am vierten Novembertag irgendwann
endlich genießen wir Freiheit, Liebe, Unantastbarkeit und Würde.
Denn wir machen einfach, was verboten ist und verschwören uns gegen das Jugendamt. Wir werden aber wieder mit dem Amt konfrontiert
und auch mit Henry.


Im Frühsommer
genießen wir Freiheit

Fünfzehn Monate waren vergangen seit der Trennung und den Erlebnissen mit dem Jugendamt. Immer noch war Frühsommer. Das dritte Mal zog ich mit Simon um. Erst in das Frauenhaus. Von da aus in das nahe gelegene Uni-Viertel, in eine hübsche Altbauwohnung mit viel Holzhochbau, was wir teilweise selbst bauten. Auf dem wir schliefen und spielten. Dann zogen wir in den idyllischen Vorort unserer kleinen Stadt, mit drei Flüsschen und Auenwald ringsumher. Ich fand für Simon die schon erwähnte Jugendberatungsstelle. Herr Tannen wurde zu unserem Berater und wenn Simon Probleme mit Mama oder Papa hatte, sollte er Herrn Tannen davon berichten, ganz vertraulich sollte er sich beschweren und beraten lassen, stark werden gegen alle Konflikte. Ganz schön schwer für einen so jungen Mann, aber ich vertraute Simon. Oder musste ich vertrauen? Er musste mit dem klar kommen, was ihm von seinen Eltern serviert wurde. Suchte ich einen Rat, ging ich ebenfalls zu Herrn Tannen. Das blieb. Aber jetzt genießen wir erst einmal die illegale Freiheit und Würde, die allen zusteht.

An diesem vierten Novembertag, an dem jetzt meine Geschichte weiter geht, stehe ich bereits fünf Uhr morgens auf. So richtig schlafen konnte ich ja nicht. Also krieche ich wieder in das gemütliche kleine Arbeitszimmer, feuere den Kaminofen an, starte die Eichenholzzeitmaschine. Ich recherchiere weiter. Wieder fliegen gegenwärtig die Herbstblätter gegen meine Fensterscheiben, und der Sturm rauscht durch die Bäume.

 

Unantastbarkeit
für Simon und mich verboten?

Hast du Sorgen und Leid zu tragen, gehe in den Wald. Schon immer war das der Platz mit dem ich Sorge und Glück teilen konnte. Das verstehen sogar meine Schulaufgabenhilfe-Kinder gut. Das Rascheln der Bäume die schattige Kühle und der Geruch waschen einen menschlichen Kopf so rein. Nichts als Klarheit und Trost empfinde ich hier. So sehe ich mich in der Eichenholzzeitmaschine wieder. Ich stehe unter den Bäumen und hebe meinen Kopf zu den raschelnden Baumkronen hoch, während Simon nahe bei mir das Rascheln auf dem Boden untersucht. Ich drehe weiter an der Eichenholzzeitmaschine herum.

Hier steht Herr Tannen und sagt wieder einmal: „Der Junge ist o. k. Die Eltern brauchen eine Therapie oder zumindest eine Beratung.“ Ich lasse mich also von Herrn Tannen weiter beraten und mache bei einer Art Elterntherapie mit. Es ist für Simon. Wie ist es mit Baumgart vom Jugendamt? Sollte er sich nicht auch therapieren oder beraten lassen? Es käme doch vielen Kindern zugute. Leider wird ihm das nicht angeboten.

Ich höre von Herrn Baumgart am Telefon, Henry habe meine Bereitschaft, eine ‚Therapie’ zu machen, begrüßt. Sehr lautstark, sehr hintergründig, stelle ich mir gerade vor. Zum Zwecke des Wohles für Mutter und Sohn? – Ironisch! Herr Baumgart gibt mir dies am Telefon weiter, trotz Schweigepflicht? Lautstark kommentiere ich jetzt Baumgarts Aussage: „Henrys guten Willen? Es war der Rat von Herrn Tannen, dass beide Eltern sich beraten, notfalls therapieren lassen. Der große Erfolg in der Sache kann vor allen Dingen erst dann eintreten, wenn Simons Vater dies täte, - hauptsächlich er!“ Ich behalte das letzte Wort am Telefon und wünsche mir nie wieder einen Kontakt mit Baumgart.


Vom Jugendamt getäuscht
Nie wieder Jugendamt
Nie wieder Baumgart

Jugendämter können so schnell nicht ausgeschaltet werden. Und überhaupt, sage niemals: „Nie“, „nie wieder“, und „nie, nie, niemals wieder Jugendamt“, sonst wird es anders kommen. Wir treffen uns bald alle wieder mit dem Amtsvertreter im Amt. Wir telefonierten wieder alle miteinander. Nicht ich mit Henry, nein. Aber Simon, Herr Tannen, Herr Baumgart und ich quer Beet. Und ebenfalls Henry mit jeweils den anderen Personen, nachdem ich eine ganze Zeitlang keinen an Simon heran ließ und keiner wusste, wo wir wohnten. Ich kann nirgendwo finden, dass Henry mit Herrn Tannen spricht, egal. Aber ich sehe mich mit Simon noch einmal am Waldrand vor einem jungen Igel sitzen. Während wir uns ihn ansehen sprechen wir ihm beruhigende Worte zu, damit er merkt, wir sind Freunde und wollen ihm nichts tun. Ich weiß nicht, wie gut Igel hören können, bin aber sicher, sie nehmen etwas davon wahr. Dann fange ich an, mit Simon über unsere momentane Situation zu sprechen. Simon war völlig damit einverstanden, Vater und Großeltern nicht mehr zu besuchen, solange die sich so verhalten. Er erzählt mir von undeutlichen Bemerkungen seines Vaters, die irgendwie aussagten, er wollte ihn klauen, - entführen. Auch Simon war über Baumgart und das Jugendamt verärgert, aber besuchte freiwillig und gern Herrn Tannen.

