Der dritte Novembertag irgendwann
erzählt von der ersten Begegnung mit Henry nach der Trennung, vom ersten Gang zum Jugendamt, vom Sachbearbeiter des Amtes und wachsender Konflikte. Ich merkte sehr spät, wie unterschwellig untätig die Leute im Amt sind. Hilfsbereiter ist eine Jugendberatungsstelle.
Sie berät gut.


Simons Sehnsucht nach seinem Papa
ist auch mein erstes Wiedersehen mit Henry

Ich liege noch im Bett und schaue aus den Fenstern unseres größeren Zimmers am Morgen des dritten Novembertages irgendwann. Der Wind ist wieder mild geworden. Ich stehe auf und frühstücke. Dann gehe ich noch einmal durch den Auenwald unserer kleinen Ortschaft und merke, dass der Boden über Nacht sehr durchnässt wurde. Das Wasser gleitet in meine Schuhe. Jetzt kann ich dagegen auch nichts mehr tun. Ich gehe weiter an einem See vorbei, in dem auch bunte Herbstblätter schwimmen. Ich setze mich auf einen morschen Baumstamm, obwohl er feucht und kalt ist, denke an Simon, mein Sorgerecht und an die Ungewissheit.

Ich schaue in den Blättersee und erinnere mich wieder an das Frauenhaus von damals. Wir saßen eines Mittags auf dem Hof des Frauenschutzhauses, schön gestaltet war er, mit Holzbänken, Holztisch. Lagerfeuerstelle, Schaukel und Kletterstange versehen. Alles Brauchbare war vorhanden. Das Wetter? Ich erinnere mich nicht mehr. Eigentlich gab es in diesem Augenblick gar kein Wetter, keine Sonne, keinen Wind, keinen Regen, nichts Kaltes, nichts Warmes, nichts. Das Wetter verriet uns nicht, wie erfolgreich der Tag heute werden wird. Aber Simon zeigte eine Sehnsucht an diesem Morgen.

Simon und ich, wir entfernten uns vom Frauenhaus, wollten leer stehende Wohnungen besichtigen. Simon ging neben mir. Er war total aufgewühlt, und ich ahnte, was in ihm so vorgeht. Vielleicht war es auch die Örtlichkeit, die ihn an etwas erinnerte. Simon hatte Sehnsucht nach seinem Papa. Ich merkte es. Er dachte an ihn. Ich sprach ihn an: „Simon, denkst du an Papa?“ – „Ja!“ – „Willst du ihn gerne wieder sehen, schauen, wie es ihm geht?“ – „Ja!“ – „Warum sagst du mir das nicht einfach? Du brauchst keine Angst haben. Das ist doch normal. Komm, ich helfe dir. Wir rufen jetzt deinen Papa an.“

Wie elektrisch ging er jetzt neben mir her in Richtung einer Telefonzelle, die wir schon längst gesichtet hatten. Endlich erreichten wir die Telefonzelle. Telefonieren war nicht Simons Stärke. Oft sagte er dabei nicht viel, nur karge Antworten gab er von sich. Er war zu aufgeregt, um sein Gespräch mit dem Papa alleine zu organisieren, stellte ich kurz danach fest. Nachdem ich ihm den Hörer in die Hand gab und die Nummer wählte. Eine Verbindung zum Papa war hergestellt, er schien also zu Hause zu sein. Sie sprachen zusammen, ziemlich kurz und unkoordiniert. Sie wollten sich treffen, ich hörte es. Erstaunt bekam ich diese nicht konkreten Verabredungen mit und ihr Durcheinandergerede. Unglaublich, sie bekamen keine Verabredung hin. Auch Henry nicht. Dann verblieben sie so. Simon sollte später eine Verabredung organisieren, obwohl er jetzt deswegen mit seinem Papa telefonierte, so bekam ich das mit.

