem alle etwas haben oder sich einen Jungen suchen, der in seinem Alter ist.“ Ich dachte immer wieder, irgendwann würde das helfen. Doch irgendwie und irgendwann, das begriff Pitts Mutter nicht oder sie ignorierte das.

Simon war krank. Wir lagen zusammen in seinem Hochbett und lasen Bücher. Das Fenster zum Garten hin war weit geöffnet. Wir ließen die frische Luft rein. Am Fenster war eine Leiter angebracht. Simons ganz spezieller Eingang zu seinem Zimmer. Also mit der frischen Luft ließen wir auch Kinder rein. Pitt war der erste, der die Leiter für sich in Anspruch nahm und schaute zum Fenster rein. Er sah mich nicht. Ich lag hinten an der Wand und hörte der Unterhaltung zu: „Simon, los, komm raus. Ich habe für dich ein Mädchen gefunden. Ich bringe euch beiden das Küssen bei.“ Simon mit deutlich widerstrebenden Gefühlen wurde wütend und wehrte sich immens dagegen. Pitt ließ nicht locker. Irgendwann zeigte ich mich und Pitt war im Nu von der Leiter verschwunden und weg.

Ein anderes Mal suchte ich Simon. Er war mit Pitts Geschwistern zusammen eingesperrt in ihrer Haushälfte. Oh, hatte ich Wut. Fassungslos war ich. Der Vater stellte sich dumm: „Ich wusste gar nicht, dass Dein Sohn bei uns ist. Ich dachte, ich hätte nur meine Kinder eingeschlossen.“ Ich erinnere mich, es passierte oft. Und immer stellten sie sich dumm und schauten fragend durch die Luft. Das konnten sie gut. Aber auch, als Simon auf der Realschule war und sich anstrengen musste, um die erforderlichen Leistungen zu schaffen, wartete ich zu Hause auf ihn und er kam nicht. Er wurde an einer abgelegenen Straßenecke von Pitt abgefangen und ließ sich überreden, in deren Wohnung zu gehen. Dorthin hatte ich für meinen Jungen Eintrittsverbot erteilt. Die Eltern Pitts stritten vor mir ab, dass Simon sich in ihrer Wohnung befand. Hinten herum ließen sie ihn dann heimlich raus. Er sollte mir nicht sagen, wo er war.

Die Kinder riefen auf der Straße einer Frau mit zwei Hunden hinterher: „Ente Ulla! Ente Ulla!“ Ich war empört, ich dachte an Simons große Stoffente, die er von seiner dicken Oma bekommen hatte. Sie wurde Ente Ulla genannt, hatte ein ziemlich dickes Hinterteil und klare treue Augen. Ich suchte Simon unter dem Pöbel und fand ihn nicht. Später erzählte ich ihm, was ich beobachtete. Ich fragte ihn, wie die Kinder dazu kommen, die Frau zu beschimpfen mit dem Namen seines Stofftieres. Simon versicherte mir, er habe nicht mitgemacht. Ich fragte die Frau später und wollte mich gegebenenfalls dafür entschuldigen. Nein, Simon sei nicht dabei gewesen. Er habe sich sofort abgesondert, als die Kinder damit anfingen. Er wurde noch geschubst und gezogen, angehalten mitzumachen, aber er blieb zurück.

Pitt lachte mich in meinem Hausflur aus, denn er sollte das Haus verlassen. Er war der Ansicht, es würde ihm nichts passieren, wenn er es nicht täte. Ich diskutierte mit Pitt so lange, bis er alle seine hässlichen, sturen, verachtenden Eigenschaften vor Simon ganz von selbst zeigte. Simon stand nämlich dabei und konnte sich jetzt ein Bild von Pitt machen. Ich ließ Pitt bald stehen und forderte Simon auf mit in die Wohnung zu kommen. Etwas später sah ich Pitt draußen wieder mit Simon zusammen stehen. Ich glaubte nie, dass das so freiwillig war. Es war die einnehmende Penetranz des Jugendlichen. Simon musste dagegen kämpfen, aber das dauerte vielleicht. Simon erzählte mir: „Laufend sagt Pitt zu mir‚ 'Du, Deine Mutter hat bei mir verschissen’. Aber, Mama, erzähle es nicht weiter. Mache keinen Ärger. Lasse mich mal machen.“

Noch immer sitze ich auf den Schienen. Das Wetter ist allmählich feuchtwarm geworden. Der Wind ist verschwunden und irgendwas riecht ganz fürchterlich. Fast erstickend. Ich weiß nicht. Wie kommt dieser Geruch hierher? Sind das meine Gedanken? Meine Erinnerungen? Die Luft stinkt.