Ich muss die Eichenholzzeitmaschine zurückdrehen wegen der wichtigen Ereignisse. Die Zeit ist hier günstig, alle unangenehmen Menschen mit ihren bedrohlichen Eingriffen fernzuhalten. Sie kaltzustellen, indem wir nicht mehr zu erreichen sind. Wenigstens eine Weile, eine lange Weile. Es ist eine schöne Zeit, ein schöner Sommer. Ein paar Monate bleibt es so mit Ruhe, Harmonie und Liebe. Doch nicht ein ganzer Sommer hält meine Barrikade auf gegen bedrohliche Monster, privat oder amtlich.

Die Ferien begannen. Simon wollte oder sollte drei Wochen mit einer städtischen Jugendgruppe an einem Ferienort verweilen. Jetzt finde ich die richtige Stelle in der Eichenholzzeitmaschine. Simon hat die vierte Klasse beendet und eine Aufnahmebestätigung für die fünfte Klasse an einer Ganztagsschule erhalten. Keiner weiß davon, dass er die Schule wechselt. Es macht sich eben auch niemand anderes Gedanken und plant für Simon im Vorfeld für seine Zukunft, - nur ich. Also fragt keiner, und keiner erahnt den Schulwechsel. Auch Henry nicht.

Dann erst ziehen wir in unseren idyllischen kleinen Vorort, heimlich, schweigend gegenüber den lebenzerstörenden Geistern. Ich nehme die alte Telefonnummer mit. Simon geht nicht mehr ans Telefon. Mit der alten Adresse schrieb ich einen Brief an Simons Vater. Solange er nur seine eigenen Interessen verfolge und nicht bereit sei, in angenehmer Weise Simon ein Vater zu sein, solle er nicht mehr kommen und das Kind abholen. Er solle sich von der Wohnung fernhalten, meine Rechtsanwältin bekommt diese Nachricht. Aber auch sein Rechtsanwalt bekommt von ihm einen Auftrag, um gegen die von mir gesetzte Maßnahme vorzugehen. Die vorangegangenen Briefe, die Gesprächsangebote von mir, um Frieden herbei zu schaffen, verschwieg er seinem Anwalt. Jetzt will Henry wieder einmal richtig den nächsten Schuss setzen mit Gericht, Rechtsanwalt und Jugendamt. Nun bekomme ich wieder schriftlich, was er ständig zu beweisen versucht. Angeblich habe er einmal mit mir eine Frau gehabt, die aus einer intakten Ehe ausbrach, psychisch erkrankt sei, seinen Sohn verlottern lasse, der ebenfalls schon seelisch sehr gestört sei, verhaltensgestört. Und es sei höchste Zeit, den Sohn der Mutter fortzunehmen.

Wie kann man nur aus einer Ehe ausbrechen, ist das ein Knast, überlegte ich schon damals, als ich seine Schreiben las. Doch meine Rechtsanwältin kümmert sich um den Schriftverkehr und will klar stellen, warum ich den Knaben nicht zu seinem Vater lasse. Wir Eltern streiten schon wieder einmal vollends für ein alleiniges Sorgerecht für Simon. Er bereitet sich auf die Sommerferien und das anstehende Ferienlager vor. Wir gehen wieder durch den Wald nahe unserer neuen Wohnung, klettern und springen über gefällte Baumstämme und schauen auf das Lichterspiel von Sonne, Schatten und Wind. Da sagt mir Simon: „Seit wir hier wohnen, kann ich viel besser atmen. In der Stadt stinkt es immer nach Straßenverkehr.“ – „Simon, mir fällt auf, ich Huste nicht mehr.“ – „Stimmt, Mama, jetzt fällt mir das auch auf.“ Meine Art Pseudokrupp-Husten ist also geheilt.


Ferienzeltlager
und Gespenster im Klo

Simon ist noch nicht im Ferienlager, sondern bei Freunden in der neuen Wohngegend. Ich sitze jetzt in meinem Garten und sehe meinen Garten in der Eichenholzzeitmaschine, wie er die Jahre zuvor aussah. Ich sehe mich im Garten. Ich schreibe Simon kleine Ansichtskarten mit einem Flickenbär. Jeden Tag bekommt er von mir eine Urlaubskarte und der Flickenbär auf der anderen Seite erzählt ihm seine Erlebnisse. Das Wetter ist schön. Es kommen gerade Freunde in den Garten. Ich zeige die Ansichtskarten, die Simon im Ferienlager bekommen wird. Sie finden die Karten nett und unterhaltsam. Sie amüsieren sich über manche Dinge darin. Wir trinken Kaffee und essen Kuchen.

Das ist der Sommer, der uns Freiheit und Unantastbarkeit gibt, wenn wir es verstehen, Post und Telefongespräche auszuklammern. Bald macht Simon Ferien am Meer. Seine Ansichtskarten, die er jeden Tag von mir bekommen soll, sind also schon fertig geschrieben. Briefmarken sind schon drauf. Bald bekommt er sie nach und nach zugeschickt. Seine Sachen sind gepackt. Er wird zum Bus gebracht und ist dann bald verschwunden, drei Wochen lang. Schaffen wir das? Schaffe ich das? Schafft Simon das?

Simon befindet sich im Zeltlager. Es war an einem Wochenende, welches für mich schon Freitag anfing, denn Schulaufgabenhilfe ging bis Donnerstag. Ach, und es sind ja auch Ferien für mich. Simon ist bereits vierzehn Tage von mir weg und bekommt jeden Tag eine kleine Ansichtskarte mit dem Flickenbär und seiner Geschichte. Die Karte, an dem der kleine Flickenbär Heimweh bekommt, musste wohl bei Simon jetzt angekommen sein. Immer noch bin ich mit dem Umzug beschäftigt. Ich schlafe am Morgen. Das Telefon klingelt. Jetzt meldet sich Simons Vater: „Willst Du Deinen Herd und Deine Gefriertruhe wieder haben? Ich ziehe um.“ Aha, er zieht also auch um. Ach, ich wusste es ja, in das neue Haus nach Gifhorn, in das er Simon entführen wollte. Wohnten Baumgart und seine Familie nicht auch in Gifhorn? Er erzählte doch davon?