Ich nahm Simon den Hörer ab und hatte seinem Vater am anderen Ende der Leitung. Ich meldete mich: „Henry, hier ist Ilka, hörst du mich?“, ein grausames Gefühl überkam mich in diesen Minuten, die ich schweigend in der Telefonzelle am Telefonhörer verbrachte, indem ich auf Henrys Antwort wartete. Henrys Schweigen hörte nicht auf. Mit lähmender Stimmung fragte ich dennoch weiter: „Du möchtest Dich gerne mit Simon treffen? Wir sind in einer halben Stunde im Garten. Du kannst ihn dort abholen. Bis achtzehn Uhr. Dann soll er wieder von dir in den Garten zurück gebracht werden. Ist das o. k. für Dich?“ Er antwortete nicht. Ich legte auf, schluckte. Simon schaute zu mir hoch. Ich konnte ihm keine Antwort geben, nur: „Der Papa antwortet mir nicht!“

Diese Haltung am Telefon? Unverschämtheit, bewertete ich nach dem Schweigen, aufgewühlt mit fassungslosem Gefühl. Ich ging mit meinem Sohn in den Garten. Simon war bedrückt. Aber Henry kam in den Garten um Simon zu holen. Sein unbewegliches Gesicht sah mich nicht an. Seine starre Mimik zeigte mir die heftigste Verachtung, die ich jemals zu spüren bekam. Ich hatte also Recht mit dem Gefühl am Telefon. Ich weiß nicht, ob ich genau erklärt habe, wie so etwas ist. Ich frage mich nur: „Darf ein Mensch so einen anderen Menschen entgegentreten?“ Ich antworte mir: „Nein!“ Laut versuchte ich noch, ihm etwas ganz Hoffnungsloses zu erklären, als er im Garten ankam und vor mir stand: „Ich habe dir gerade am Telefon geholfen, einen Treffpunkt mit Simon zu vereinbaren. Bedankst du dich nicht einmal?“

Nach dieser Frage und diesem Gegenüber überkam mich ein weiteres fassungsloses Gefühl. Ich bin mir nicht klar darüber, ob man es mit Hass bezeichnen kann, was mir da entgegengebracht wurde. Solch ein unverschämtes Verhalten durfte ich mir niemals, niemals wieder gefallen lassen. Erst recht nicht in Anwesenheit meines Kindes. Als Antwort auf meine gestellte Frage bedankte er sich nicht. Er zischte irgendwie von innen heraus mit starrer Gesichtsbewegung und keine Antwort kam. – Verachtung! Jetzt merkte ich, was das ist, während mir die Nackenhaare zu Berge standen. Er nahm das Kind und ging damit zur Gartenpforte heraus. Simon ging mit seinem Papa, der ihn dann mit seiner Hand zum Ausgang zog.

Simon schaute schweigend zurück zu mir. Wir sprachen anschließend niemals zusammen über das Verhalten seines Vaters. Vielleicht hätten wir das tun sollen. Aber wir taten es nie, weil es für sich selbst sprach, so empfand ich es. Henry, eine Menschengestalt, die sich auch nach Jahren nie ändern sollte. Sein Verhalten war sogar meist offensichtlich für andere mit denen wir später zu tun hatten. Sein Verhalten sprach stets gegen ihn.

Im Garten blieb ich alleine zurück, sah meinen Jungen wie er zurück zu mir schaute und hoffte, dieser Knirps wird schon merken, was gemein ist. Aber er tat mir auch leid, solche Bosheiten zwischen seinen Eltern ertragen zu müssen. In diesem Augenblick aber fühlte ich mich in erster Linie als Opfer dieser perversen Nichtbegrüßung. Mir wurde der Boden unter den Füssen weggerissen, und ich spüre Gewalt, wieder Gewalt. Wir waren doch vor der Gewalt in die Sicherheit geflohen?

Wer bestraft solch eine Art von Gewalt? Kein Mensch darf dass einem anderen antun. Das ist keine Naturkatastrophe, sondern bewusste menschliche Bosheit. Das ist Gewalt und Verachtung, und ein Kind steht dazwischen.


Und immer regelmäßiger wird der
notwendige Weg zum Jugendamt

Dieser Weg zum Jugendamt war unvermeidbar, überhaupt, weil Hilfesuchende hierzulande zum Jugendamt gehen, sofern es sich um Kinder und Jugendliche in der Hauptsache handelt. Das ist so üblich. Langsam stehe ich auf, vom morschen Baumstamm und gehe zurück nach Hause. Die Sonne ist bereits fast untergegangen.

Wieder zu Hause, drehe ich die bereits laufende Eichenholzzeitmaschine gerade in eine unbestimmte Zeit und sehe viele schon einmal kennen gelernte Gesichter, die auf dem Weg zum Jugendamt sind oder schon dort im Warteraum sitzen. Hier sehe ich Roman beim Jugendamt sitzen. Er wünscht sich jahrelang den Besuch seiner Tochter. Er war mit der Mutter nie verheiratet. So wird er seine Tochter erst wieder sehen, wenn sie selbst danach verlangt und ihre Mutter das zulässt. Nick wird geladen. Er soll eine Unterschrift leisten, die besagt, dass er auf die Besuche seines Sohnes verzichtet. Er tut das nicht. Noch kurze Zeit, dann wird er seinen Sohn jedes Wochenende bei sich haben.