Es hat so erstaunlich viel Ähnlichkeit. Was Henry mit Simon macht, das versuchen also auch andere und der jugendliche Pitt. Mit ihren ganz eigenen Interessen, mit Ausübung von Druck, mit langer Überzeugungskraft. Wie schon gesagt, Penetranz und ausgeklüngelten Schlichen soll Simon ständig beeinflusst werden, geformt für ihre Zwecke. Und wenn er weiter Freunde haben möchte, muss er oft tun, was er selber nicht will. Das Schlimmste, die Eltern dieser Kinder dulden das und stellen sich dumm, wenn ich versuche mit ihnen über unsere Belange zu reden. „Simon setze dich durch!“ - Solange alle gleichaltrig sind oder auch Eltern zusammen dafür sorgen, dass sich alle Handlungen in einem fairen Rahmen bewegen, wäre das ok.

Eine eigene freie Entwicklung sollten hier, in Deutschland, mitten in Deutschland, alle genießen können, auch der Sohn einer alleinstehenden Frau. Was mit uns ganz krass geschah, werde ich erst später realisieren können. Denn zunächst wehrten wir uns nur. Jahre später werde ich Bücher über fremde Länder und Kulturen stoßen und lerne Begriffe wie Familismus und familistisch kennen. Was diese Worte beinhalten, die es hier in Deutschland nicht gibt, wird mir sofort klar werden. Schade, dass ich sie nicht früher kannte.

Pitt war wohl inzwischen sechzehn oder siebzehn mit einem sehr schlechten Hauptschulabschluss und einer Ausbildungsstelle, die seine Mutter für ihn besorgt hatte. Ich war froh, ihn tagsüber hier nicht mehr auf der Straße zu sehen. Die Kinder überhaupt konnten sich viel freier entwickeln, wenn Pitt nicht immer dazwischen hängt, dachte ich mir. Und vielleicht entwickelte sich Pitt auch zum Positiven, wenn er jetzt arbeitete.

Doch er hatte bald seine Ausbildung ‚geschmissen’ und machte jetzt gar nichts außer Videos ansehen oder Playstation spielen. Er sucht die Jüngeren noch mehr, die sich seinen Interessen anpassen sollten. Er hatte Videos, auf die er recht stolz war. Er zeigte sie mir. Wir schauten sie alle zusammen an. Kämpfer rissen dem Opfer Arme und Beine ab und schlugen damit. „Wieso sieht das Mädchen, das auch mit angegriffen wird und mit kämpft, immer noch so sauber geschminkt und gar nicht mit Blut verschmiert aus“, wunderte ich mich. Meine Kritik wurde schon angenommen. Als Simon zwölf Jahre war und ich hoffte, er würde immer stärker werden und sich von Pitt absondern, geschah das nicht mehr. Das begriff ich nicht. Simon sagte mir: „Du kennst Pitt nicht wirklich.“

„Simon benimmt sich manchmal pubertär“, ist Herrn Tannen aufgefallen. „Ist er aber noch gar nicht. Noch viel zu klein und kindlich wiederum. Er hat wahrscheinlich eine andere Pubertät übernommen, die ihm nicht gehört.“ Pitts Pubertät? Oder die Pubertät seines Vaters? Das wussten wir beide nicht, nur Vermutungen.