Doch überrascht bin ich schon, dass er sich meldet und mit mir Worte wechselt und dann auch noch meine Küchengeräte freiwillig herausrücken will. Natürlich wollte ich die Gegenstände haben. Ein befreundetes Pärchen kommt mit einem VW-Bus, um mir zu helfen, meine Sachen, die er so rausrückte, zu transportieren. Die Gefriertruhe und der Herd werden jetzt eingepackt, und später nach dem Transport in meinem Gartenhäuschen zwischengelagert. Dann grillen wir im Garten und diskutieren über Kompost, Gänseblümchen auf einer Wiese im Schrebergarten, über große und kleine Sonnenblumen und so einiges. Ich lege mich ahnungslos schlafen. Auch habe ich mir die Geräte, die meine Freunde für mich transportierten noch gar nicht angesehen.

Wieder klingelt früh das Telefon. Der überraschende Anruf kommt aus Simons Ferienlager. Betreuer rufen mich an. Simon will nach Hause. Er scheint sich im Raum des Telefons zu befinden. Bin ich jetzt schuld wegen der Karte mit dem Flickenbär, der Heimweh hat?

Gerade drehe ich doch noch einmal die Eichenholzzeitmaschine etwas weiter zurück, um auf dem richtigen Punkt zu stehen, Wesentliches zu berichten. In meinem Garten sitzend bereite ich weitere Ansichtskarten vor. Da waren wir schon. Aber das ist der Punkt, hier erkläre ich noch einmal richtig die Ansichtskarten. Da liegen auf dem Tisch immer noch niedliche Ansichtskarten mit dem kleinen geflickten Bären und seine Erlebnisse passend zum Bild vorne, schreibe ich hinten ausführlich auf die Karte. Lauter kleine Karten lassen sich nach Beendigung der schriftlichen Geschichte auf dem Gartentisch von der Sonne bescheinen, und Simon war noch gar nicht weg, als ich die Geschichten auf die Karten schrieb. Der Bär geht auf Reisen und erlebt Abenteuer mit seinen Freunden. Abenteuer in der Sonne, wie alle Mitteleuropäer in dieser Zeit, mal auf dem Wasser, mal in Wanderstiefeln. Der Bär hält ein Picknick mit seinen Freunden oder er skatet durch die Welt. Passend zum Bild fallen mir kurze, lieb gemeinte Erlebnisse des kleinen Bären ein und schreibe diese auf die Ansichtskarten. Und da ist die Karte, auf dem der Flickenbär traurig ist. Ganz alleine sitzt er auf einen Baumstamm. Er bekommt Heimweh möchte gern nach Hause. Hätte ich diese Karte nicht ganz auf den allerletzten Zeltlagertag verschicken sollen? – Schlimm!

Der Betreuer beklagt sich am Telefon und ich höre Simon im Hintergrund schimpfen. Ich sitze am Telefon, zwar schuldbewusst, doch deshalb erst recht cool, meine Beine auf dem Schreibtisch lang gestreckt erkundige ich mich mit Flegelgeste nach seinem Anliegen. Nach und nach stellt sich das Ereignis für mich so dar:

Eine Stinkwut hat Simon wegen eines Jungen, etwas kleiner als er. Laufend wird er vom Kleineren genervt. Der Kleine kommt auch mit den anderen Kindern nicht klar, den noch größeren und reiferen als Simon. Er musste die Zelte und Kindergruppen so lange wechseln, bis er in Simons Zelt gekommen ist und nun neben ihm ein Luftmatratzenbett hat. Nicht lange wohnt er neben Simon, aber die beiden kollidieren. Simon ist anscheinend einen permanenten Ärger des Kleineren nicht gewachsen: „Da kann‘ste machen, was Du willst. Der hört nicht auf“, versichert mir Simon. Wütend fordert er den anderen Jungen auf, die Ärgernisse zu unterlassen. Doch dieser schien Spaß an Simons Missfallen zu haben. Diese Situation baut Simon als offizielle Begründung auf, das Ferienlager abzubrechen. Die Betreuer schimpfen über ihn, und er attackiert die Betreuer. Wutentbrannt schimpft er, denn von denen kam die Option, mit diesem Jungen klarzukommen. Und die finden das immer noch richtig. Vielleicht, damit sie selbst davon entlastet werden?

Zwei Betreuer kritisieren Simon und lautstark kritisiert er zurück. Ich lausche am Telefon, denn ich bin angerufen worden, ohne ein direktes Gespräch bekommen zu können. Ich rufe durch das Telefon: „O. k., o.k., ich hole Simon ab, gleich früh fahre ich los. Simon hast du gehört. Ich hole dich ab.“ Die Betreuer wollen nicht loslassen. Sie gaben zu, dass sie wussten, Simon wurde stark geärgert. Weshalb sie ihn trotzdem belasteten, war mir unklar: „Ach bitte, jetzt am Telefon nicht mehr weiter diskutieren. Ich hole ihn doch ab. Er will es so, wenn ich es recht verstanden habe.“