Frau Kruse hat ebenfalls Glück gehabt. Das Jugendamt hilft ihr. Denn ihren Enkelsohn zieht sie seit seiner Geburt alleine groß. Keiner der Eltern lässt sich sehen. Bis seinem Vater plötzlich einfällt, seinen ersten Sohn holen zu wollen. Das Jugendamt schaltet sich ein. Johann und seine Großmutter werden weiter zusammenleben.

Und später kommt der kleine Marc aus der Schulaufgabenhilfe in eine Auffangstation des Jugendamtes. Er soll nicht mehr zu seiner Mutter. Er soll in eine Einrichtung, eine Wohngruppe mit anderen Kindern. Doch ein halbes Jahr danach wird er immer noch in der Auffangstation sitzen. Hier sehe ich ihn acht Monate danach. Er frisst und frisst und friss, sich dick und fett. Sie haben ihn wohl vergessen.


Der Weg zum Jugendamt wird zwingend
für Henry, für Ilka und für Simon

Ich war zwischenzeitlich wieder draußen, an diesem dritten Novembertag. Ich bin wieder zu Hause angekommen, ziehe meine nassen Schuhe und Strümpfe aus, wärme meine Füße am Kaminofen und drehe weiter an der Eichenholzzeitmaschine herum, um uns zu finden. Hier wird der Sommer angezeigt, der Sommer, in dem wir das erste Mal beim Jugendamt im Warteraum herumsitzen, in der Stadt nahe am Marktplatz und immer in Drehrichtung Südwest. Hier ist eine Teileinrichtung des Jugendamtes mit einem Herrn Baumgart im Amtszimmer, stattlich groß und korpulent, gelassen, erfahren wirkend, ruhig, über den Dingen stehend, so erscheint er mir und sitzt im zweiten Stock. Er bearbeitet unseren Fall mit einer Akte „Simon Hölzer“.

Wir Drei sitzen gerade dort im breiter gewordenen Gang, geschmückt wie ein Warteraum, Henry und Ilka, also ich, aber auch Simon. Wir werden noch oft da sitzen. Nicht zusammen, nein, das ist ja das Problem. Wir gehen einzeln in den Raum zu Baumgart und beschweren uns. Henry, hält seinen Sohn inzwischen schon für verhaltensgestört und verlottert, seitdem er allein mit seiner Mutter lebt. Er ist der Meinung, Simons Mutter sei psychisch krank, und sie habe sehr viele Fehler. Überhaupt, sie habe eine schlechte Schulbildung, einen Hauptschulabschluss und wahrscheinlich noch keine Arbeit. Sie sei aus der Ehe „ausgebrochen“, obwohl alles gut funktionierte. Alles in allem, der Sohn wäre viel besser bei ihm aufgehoben. Dort hätte er auch noch richtig gut rüstige Großeltern, die sich ebenfalls um das Kind kümmern würden. Geld sei keine Frage. Es ist genug da. Der Junge wäre gut versorgt.

Unterdessen zahlt Henry nicht einmal an Simon Unterhalt. Auch gerichtlich wird deswegen sehr viel gestritten und erst durch eine gerichtliche einstweilige Verfügung merkt Henry, er wird dagegen nichts tun können. Henry gab mir damals auch kein Zeugnis für meine Bewerbungsunterlagen. Ich arbeitete ja früher in seinem Büro. Geschrieben hätte ich es mir schon selbst, nur der Firmenstempel und seine Unterschrift hätten da noch gefehlt. Der Kerl will doch selbst, dass ich Arbeit finde oder tut er nur so?

Aber alles, was er so von mir behauptet, können andere Menschen nicht sehen und erkennen. Er hat die Trümpfe nicht in der Hand. Aber er bedroht, hautnah und herablassend, und wie lange wird er so weitermachen?