Ich sehe wieder die Herbstblätter vor mir. Es sind die alten Schienen, nein, das mürbe Holz, auf dem sie liegen, vermischt mit der feuchtwarmen Luft erzeugen sie einen erstickenden Geruch. Nebel bildet sich dicht vor meinen Augen. Kaum ist noch etwas zu erkennen. Die bunten Blätter in den Gärten fliegen nicht mehr so schön. Die Luft ist still und dick geworden. Aber auf den Gleisen mitten im Gestank blühen gelb leuchtende Wiesenblumen. Ich recke und strecke mich zu ihnen hin und halte meine Augen in ihr leuchtendes Gelb. Auf diesen Gleisen ist schon lange kein Zug mehr gefahren. Die Blumen scheinen zu lächeln, sobald ich sie anblinzele. Immer gibt es noch Trost und Hoffnung. Dicht vor mir leuchtet auch noch eine kleine Mohnblume. Ich vergesse den Gestank. Und vor dieser kleinen Wiese erinnere ich mich an ein Erlebnis davor:


Krisenbewältigung mit Happyend:
Ich halte vor der vierten Klasse eine Rede

Simons Schulleistungen waren nicht sehr gut. Ich nahm mir den Jungen vor, der plötzlich anfing zu weinen, weil er mit ganz anderen Dingen belastet wurde und nicht lernen konnte. Simon platzte heraus mit einer Erklärung, die er lange Zeit nicht verraten hatte. Es war in der vierten Klasse der Grundschule. Simon wechselte die Schule von der dritten zur vierten Klasse, damit der Weg zum Hort nicht so weit war. Vielleicht war es ein Fehler. Er war jetzt in einer ganz neuen Klasse, in der sich alle anderen Kinder schon kannten. Nein, Simon konnte nicht verraten, was dort passierte. Er lag in meinen Armen umschlungen und weinte, schluchzte bis er etwas sagen konnte: „Alle sind böse auf mich. Alle ärgern mich, schlagen mich und treten mich, jeden Tag, die ganze Klasse.“

„Simon, warum hast du mir das nie erzählt, was passiert da?“ – „Ich kann das nicht erzählen. Ich schäme mich so.“ – „Du brauchst Dich nicht zu schämen. Bitte schäme dich nicht, für das, was andere tun. Bitte erzähle mir, was da passiert.“ – „Schluchz, Schluchz.“ Er zählte alle Schimpfwörter auf, alle, die man ihm gab. Die ganze Klasse trat, schubste, bedrängte ihn, machte ihn fertig und die Lehrer oder Lehrerinnen schienen nicht in der Lage irgendetwas zu bemerken. So musste er lange Zeit alles in sich hineinfressen. Er verriet mir nichts, wollte mich nicht unglücklich sehen und weinte.

„Simon, so was musst Du mir erzählen. Simon, Du brauchst dich nicht zu schämen. Bitte schäme Dich nie wieder, wenn andere so sind.“ Ich drückte ihn, ich drückte ihn noch mal. Er beruhigte sich. Wir saßen eine ganze Weile auf dem Teppich unterm Hochbett. Er schluchzte und beruhigte sich langsam. Ich fragte ihn weiter aus: „Wer hat was gesagt? Wer hat was getan?“ Langsam erzählte der Knirps genauer, was ihm widerfahren war. Er wurde immer deutlicher. Er traute sich zu reden, was ihn vorher bedrückte, mit Schweigen unterdrücken sollte, zum Vorteil der Unterdrücker.

Ich nahm nach einer Weile meine Arme von ihm, stand auf und holte buntes Druckpapier, einmal rot, einmal orange. Ich halbierte die DIN A 4 Seiten sorgfältig längs, klebte dann die Blätter mit Tesafilm untereinander zusammen. Dann nahm ich einen angespitzten Bleistift und schrieb Worte, Namen und Taten der Schüler auf: „Wer hat was gesagt oder getan? Sage mir noch einmal alles ganz genau, lieber Simon.“ Es stellte sich heraus, dass ein einzelner Junge der eigentliche Macher dieser ganzen Angelegenheit war. Er verstand sich darin, die gesamte Klasse so in Schach zu halten, dass sie alle das brutale Spiel gegen meinen Sohn trieben. Simon hat die Zusammenhänge ganz gut begriffen. Nachdem ich fertig geschrieben hatte und wir uns ein wenig mit diesem Problem auseinandergesetzt hatten, rollte ich die Papierliste zusammen. Sie war schon einigermaßen dick, denn ich hatte großgeschrieben. Ich wusste noch nicht genau, was ich danach mit dieser Rolle tun wollte. Ich ließ sie auf dem Tisch und wir legten uns zusammen im Hochbett schlafen. Simon fragte mich nicht weiter aus. Doch er schlief ruhig in meinen Armen ein.