Ich borge mir ein Auto. Am selben Tag noch vormittags stehe ich auf dem Ferienzeltplatz, vor der Anmeldung und vor dem von Simon und dem anderen Jungen bewohnten Zelt. Ich stehe vor ihren Betten und beobachte Szenen, wie sie streiten. Der Streit wird trotz meiner Anwesenheit oder gerade deswegen kontinuierlich fortgeführt. Und er scheint darin zu bestehen, dass der andere Junge immer zu Simon geht und ihn irgendwie ärgert, muss ich schon mal fairer Weise sagen. Auch der andere Junge gibt das ständig zu. Ja, er will Simon ärgern und macht in einem fort weiter. Ich sehe, wie er gerade gegen Simons schon gepackte Reisetasche tritt und danach wegläuft, aber bald wieder kommt, um erneut dagegen zu treten. Bald stehe ich den Betreuern wieder gegenüber und Simon neben mir. Wir wollen uns verabschieden. Die Kinder versammeln sich um uns herum: „Schade, dass du gehst, Simon. Ach, bitte geh noch nicht, Simon.“ – „Ja, schade, vielleicht können wir das noch regeln“, meint ein Betreuer. „Nein, ich werde nach Hause fahren! Ich finde nichts schade! Bei euch ist es öde und langweilig! Ohne Aufsicht sind die Kinder fast den ganzen Tag! Keine Beschäftigung bekommen wir!“ Mit anderen Worten, selbstbewusst akzeptierte Simon die Betreuer nicht als Betreuer, und die Betreuer annullieren Simons Aussagen solange, bis wir uns alle endlich verabschiedet haben und wir uns entfernen.

Ich wusste, Fachleute waren es nicht, nicht speziell für ihr Hobby ausgebildet, während Simon im Auto von ihren Gespensterwitzen erzählte: Gespenster sind im Klo? Immer wenn ein Kind nachts muss? Äh, äh? Ich weiß nichts. Ich war nicht dabei.

Ich drehe weiter an der Eichenholzzeitmaschine. Jetzt steigen wir ins Auto. Wir fahren ans Meer, dann gehen wir in ein gemütliches Restaurant. Ich freue mich, Simon wieder zu haben, überreiche Simon die restlichen acht Bärenkarten, die er gespannt durchliest und anschaut. Er schaut mich lange an. Seine Mama kann schon schöne Geschenke machen, denkt er wohl. Spät am Abend fahren wir nach Hause.


Henry schlägt zu:
Abbruch des Ferienlagers
gegen Simon und mich

Ich gebe das Datum des nächsten Tages in die Eichenholzzeitmaschine ein. Sie zeigt den darauf folgenden Sonntag. Einen Tag später also stehen wir im Garten und sehen uns die Küchengeräte an. Wir sehen, dass die im Garten zwischengelagerten Küchengeräte, Herd und Gefriertruhe, nicht die waren, die ich früher selbst gekauft hatte, und gerne zurückhaben wollte. Simon empört sich: „Das sind ja wirklich nicht unsere Küchengeräte, ganz andere, alt, schmutzig und verrostet. Der Papa hat Dich reingelegt.“ Wieder bekommen wir Hilfe, um den Transport rückgängig zu machen. Gartennachbarn helfen uns, die Geräte einzeln in den Pkw zu laden, die ich danach mit Simon zurückfahre. Ehemalige Hausnachbarn aus dem Haus, aus dem Henry gerade auszieht, halfen uns, die alten Geräte aus dem Auto in den Hof zu stellen, dorthin wo all der Umzugsmüll von Henry Hölzer steht. Henry kommt, nachdem wir das zweite Mal ein Küchengerät aus dem Auto laden. Er fragt, was das solle. Ich konstruiere gerade eine passende belanglose Gegenfrage, dann aber sieht er Simon neben mir stehen, der doch normaler Weise noch eine Woche ins Ferienlager gehört: „Was macht der Junge hier?“

Jetzt schalte ich die Eichenholzzeitmaschine aus, schaue kurz aus dem Fenster und erinnere mich: Fröhlich fuhren wir zurück in den Garten, zumindest ich, und Simon ließ sich keine Traurigkeit anmerken. Für ihn war klar, wer der Übeltäter in diesem Spiel gewesen war. Bestimmt ist das wichtig für Kinder, zu wissen, wer von beiden zündet da das Feuerwerk. Doch sobald alles unklar erscheint, jeder der Elternteile verschiedene Sichtweisen sagen, die beide nur heißen, der andere hat Schuld, beginnt es, an den Kindern zu nagen. Wer macht den Krieg, müssen sie, die Schwächsten, jetzt selbst herausfinden. Was sie gar nicht mögen. Was ihnen gar nicht liegt. Doch es wird ihnen aufgezwängt. Aber nun war Simon bei mir. Und immer, wenn er nur bei mir war, wurde er ausgeglichener, freier und selbstbewusster.

Ich ahnte nicht, Henry fütterte, nachdem er Simon gesehen hatte, die alten Kanonen weiter. Er erkundigte sich beim Jugendamt, weshalb Simon nicht mehr im Ferienlager verweile. Er stellte erst danach eine Verbindung zu den Betreuern im Ferienlager her und hörte die Betreuer über Simon und mich reden, die ihren Ärger endlich herauslassen konnten, denn anscheinend verstand Simons Vater sie besser als ich sie verstanden hatte. Henry informierte das Jugendamt über seine Recherchen und informierte seine Rechtsanwälte, die sich an Gericht und Richter wandten. Die Konstruktion: Der Junge sei bei mir verhaltensgestört geworden, er musste sogar vom Ferienlager abgeholt werden, weil er sich gemeinschaftsunfähig verhielte, klangt plausibel, solange Simon sich noch nicht selbst dazu äußert hatte.