Hier sehe ich mich selbst. Ich bin gerade dabei, mich gegen die vielen Unterstellungen zu wehren, außerdem belaste ich Henry, denn es gibt schwer wiegende Gründe. Ich möchte meinem Sohn, jetzt gerade neunjährig, zart für sein Alter und oft traurig, eine Mutter bleiben, eine Mutter, die er achten und lieben kann, und sage das Herrn Baumgart und auch mit Simons Lehrerinnen kann Herr Baumgart sprechen. Simon steht mit im Raum und erzählt Herrn Baumgart, was Henry ihm erzählt, was Henry ihm über mich erzählt, über seine Mutter, Ilka. Unglücklich sitzt er auf dem großen Stuhl Herrn Baumgart gegenüber. Ein wenig verloren sieht er aus, zwischen sinnlosen Diskrepanzen erwachsener Eltern. Er wird zunehmend verschwiegener werden, vielleicht verstockt. Und bald wird er fast gar nichts mehr sagen.

Ich bin mir sicher, bald kann gesagt werden, es gibt keinen Erwachsenen, der so gelernt hat, zu schweigen wie dieses Kind, das sich immer sagen muss: „Schweig, wenn der Papa was über Mama sagt, sonst empört sich die Mama. Schweig darüber, was die Mama macht oder wenn sie über Papa schimpft, sonst bewertet das der Papa. Sei klug und schweige!“ Verzweifelt und empört dichte ich im Wartezimmer des Jugendamtes:


Geschiedene

getrennt,
geschieden,
um Ruhe zu finden,
zu sich zu kommen,
einen neuen Lebensweg zu finden
mit besserer Akzeptanz,

getrennt,
geschieden,
um weiter zu hassen,
zu verachten, was man einmal geliebt,
noch mehr Niedertracht schicken, als es schon gab.
Hass wachsen lassend,
wütend lügend, hässlich weinend,
alles gegen das Kind,
das Dünnhäutige
zerreißend, Besitz ergreifend
jahrelang ?

Und wieder erinnere ich mich im Wartezimmer des Jugendamtes an die Verachtung im Gesicht des Vaters und meine Worte: „Bedankst Du Dich nicht mal? Ich habe Dir doch geholfen?“ Ich dachte im Wartezimmer des Jugendamtes an den Unfall, Simons Unfall, bei dem seine Zähne brachen. Sein Vater holte ihn trotz Verabredung nicht von einer Kindergruppe ab. So irrte Simon nach Ende der Spielzeit in der Innenstadt übermüdet umher und geriet unter einen Mercedes. Seine Zähne litten darunter. Mit blutendem Mund wurde er mir später gezeigt und zum Notarzt gefahren. Wir hatten Glück. Die Zahnwurzeln wuchsen wieder fest am Kiefer. Sie starben nicht ab. Wann wird der Mann klug, denke ich jetzt im Wartezimmer? Wann hört er auf, mit uns Krieg zu spielen? Jetzt höre ich meinen Namen mit der schon bekannten Stimme. Ich werde von Herrn Baumgart wieder einmal für ein Gespräch in das Sprechzimmer des Jugendamtes in B gebeten.

Trotz der Gespräche beim Jugendamt, seine Diskrepanzen dehnte Henry aus. Und wenn ich Simon versprechen würde, nichts zu verraten, was der Papa über mich gesagt hatte, dann verriet er mir alles. Nur einem sollten wir es immer verraten, erklärte ich Simon. Wir mussten Herrn Baumgart die zugetragenen Ereignisse anvertrauen, der sitzt am richtigen Schreibtisch, erklärte ich. Und damit war Simon einverstanden.

Wieder ein Termin beim Jugendamt. Die Eichenholzzeitmaschine zu Hause zeigt es mir gerade. Simon erzählt. Ich erzähle. Herr Baumgart zeigt deutlich offene Augen. Er müsste ja allmählich alle Personen kennen gelernt haben. Er scheint aufmerksam zuzuhören. Es sind nicht immer Antworten und Stellungnahmen aus seinem Munde zu hören, doch er nimmt die Ereignisse aufmerksam auf. Nun könne er sich selbst ein Bild aller Betroffenen machen. Mit dem sicheren Gefühl, alles erzählt zu haben, verlasse ich mit Simon das Jugendamt wieder, aber oft ohne Antwort oder Stellungnahme vom Jugendamt.

Hier ist Henry mit seinem Sohn im Park. Er will sich rechtfertigen vor Simon. Gewalttaten gegen mich in früherer Zeit begründet er gegenüber seinem Sohn, ich sei fremdgegangen, deswegen sei er gewalttätig geworden. Der nicht gezahlte Unterhalt wurde mit der Nachfrage abgetan, mit welchem Recht müssten Väter Unterhalt zahlen? Vater und Sohn gehen immer noch zusammen durch Braunschweig spazieren, aber beziehungslos wie vor der Zeit des getrennten Lebens, als würde jeder für sich selbst gehen und hätte mit dem anderen nichts zu tun. Ich sehe es in der Eichenholzzeitmaschine. Beobachtet hatten das Freunde und Simons Jugendberater, Herr Tannen, der es auch Baumgart in meinem Beisein sagen wird. Henry sieht zunehmend gestresster und unzufriedener aus. Keiner mag ihn gerne anschauen. Kein Wunder. Er sollte sich Hilfe suchen und beraten lassen.