Am nächsten Morgen wurden wir von unserem Radio geweckt. Super Ritschi machte seine Witze. Ein Vagabund, der die Welt ein wenig anders sieht, mit nordrheinwestfälischem Slang. Simon liebte die Sprüche von Ritschi und wachte durch sie schnell am Morgen auf.

„Simon, wir müssen aufstehen, komm.“ Ich kitzelte ihn liebevoll: „Los, aufstehen.“ Wir frühstückten während ich ihm sagte: „Heute bringe ich Dich zur Schule, Simon. Ich nehme die Rolle mit und wir gehen so, dass wir mindestens zehn Minuten früher da sind, ok?“ – „Ja, Mama!“

Auch seine Klassenlehrerin war früher da. Ich wollte von ihr wissen, ob das, was Simon passierte, bei den Lehrkräften eigentlich bekannt ist, ob es eine Pausenaufsicht gibt, und was hatten sie eigentlich mitbekommen von diesen Attacken. Die Lehrerin konnte sich nicht so ganz entscheiden, ein wenig hätten sie wohl schon davon gemerkt, doch nicht alles. Sie wollten auch etwas unternehmen, um Simon zu helfen. Sie hörte noch eine Weile zu. Dann betraten wir das Klassenzimmer der vierten Klasse. Außer Simon, der mir und der Lehrerin die Klasse betrat, saßen alle schon auf ihren Stühlen. Wir wurden still und aufmerksam beobachtet. Die Lehrerin bat Simon, sich auf seinen Stuhl zu setzten. Sie selbst nahm sich einen Stuhl, um sich nach hinten zu setzen. Na nu, was hat sie vor? Sie bat mich nach vorne an die Tafel zu gehen und mit den Kindern zu sprechen.

Ich stellte mich vor die Tafel und sah jetzt alle Kinder im Klassenraum. Ich fand das sehr komisch. Sie waren klein und saßen weit unten. Ich war groß und stand vor ihnen. Die Sache war wichtig. Es wurde ernst. Ich stellte mich vor, obwohl sie längst wussten, wer ich bin. Dann erzählte ich mein Anliegen: „Ihr könnt Euch sicherlich gut vorstellen, dass auch Eure Mutter sehr traurig und sehr ärgerlich wäre, wenn Ihr hier in dieser Schule so beschimpft, geschlagen und getreten werdet.“ Die Kinder nickten. „Die ganze Klasse verhaut und beschimpft ein einziges Kind.“ Ich machte eine Pause. Dann zeigte ich, was ich in der Hand hatte: „Hier habe ich eine Rolle. Da steht alles drin, womit Simon beschimpft wurde und wer ihn beschimpfte. Wer ihn wann geschlagen und getreten hat, in den Bauch getreten hat.“ Ich rollte das Papier auseinander. Sie konnten nicht sehen, dass es nicht voll beschrieben war. Ich schaute in die Rolle und las einen Namen, den Namen des Organisators vor: „Du hast meinen Sohn „behindertes Schwein“ genannt, dann hast du ihn getreten, stimmt das?“ Alle Kinder nickten.