Aber all das erfuhr ich erst, als ich ahnungslos zwei Tage später ans klingelnde Telefon ging und Herrn Baumgart an der Strippe hatte. Ich rief Simon und gab ihm den Telefonhörer. Er selbst erklärte dem Amtsvertreter selbstbewusst und entschlossen, weshalb er nicht mehr im Ferienlager sein mochte. Also wegen dieser Berichterstattung fahre ich die Eichenholzzeitmaschine noch einmal hoch, und beobachte noch einmal Simon am Telefon, der gelassen mit Baumgart diskutierte und sich selbst vertrat. Doch das reichte Baumgart nicht. Er verlangte mich noch einmal ans Telefon und meinte, Simon müsse persönlich im Amt vorsprechen, weshalb er von dort wegging, wo er anfangs freiwillig hingegangen ist.

„Gut, soll er machen. Doch nicht vor dem Jugendamt. Das alles soll in den Räumlichkeiten von Herrn Tannen und vor Herrn Tannen passieren, Herr Baumgart“, so fordere ich den autoritären Gesprächspartner heraus. Baumgart genehmigt nach meinem Willen und setzt sich mit Herrn Tannen telefonisch in Verbindung. Herr Tannen ruft mich zurück, um den bereits soeben vereinbarten Termin bekannt zu geben und von mir bestätigen zu lassen. Ich fahre die Eichenholzzeitmaschine herunter und erinnere mich schwach, dass Simon vor diesem Termin noch einmal freiwillig zu Herrn Tannen ging und ihm ganz viel vom Ferienlager berichtete. Herr Tannen hörte lange zu, schmunzelte und stellte noch ein paar Fragen. Dann sagte er: „Na, wenn das so ist. Also, wenn es in einem Ferienlager so wäre, dass es überhaupt keinen Spaß mache, dann würde ich auch versuchen, mich dem zu entziehen.“ Wir verabschiedeten uns und lächelnd, denn wir drei verstanden uns sehr gut. Henry hatte seinen Angriff verloren.


Simons Vorsprache beim Jugendamt
und Henrys Autoblockade

Die Zeit verrann und immer noch wusste keiner, wo wir wohnten. Auch Simons Vorsprache vor Herrn Baumgart, weshalb er aus dem Zeltlager ging, hatte noch nicht stattgefunden. Ich fahre die Eichenholzzeitmaschine am vierten Novembertag irgendwann noch einmal hoch und schaue hinein. Wir machen uns fertig, um den Termin bei Herrn Tannen mit Herrn Baumgart wahrzunehmen. Gerade will ich mein Rad aus dem Keller holen. Simons Rad steht hinten auf dem Hof. Ich öffne die Tür. Simon steht zufällig hinter mir. Ich erschrecke. Simon hält sich an mich fest. Vor der Eingangstür steht ein Monster. Mit versteinertem kalten Gesicht, hoch aufgebäumt. Er steht vor mir, an mir vorbeischauend, - herablassend der Blick.

Henry steht da: „Ich nehme den Jungen jetzt mit!“ droht er. Hinter mir verkriecht Simon sich und hält mich weiter fest. Ich lasse Henry nicht rein, doch er lässt mich die Tür nicht schließen. Ein Ellenbogen und ein Fuß blockieren diese Maßnahme. Ich schreie: „Hilfe! Hilfe!“ Über mir höre ich meinen Nachbarn. Er ist zu Hause. Er soll kommen und helfen. Er kommt. Er steigt die Treppen herunter. Henry tritt zurück. Ich werde cool: „Passt sich gut, Henry, dass Du vorbei schaust. Wir haben gerade einen Termin. Du kennst die Jugendberatungsstelle von Herrn Tannen? Dort werden wir in einer halben Stunde sein und Simon erklärt, weshalb er früher vom Ferienlager abgeholt wurde als geplant. Der Nachbar steht oben auf der Treppe und fragt, ob alles in Ordnung sei. Ich bitte ihm in der Nähe zu bleiben und spreche weiter: „Herr Baumgart wird auch dabei sein. Vielleicht solltest Du auch hinfahren. Dann erfährst Du direkt, was Du schon seit längerer Zeit wissen wolltest.“ Er entfernt sich von unserer Wohnungstür und will den Hausflur verlassen. Dann dreht er sich vor der Haustür um: „Ich nehme den Jungen mit ins Auto!“ - „Nein, das lässt Du! Du fährst dort alleine hin! Simon und ich, fahren mit dem Rad! Henry verschwindet, ohne den Nachbarn zu begrüßen. Der Nachbar fragt, ob er denn irgendwie helfen kann. „Nein, danke, Tino, alles geklärt, das reicht jetzt.“ Henry steigt in sein Auto, ein grauer Passat. Ich atme auf. Meine Beine sind ein wenig schlapp geworden. Sie wackeln und stehen nicht mehr so fest. Simon steht immer noch hinter mir, ganz unbeweglich. Tino bietet uns noch Hilfe an, wenn irgendetwas sei, aber Henry ist jetzt weg: „Danke, Tino.“ Wir radeln los Richtung Innenstadt..

Simon erholt sich und er weiß, jetzt beginnt die Reise zu Herrn Tannen. Gleich kann er seine Erlebnisse noch einmal schildern, damit hat er keine Schwierigkeiten. Inzwischen macht es ihm sogar Spaß. Ich bin froh, gleich alles Neue und auch Alte erzählen zu können, über Henry, der vor der Wohnungstür drohte. Und vor Menschen wie Tannen, die richtig urteilen können, feststellen können, welcher Elternteil maßgeblich verantwortlich für Verhaltensstörungen eines Kindes sein könnte, falls Störungen da sind. Vielleicht schaffen Tannen und Baumgart uns jetzt mehr Sicherheit oder mir ein alleiniges Sorgerecht, damit nur einer die Verantwortung für alles trägt und frei handeln kann. Irgendwann begreifen Herren eines Jugendamtes wie Baumgart sicher auch etwas, ganz sicher.