Auf dem TU-Gelände steht eine Skulptur. Ein Mensch mit ausgebreiteten Armen, als erwarte er etwas, als wolle er etwas einfangen. Seine Beine kurz, seine Arme lang, der Kopf klein, der Körper gedrungen und dick. „Das ist der erste Mann deiner Mutter. Weißt du, dass sie schon mal verheiratet war?“ erzählt und fragt Henry seinen Sohn „So sieht der Mensch, den ich das erste Mal geheiratet habe, nicht aus, Simon. Er heißt Dirk, ist schlank und groß und manchmal telefonieren wir noch zusammen. Hat dir dein Vater erzählt, dass er auch schon einmal verheiratet war, bevor wir heirateten?“ frage ich Simon. Nein, davon weiß Simon noch nichts.

Henry missachtet die zeitlichen Absprachen der Besuche, bis Simon das Warten auf den Papa nicht mehr aushielt. Er erlitt Kopf- und Bauchweh deswegen. Er liegt jedes Mal auf dem Sofa und wartet mitunter zwei oder drei Stunden auf seinen Papa, in dem Glauben, sein Vater mag ihn nicht mehr, sonst wäre er pünktlich gekommen. Empört erkläre ich Henry meine Meinung dazu, als er dann doch endlich gekommen ist und seinen Sohn abholen will. Seine Antwort: Er steht vor mir, schweigend, mit verächtlichem, starrem Geschichtsausdruck, Körperhaltung und Gesicht provozierend bis auf die Knochen. Dann zischt er ein paar Töne aus dem Mund, die ich nicht verstehe. Der arme Simon steht neben ihm. Ich bleibe alleine zurück, mit allem, was in diesem Moment mein Bauch empfindet und weiß nicht, wer das je bestraft und wie Simon das aushält. Darf er nie wieder so glücklich werden wie andere Kinder?

Vor dem Jugendamt beklagt sich Henry erstaunlicher Weise später, sein Sohn würde bei mir krank werden, mit Kopf- und Bauchschmerzen lege er auf dem Sofa. Sobald er das Kind abhole und es in seinem Auto säße, würde es ihm besser gehen. Auch diese Geschichte muss ich jedes Mal vor Herrn Baumgart richtig stellen. Simons Lehrerin sagt mir: „Machen Sie eine Liste. Listen Sie alles auf, was passiert. Das werden Sie noch brauchen.“ Ich nehme ihren Rat an und schreibe und schreibe und schreibe.

Und ich benenne Zeugen mit Telefonnummern für Baumgart. Herr Baumgart wird über alle Ereignisse umfangreich aufgeklärt. Seinen Eindruck, seine Meinung verriet er nie, nicht in dieser Zeit. Doch er nimmt selbstverständlich die Ereignisse auf und verwaltet sie. Er gibt uns keinen praktischen Rat, und wir brauchen seine Hilfe. Simon solle weiter Judo machen, höre ich sehr oft von Baumgart, als dieser hörte, Simon habe bereits einen orangenen Gürtel und ist noch keine zehn. Doch was nützt ihm Judo im Konflikt seiner Eltern?

 

Herr Baumgart! - Sie kennen unseren Fall:
Ihre Stellungnahme und Ihr Handeln werden verlangt
Es wird Zeit!

Baumgart weiß von Simon, er ist ein Judoka, der bereits einen orangegrünen Gürtel bekommen wird, und das imponiert ihm. Baumgart erzählt jetzt oft Erlebnisse über Kampfsport, über seine eigenen und die seiner Kinder. Ich höre ihm geduldig zu, im Amt und auch in unserer privaten Wohnung. Das Thema macht ihn gesprächig. Anhand seiner eigenen Kinder erklärt er oft, wie gut und wichtig für Simon der Judosport sei. Es würde Simon stark und selbstsicher machen. „Doch Simons Konflikte sind von Seiten des Amtes noch nicht gelöst worden. Dagegen hilft kein Judo, Herr Baumgart“, denke ich immer wieder abwartend, und könnte Henry nicht eine Erholungspause gebrauchen? Wenn das Amt ihm ein Ultimatum stellt und er gezwungen ist, sich dadurch umzustellen, hat er Pause. Nur so kann ich mir eine Beruhigung des Falls „Simon Hölzer“ vorstellen. Herr Baumgart, ich habe Dir geduldig zugehört“, dachte ich schweigend und immer öfter, „wo bleibt jetzt Deine Analyse in unserem Konflikt, wo die Stellungnahme, wo die Lösung? So oft waren wir jetzt beim Jugendamt und haben keine konstruktive Hilfe bekommen.“ Und ich frage laut und deutlich und höre irgendwie keine Stellungnahme. Nichts.