Der beschuldigte Junge stand ein wenig auf und wollte erzählen, was ein anderer machte. Ich sagte ganz feste, dass mich das jetzt überhaupt nicht interessiere, was ein anderer machte: „Es geht jetzt um dich, was du gemacht hast, und um deinen Spruch. Warum soll mein Sohn behindert sein?“ Pause „Was ist eine Behinderung?“ – „Wer weiß, was eine Behinderung ist? Behinderte Menschen sind ihr Leben lang behindert. Das bleibt. Das geht nie wieder weg. Die brauchen unsere Hilfe. Sie sind dankbar für unsere Hilfe. Sie können niemals zu Schweinen werden. Hast du dir das schon einmal überlegt?“, fragte ich den Anführer vor der Klasse, während ein paar Mädchen zustimmend nickten. „Warum sollte mein Sohn behindert sein? Nur, weil er nicht so stark oder so schlecht ist wie du?“ „Weißt du, wie ein Mensch ist, der Schwein genannt werden könnte? - Nein, das möchte ich nicht erklären. Gibt es irgendetwas, was mein Sohn getan hat, um ihn Schwein zu nennen?“ Alle schüttelten den Kopf.

Ich wartete noch eine kurze Weile vor den Kindern. Sie waren immer noch sehr still. Ich glaubte zu spüren, dass sie jetzt darauf warteten, bis ich wieder in die Rolle schaute und den nächsten Übeltäter suchte. Tat ich aber nicht. Ich schaute sie alle an. Schaute zur Lehrerin. Sie nickte zustimmend. Dann ging ich zur Tür hinaus mit einem kurzen leisen Verabschiedungsblick zur Lehrerin. Von den Kindern verabschiedete ich mich natürlich nicht.

Am gleichen Tag wollte ich Simon vom Hort abholen und betrat die Räumlichkeiten. Ich brauchte gar nicht viel fragen. Ich sah Simon. Er schaute zufrieden zu mir rüber. Wilma lachte: „Simon ist heute so ausgeglichen, so still, so zufrieden. Er hat seine Schulaufgaben fertig. So schön hat er noch nie geschrieben. Ich freute mich. Wir hatten einen stillen schweigenden Moment des Glückes ganz allein für uns gepachtet. Nein, den anderen gefiel unsere Harmonie ebenfalls. Ich sehe die zufriedenen Hortmitglieder noch, sitze immer noch auf den Gleisen, bemerke die Wiesenblumen vor meiner Nase wieder bewusster und betrachte sie. Habe ich ihnen gerade eine Geschichte zugeflüstert? Sie scheinen sie wahrgenommen zu haben. Sie scheinen still zu lächeln. Ich spüre das Glück von damals wieder und teile es mit den Blumen, die sich auf den alten Gleisen angesiedelt haben. Ich erhebe mich von den Gleisen. Noch mit einem lieben Abschiedsblick zu den Wiesenblumen entferne ich mich und jogge nach Hause.

Ich lege mich in das kleine Zimmer mit dem Kamin und der Eichenholzzeitmaschine schlafen. Ich erinnere mich, auch ohne die Eichenholzzeitmaschine anzustellen: Simon verließ die vierte Klasse und ging freiwillig oder vielmehr mit sehr viel Überredung in die Integrierte Gesamtschule. Erst schien alles gut zu laufen. Er wurde gut akzeptiert und integriert von den Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften seiner Klasse. Doch es bahnten sich Konflikte an. Einmal in der fünften Klasse wischte er im Speisesaal ein Hakenkreuz von einer Tafel im Speisesaal weg. Ein größerer Junge stand hinter ihm und forderte ihn auf, es wieder neu hin zu malen, was Simon natürlich nicht tat. Daraufhin wurde ihm Schläge angedroht. Simon brüllte den größeren Jungen an, um auf die Situation aufmerksam zu machen, so erzählte Simon. Aber Simon wurde deswegen von den Lehrkräften wegen einer angeblichen besonderen Aggressivität getadelt. „Er sollte aber im Hort immer schreien und laut diskutieren, wenn er vor einem Konflikt stand, und nicht handgreiflich werden, von daher hatte er richtig reagiert“, stellte ich vor der Lehrerschaft klar, denn Simon kam bei denen nicht zu Wort. Diesen Fehler hatten die Lehrkräfte wohl gemacht. So musste ich das Missverständnis aufklären, auch mit der Frage, ob es denn eventuell recht wäre, würde in der Schule solch ein Hakenkreuz an der Tafel stehen. Es wurde mit einem „um Gottes Willen“ verneint. „Wie hätte mein Sohn also anders reagieren sollen, als laut zu werden und sich gegen Angriffe zu wehren?“ Nazis gehen bekanntlich nicht zimperlich mit Handgreiflichkeiten um.