Raus aus unserer Siedlung fahren wir eine ziemlich belebte Landstraße, eine breite Allee, entlang in die Innenstadt. Auf dieser Straße ist ein gut ausgebauter Radfahrweg, rechts davon der Gehweg für die Fußgänger, danach kommt ein kleiner Wald. Bushaltestellen waren auch dort und links von uns noch eine Baumreihe, dahinter die Straße. Ein Auto fährt an uns vorbei. Es biegt rechts ab, ohne dass sich dort ein Weg zum rechts weiter fahren befindet. Mit anderen Worten, es blockiert uns den Rad- und den Fußweg zugleich. Wir kommen nicht mehr durch, müssen abbremsen auf unseren Rädern. Henry steigt aus dem grauen Passat, ganz schnell gelangt er vorn vom Fahrersitz um seine Karosserie herum zur anderen Seite des Wagens und steht vor uns. Ich schreie. Simon weint. Ich halte den Jungen fest und schreie weiter nach Hilfe. Die Räder liegen auf dem Boden. Die Leute werden aufmerksam. Henry verschwindet wieder ins Auto. Blitzschnell fährt er rückwärts auf die Straße zurück und weiter geradeaus entfernt er sich von uns. Das war ein Schreck. Wir fahren weiter.

„Ich kann nicht mehr Fahrrad fahren. Der Papa hat so viel Öl an mein Rad gemacht als es hinten auf dem Hof stand. Wir haben nicht aufgepasst. Jetzt rutscht alles“, weint Simon. „Simon, komm, wir fahren vorsichtig weiter. Es ist jetzt wichtig zu Herrn Tannen und Herrn Baumgart zukommen.“ - „Ich kann doch nicht. Ich kann doch nicht. Mein Fahrrad ist zugeölt“, weint Simon weiter.

Ich glaubte, die Blockade überstanden zu haben. Doch Henry kommt wieder und blockiert uns plötzlich in gleicher Weise von neuem. Wieder schreie ich um Hilfe. Simon weint. Die Leute an der Bushaltestelle schauen herüber. Ich schreie lauter. Henry setzt sich schnell wieder ins Auto, fährt zurück, nach vorn die Straße entlang und ist weg. Simon weint. Er kann nicht mehr Fahrrad fahren. Er ist davon überzeugt, dass sein Vater heimlich hinten auf dem Hof gewesen ist und sein Fahrrad unfahrbar mit Öl beschmiert hat. Es rutscht nur noch. „Simon, wir sind gleich beim Kinderhort. Da machen wir Pause und rufen Herrn Tannen an, dass wir etwas später kommen.“ – „Ja, Mama!“, weint Simon weiter. Wir sind noch nicht bis zum Hort gekommen, da kommt Henry wieder, ein drittes Mal und versucht das gleiche Spiel. Ich schreie erneut um Hilfe und laut. Henry verdrückt sich. Er sieht uns noch über die Straße laufen, die Fahrräder schiebend in den Hort verschwinden, den er selbst nicht kennt, und wo ihn keiner rein lässt. Simons Betreuerinnen empfangen uns. Ein Betreuer, Akki; untersucht das Fahrrad: „Simon da rutsch gar nichts, sieh mal, das ist hier alles ganz normal“. Wir telefonieren. Simon schildert den wartenden Herrschaften bei Herrn Tannen im Sprechzimmer, was er soeben erlebte.

Herr Tannen sorgt dafür, dass der Termin nicht platzt. Simon soll sich Zeit lassen. Alle werden auf ihn warten, bis er ankommt und erzählen kann. Es wird uns keiner mehr aufhalten. Sein Vater sei schon bei denen angekommen und warte mit ihnen auf uns. Wir fahren weiter und stehen bald vor dem Sprechzimmer, ein wenig abgekämpft, ein wenig verschmiert. Ich nur wenig, Simon etwas mehr. Denn er glaubt immer noch, sein Fahrrad sei voller Öl, und fiel deswegen auch ein paar Mal hin. Seine Finger, sein Gesicht mit Öl beschmiert, nein es war wohl eher Schmutz. Aufgeregt und noch nicht richtig angekommen schauen wir jetzt auf die drei Männer, die im Zimmer sitzen und uns bereits erwartet haben. Sie schauen zurück, die Drei, darunter auch Henry. Alle sitzen am Tisch. Bei ihnen sind zwei leere Stühle.

Simon greift nach einem der leeren Stühle und rückt ihn hin und her. Er bietet mir den Stuhl neben sich an. Herr Tannen bittet uns alle, einen Moment Simon Aufmerksamkeit zu schenken und zu beobachten, wie er die Stühle hinrückt. Wir sollen schauen, wie er sich hingesetzt hat, wie er sich positioniert hat. Er sitzt zwischen Vater und Mutter. Herr Tannen nimmt einen Gegenstand, um abzumessen, wie viel Freiraum sein Stuhl zwischen Mama und Papa hatte. Da ist kein Abstandsunterschied. Er sitzt genau zwischen Vater und Mutter. Keiner hat einen Zentimeter mehr Nähe zu ihm bekommen. Das zeigt, dass Simon beide wichtig findet, beide gleich lieb hat, egal, was sie gerade tun, taten oder unterlassen hatten. Einen Moment ist deswegen Stille eingekehrt.

Ja, wir sollten einander achten, Simon zuliebe. In diesem Augenblick wird mir so richtig klar, wie viel Achtung ich vor diesem kleinen Jungen habe, der zwar jetzt deutlich mitbekam, wer von seinen Eltern der Übeltäter immer wieder ist, und für seine schlechten Taten kritisiert werden müsse, die Konsequenzen tragen müsse. Doch der Junge hat beide lieb und verstößt keinen. Es steckt so viel Kraft und Fairness, so viel Wertvolles in Simon.