Gut, manche Sachen konnten sich aufklären. Andere wiederum nicht. Es ballten sich immer mehr Konflikte in der Schule zusammen. Simon mochte nicht mehr in dieser Schule arbeiten. Sein Vater förderte das, indem er ständig zu verstehen gab, wie schlecht er diese Schule fand, was Simon später erst verriet. Ich bemerkte das zwar damals, konnte aber das gesamte Ausmaße nicht überschauen.


Die Rechtsanwältin klingt vernünftig
Die Zukunft soll es zeigen, wo Simon hingehört
Er wird älter und stärker

Nachdem das Besuchsrecht mit Vater Henry ausgehandelt war, und wir das Jugendamt freiwillig eine Weile von uns ließen, nur den Rat von Herrn Tannen manchmal brauchten, riet mir meine Rechtsanwältin, es bleiben zu lassen, für das alleinige Sorgerecht zu klagen. Egal wie katastrophal sich die Situation darstelle. Der Vater werde niemals darauf verzichten, das Jugendamt reagiere nicht. Ohne Unterstützung des Jugendamtes würde gerichtlich hart gestritten werden. Das wäre weder etwas für mich, noch für den Sohn.

Das Jugendamt möchte und könnte sich neutral verhalten. Wie neutral ist manchmal erstaunlich. - Neutralität bewahren? Tatsachen verschweigen? Unfair und ignorant den Tatsachen gegenüber? Alles der Neutralität wegen? Das ist doch nicht mehr neutral? Sie müssten doch eine Position ergreifen, um das Kind zu schützen? Verdammt noch mal, wer soll das begreifen?

Aber meine Rechtsanwältin glaubte, wenn die Scheidung vollzogen sei, kehre Ruhe ein. Der Vater sei bisher immerhin damit einverstanden gewesen, dass das Kind bei der Mutter lebt. Er hielte sich einigermaßen an die Absprachen und arbeite im Ausland, sei also weit weg, um größeren Schaden anzurichten. Drei Jahre leben ich getrennt von Henry. Wenn ein alleiniges Sorgerecht von mir beansprucht werde, werde er sich nicht scheiden lassen, sondern weiter streiten, auf’s Böseste.

Simon wird immer älter. Er ist jetzt elfeinhalb. Er wird bald merken, wo er hin gehört. Ein Argument, endlich bald geschieden zu sein, zwar mit gemeinsamem Sorgerecht, aber der Vertrag, den Herr Tannen einmal ausgearbeitet hatte, bliebe bestehen. Simon bliebe bei mir. Besuchsrecht hatte der Kindesvater, wie schon immer vereinbart worden war. Simons Vater schrieb eine Erklärung, er sei damit einverstanden, dass sein Sohn bei der Mutter bleibt, denn sein Sohn habe nun mal eine sehr enge Verbindung zur Mutter, gab er zu. Er gab zu, was alle wussten. Ich wusste, es gefiel ihm nicht. Ich nahm den Rat der Anwältin an. Wir haben alles nach ihrer Planung durchgezogen. Endlich geschieden.


Krise in der integrierte Gesamtschule

Simon erklärte, mit Bestrafungen oder Demütigungen eines Lehrers nicht mehr klar kommen zu können. Es schien was daran zu sein, an diesen Aussagen. Nach massiven Kontroversen zwischen seinem Lehrer und ihm rief ich Simons Klassenfreunde an, um genau zu wissen, was da passierte. Simon stand vor mir am Telefon und hörte zu. Ich stellte das Telefon zum Mithören ein. Aylin erklärte: „Der Lehrer ist wirklich sehr oft ungerecht. Die Schimpfwörter hat er tatsächlich zu manchen Schülern gesagt. An alles kann ich mich nicht erinnern. Ungefähr Zweidrittel kuschen und haben Angst vor dem Lehrer. Aber ich nicht, ich habe keine Angst zu sagen, was ich sehe. Besonders unfair ist der Lehrer zu Simon. Simon ist aber auch selbst schuldig an der Unfairness des Lehrers. Er könnte ruhig netter sein und mehr mitmachen. Dann würde das alles nicht so passieren.“ Simon hörte, was Aylin sagte. Der Lehrer sollte Aylin Domina-Schlampe gescholten haben. Das wurde vom Lehrer abgestritten. Den Begriff konnte sich aber kein Schüler der fünften Klasse ausgedacht haben.

Später gestand Simon immer mehr, sein Vater hasste die Schule und machte sie schlecht. Genauso wie das Fahrradfahren mit mir. einhundert zehn Kilometer vom nördlichen Deutschland nach Hause schaffte Simon mit elf Jahren. Alle waren stolz auf ihn, nur sein Vater nicht. Er machte die Autotür auf und ließ Simon ins Auto steigen mit den Worten: „Ich zeige dir jetzt mal, wie man Urlaub mit Kindern macht“. Aber Simon erzählte auch, wie langweilig es Stieftochter Katharina und ihm in diesem Urlaub gewesen sei. Immer nur irgendwohin Auto fahren und ins Restaurant gehen, um etwas zu essen. Trotzdem mochte er irgendwann, als er ein fast vollkommener Radfahrer war, kein Rad mehr fahren. Es strengte ihn an. Es würde ihm keinen Spaß mehr bereiten. Ich ahnte den Grund.

In der IGS eskalierte alles. Ich nahm Simon aus der Schule, denn er sollte nicht in eine andere Klasse mit einem anderen Lehrer, wie der Schulpädagoge beantragte, der zugab, dass dieser Lehrer sehr schroff zu den Kindern war, und ich merkte, da funktionierte etwas zwischen den beiden, Lehrer und Simon, gar nicht mehr. Mit dem nicht genehmigten Klassenwechsel wurde wohl nur der Lehrer geschützt. Simon versprach, wenn er auf die Orientierungsstufe geschickt würde, könne er viel besser mitarbeiten. Sein Vater würde diese Schule auch besser finden. Ein Schulwechsel fand statt. Er zeigte mir gute Arbeiten.

Kopf- und Bauchschmerzen begleiteten Simon immer noch regelmäßig vor dem Besuch seines Vaters, nicht nur, weil der zu spät kam, um ihn für das Wochenende abzuholen. Er verachtete unsere Ideale und Lebensweisen, Sport, Radfahren, die Schulen und das gemeinsame Bücherlesen. Mir gegenüber war er immer noch ungehobelt und verachtend, auch wenn sein Sohn dazwischenstand. Daran änderte sich nichts. Dann machte mir Pitt ebenfalls Probleme. Er übte ebenfalls einen schlechten Einfluss auf Simons Schulaufgaben aus: „Was bist Du für eine Hexenmutter, eine drei in einer Arbeit ist schlecht?“ fragte mich sein jüngerer Bruder, nachdem Pitt dies weiter erzählte. „Nein, eine drei ist nicht schlecht. Man schaut sich seine Arbeiten nur an und guckt, ob man beim nächsten Mal etwas besser machen kann. Das verlange ich von Simon. Machst Du das gar nicht?“

Nein, diese Stellungnahme wurde von denen nicht akzeptiert. Simon konnte Zweien schreiben oder auch Fünfen. Die Orientierungsstufenzeit ging zu Ende mit einer Empfehlung für die Hauptschule für Simon. Der Rektor der Realschule wollte Simon doch noch einmal kennen lernen. Sie sprachen zusammen. Sie verabredeten, dass Simon auf die Realschule darf, doch dass er hier noch sehr viel zu tun hätte, das müsse er wissen. Nur, wenn er das wirklich wolle, könne er es schaffen. Und er wollte doch, seinen Blick, sein Kopfnicken und seine Körperbewegung habe ich deutlich gesehen.

Ich schaue zum Feuer im Kaminofen, am fünften Novembertag irgendwann,
und schlafe ein.
(© Ilona Meschke 2008)

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