Simon erzählt nicht mehr vom Ferienlager. Er erzählt, was er gerade erlebt hat, wie sein Papa plötzlich dreimal aus dem Auto sprang, wie sein Fahrrad nicht mehr fuhr wegen des Öls, wie er sich an seiner Mutter festhalten musste, als sein Papa vor der Wohnungstür stand. Henry wird nach seiner Meinung gefragt. Doch erst, als Herr Tannen ihn darauf aufmerksam macht, wie bedrohlich diese Aktionen für seinen Sohn gewesen sind, sagt er kleinlaut: „Das habe ich nicht gewusst. Ich habe mir da keine Gedanken drüber gemacht.“

Herr Baumgart wird von Herrn Tannen gefragt, was er jetzt und in dieser Situation vorhabe, was er zu unternehmen gedenke. Herr Baumgart wundert sich eine Weil, angesprochen worden zu sein. Dann erzählt er, wie er die Mutter von Henry, die ins Amt kam, kennen lernte. Sie sei in ihren Ansichten sehr eingeschränkt und will da gar nicht heraus. Und doch glaube er, dass er über die Mutter Einfluss auf Henry bekommen könne. Nicht schlecht, diese Gedanken mit der Mutter. Allerdings wohnt die dreihundert Kilometer entfernt. Henry sitzt neben ihm. Doch ich mache den Gesprächskreis jetzt darauf aufmerksam, dass ich damals diejenige war, die es überhaupt veranlasst hatte, dass die Mutter kam, und wie enttäuschend schief alles gegangen ist und für mich unverständlich war, weshalb ein gemeinsames Gespräch mit allen nicht konsequenter vom Amt gefordert wurde. Kurz gesagt, ich führte mit Herrn Baumgart einen ernsten Disput und fordere mehr, als er angeblich plane. Dann sagt Herr Baumgart tatsächlich, er hätte sich an meine Aktion und Einladungsbriefe für Gespräche erinnert. Und er fragt weiter mit fragendem Blick auf Herrn Tannen, wahrscheinlich hätte ja Herr Tannen die Briefe formuliert und auch die Aktion geplant?

Da bin ich richtig sauer geworden. Ich erhebe mich vom Stuhl und versichere, dass ich die Briefe formuliert und die Aktion geplant habe.

Henry hört das erste Mal vom Hort, in den wir flüchteten und den wir daher wohl sehr gut kennen mussten. Er erfährt das erste Mal, Simon besucht diesen Hort nach der Schule, während ich inzwischen arbeite. Er versucht das gleich alles zu bewerten, was er jetzt neues zu hören bekommt. Herr Tannen unterbricht Henra, er findet die ganze Organisation in Ordnung und erklärt das Henry ausführlich und verständnisvoll-wohlwollend zu Henry. Er erklärt Henry auch, dass inzwischen zweidrittel Elternpaare geschieden oder getrennt lebend sind in dieser Region und es da gar nichts einzuwenden gibt. Jeder könne sich durchaus engagieren und es den Kindern damit einfacher machen. Auch die Elternteile mit unterstützen, bei denen das Kind lebt. Das sei alles möglich. Das hätten schon viele verstanden und durchführen können. Die Kinder der Eltern, die das können, sind dankbar. Simon habe außerdem eine gute enge Verbindung zu seiner Mutter. Es wäre problematisch für ihn, sollte diese Verbindung kaputt gehen.


wohlwollend formuliert  Herr Tannen
ein schriftliches Besuchsrecht für Henry

Wir verabschieden uns alle nach diesem letzten Gespräch bei Herrn Tannen und wollen gerade gehen. Da fragt Henry Herrn Tannen noch: „Herr Tannen, haben Sie Kinder?“ – Herr Tannen bejahte das. Henry fragt weiter: „Wissen Sie, wie es einem Vater geht, wenn er sein Kind überhaupt nicht mehr zu Gesicht bekommt?“ Auch diese Frage bejaht Herr Tannen. Er macht den Vorschlag, einen Besuchs- und Umgangsvertrag zu formulieren. Er fragt vorher noch, wie das denn jetzt mit den Unterhaltszahlungen aussehe. Für das Wohl des Kindes müsse einfach gesorgt werden, und da spiele es eine große Rolle versorgt zu werden. Es habe einige Probleme in der Vergangenheit gegeben. Henry versicherte, Unterhalt nach der gerichtlichen einstweiligen Verfügung werde regelmäßig gezahlt. Ich bestätigte das mit Einschränkungen, aber ab jetzt solle gezahlt werden.

Vereinbarungen für Besuchsrechte des Vaters werden bald von Herrn Tannen entworfen, so wie es auch gesetzlich geregelt sei. Dafür stimme der Vater zu, dass das Kind im Haushalt der Mutter lebe und will die Gerichtsklagen vorerst zurückziehen. Besuchsrecht des Vaters sei jedes zweite Wochenende und bestehe auch für die Hälfte der Ferien, auch mit Uhrzeit. Und daran müsste er sich dann auch halten. Herr Baumgart werde einen Zweitdruck für seine Akten bekommen.

Das Zuspätkommen des Vaters in vergangenen Zeiten und Simons Bauchweh wegen der Wartezeit wird neu diskutiert. „Herr Hölzer, gehen Sie doch nicht immer davon aus, dass Sie später kommen müssten wegen irgendwelcher plötzlich dazwischen kommenden Gründe. Gehen Sie erst einmal davon aus, dass Sie es schaffen, pünktlich zu sein. Falls es dann wirklich mal anders sein sollte, gut, dann ist es einmal anders. Aber gehen Sie bitte davon aus, dass Sie rechtzeitig kommen können. Wenn ich das umgekehrt im Kopf habe, passiert mir so etwas viel schneller.“ Herr Tannen sagt das stets und alles, was er sagte, geschickt auf eine sanfte, kumpelhafte Art, aber ernsten Art, von Mann zu Mann auf gleicher Ebene.

Ich weiß noch, Henry holte seinen Sohn daraufhin regelmäßig ab wie vertraglich vereinbart. Jedes zweite Wochenende und die Hälfte der Urlaubszeit gehörte ihm und Simon. Vertraglich wurde auch vereinbart, dass Simon in meinem Haushalt lebe und Henry in der Woche nur auf beiderseitigen Elternwunsch Kontakt zu Simon aufnehmen solle. So weit so gut und auch Henry unterschriebt diese Blätter. Sehr oft kam er in der ersten Zeit auch pünktlich oder er rief an und vertröstete Simon auf eine halbe Stunde, die manchmal auch die nächste halbe Stunde hinterzog. Und wir saßen später ständig in der Wohnung und warteten auf Henry. Meine eigenen Verabredungen blieben dabei in den Sümpfen unserer kleinen Aue. Ausflüge und vorherige Verabredungen mit Freunden fanden ohne mich statt, denn ich wollte Simon nicht alleine warten lassen, weil ihn die Warterei in der Vergangenheit und in der Zukunft sehr belastete. Danach bleibt mir nur noch das Herumstöbern in der Wohngegend. Kurz gesagt, Henrys Verhalten änderte sich nicht sonderlich. Baumgart ließ nichts mehr von sich hören. Er plante nichts, setzte sich nicht zum Kindeswohl mit der Angelegenheit auseinander. Entsetzlich!

Dann gibt es noch ein Schreiben von Henry an das Gericht, welches er nach diesem Gespräch aufsetzte. Er wolle die Klage für alleiniges Sorgerecht erst einmal zurückbehalten, denn Mutter und Sohn hätten zurzeit eine enge Verbindung zueinander, und es gebe inzwischen eine Besuchsregelung mit der er erst einmal leben könne. Später erzählte mir Simon, sein Vater arbeitete wochentags im Ausland und käme erst am Wochenende. Sicher, das kommt uns zugute mit seiner Entscheidung, nicht mehr streiten zu wollen oder seinen Sohn zu entführen. Wir haben in dieser Zeit, bis ungefähr in das Jahr zweitausend hinein, ziemlich viel Ruhe, bis auf das heimliche nie unterlassene schmutzig Wäschewaschen vor Simon seitens seines Vaters. Das hörte nie auf und erreichte Dimensionen, die mir oft nicht mehr durchschaubar waren. Es machte sich in Simons Lebensalltag bemerkbar, indem er plötzlich viele Dinge mied, die ihm vorher Spaß brachten. Aktionen, die wir anfangs zusammen machten, davon nahm Simon plötzlich Abstand, und ich erkannte die Welt nicht mehr. Vieles registriere und realisiere ich erst im Nachhinein oder sehr spät. Meine Einschätzung damals, Simon würde mir mehr erzählen, und ich könne aufklärender wirken, gingen nicht immer auf.

Ich drehe die Eichenholzzeitmaschine jetzt so hin, dass ich uns noch einmal sehen kann, Simon und mich, am Fenster stehend und wartend, bis sein Papa kommt. Jetzt endlich kommt er. Verhalten und abweisend steht er auf der Straße vor seinem Auto oder nahe unserer Wohnungstür, dann geht Simon hinaus mit seiner Wochenendtasche und setzt sich ins Auto. Sie fahren. Nie mochte ich Henry ins Gesicht schauen. Die Stimmung, die er verbreitete, erzeugten in Simon einen unsicheren vorsichtigen Gang zum Auto.

„Deine Mutter verstößt dich. Sie kann dich gar nicht gebrauchen. Sie bringt dich in einen Hort, damit sie sich nicht um dich kümmern muss. Deine Oma würde sich viel besser um dich kümmern oder Katharinas Mutter“, sagte Henry. Aber Simon glaubt das nicht, und er liebt seinen Erzieher im Hort, Akki, er ist eine Art Vorbild und Freund geworden. Doch die Sprüche belasteten ihn weiter. Tröstend sage ich ihm: „Weißt du noch, Simon, als du in der Grundschule unseres alten Wohngebietes warst, wollten wir alle, dass du dort in den Hort kommst, auch dein Vater, damit du dort gleichaltrige Kinder zum Spielen hast und Hausaufgaben machen kannst. Immer warst du auf der Warteliste und durftest draußen vor der Tür die anderen Kinder beobachten, - ausgesperrt. Du warst traurig. Jetzt habe ich für dich sogar eine Elterninitiative mit gegründet und wir bauen zusammen einen Hort für Grundschüler auf, damit ihr alle zusammen kommen könnt. Es gibt noch ganz viele Kinder, die keinen Hortplatz haben. Siehst du, wie viel ich für dich tue? Ich mache für diesen Hort alle Kostenaufstellungen und Buchhaltungsaufgaben, die anfallen. Und ich betreue auch Kinder hin und wieder früh morgens, wenn Wiebke noch keine Zeit hat, aber ich Zeit habe und nicht bei der Schulaufgabenhilfe bin. Siehst du, ich mache eine Menge, damit du einen Hort hast.“

Ich schalte die Eichenholzzeitmaschine ab. Ich weiß, es wurde ein Vertrag ausgehandelt. Ein normales Besuchsrecht bekam Simons Vater jetzt richtig in die Hand und er unterschrieb das so. Auf Grund dessen musste er uns an anderen Tagen zufriedenlassen. Es sei denn, man einigte sich und kam zusammen klar. Mein Mittagessen ist fertig. Ich lege eine Pause ein und esse vor dem Kamin. Nudeln und Käsesoße. Ich stülpe mir meinen schwarzen Kapuzenpulli über und nehme mir vor, für heute, den vierten Novembertag irgendwann, Feierabend zu machen und durch die Auesümpfe zu schreiten. Draußen ist es stürmisch. Kathrin und Jan warten schon, um mit mir spazieren zu gehen.
(© Ilona Meschke 2008)

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