Simon also, fast schon zehn, macht Judo, hat seinen Freischwimmerschein neu und auch in der Schule ist er ausgeglichener als zuvor. Wenn sich das Jugendamt endlich für uns einsetze und Maßnahmen gegen Henrys bösartige Auswüchse ergriffe, wären wir bald freier und sicherer. Der Krieg wäre vorbei, wenn ich das alleinige Sorgerecht erhielte, dürfte sich Henry viele Dinge nicht mehr erlauben. „Ohne Unterstützung des Jugendamtes, - eine schwere Unternehmung, gerichtlich an das alleinige Sorgerecht zu kommen“, erkennt meine Rechtsanwältin. Aber wann kann sich Simon frei und unbedroht entwickeln?

Ich stelle die Eichenholzzeitmaschine ab und erinnere mich auch, dass mir Herr Baumgart zu einer Arbeit verhalf, eine Schulaufgabenhilfe der Stadt Braunschweig für komplizierte, sozial schwach gestellte Kinder. Ganz so schlecht ist er nicht. Die Arbeit machte mir Spaß. Nur machte ich mir damals keine Gedanken darüber, wie viel Spaß ihm seine Arbeit wohl mache?


Der Weg zur Jugendberatungsstelle
ist die bessere Lösung

Jetzt muss ich über Henry und über das Jugendamt, mit Herrn Baumgart darin sitzend, meckern. Deswegen suchte ich und fand die Türschwelle einer Jugendberatungsstelle. Dort trafen Simon und ich Herrn Tannen, ein aufmerksamer, liebenswürdiger analytischer Therapeut, groß, schlank, jung und gut aussehend. Er erkannte, in welchem Dilemma Simon steckte, und sogar auch, in welchem Dilemma ich damit steckte. Schnell war zu erkennen: Er hört zu, wenn Kinder sprechen und fragen stellen. Also keine Stille und keine schweigende Mauer mehr, vor der man hilflos stehen muss. Simon merkt bald, es lässt sich gut und sicher in seinen Räumlichkeiten spielen, Gespräche führen, so nebenbei, während Hände und Kopf mit Spielfiguren beschäftigt sind, oder es wird nebenbei gespielt und hauptsächlich geredet, egal wie herum. Es lässt sich nicht immer so feststellen. Sogar sitzt Simon zeitweilig vertrauensvoll auf Tannens Schoß.

Herr Tannen erzählt aber auch von Verhaltensbildern, meistens in Männern, die zum Ziel haben, andere Elternteile, in diesem Falle Mütter, bei den Kindern auszuschalten, mit allen Mitteln. Die Kinder und deren Wohlbefinden und Gesundheit werden dabei nicht berücksichtigt. Kinder werden als Besitztum gesehen, egal was passiert und welches Leid entsteht. Die Schuld wird dann immer verschoben, dem anderen Elternteil zugewiesen, immer dort, wo die Kinder anfangs wohnten. Das sei eine Begründung, die immer passend wirkt oder wahr aussehen lässt. Manchmal erreichen die Täter so ihre Absicht. Mitleid mit den Kindern wird es bei denen nie geben, nur ständige Schuldverschiebung und das Argument: „Im Haushalt des anderen Elternteils, in dem die Kinder vorher wohnten, ging alles kaputt.“ Und weiter: „Jetzt muss ich das wieder in Ordnung bringen, was dort versaut wurde“, so der Täter. Und manchmal sieht es später trauriger und ungerechter Weise auch so aus.

Dann, wenn Kinder durch die gewollten Streitigkeiten krank werden und bei denen gesund geworden sind, bei denen sie dann wohnen, während der andere Elternteil dann ausgeschlossen wird. Egal, ob das so stimmt. Sollten die krank gewordenen Kinder dann nicht gesund dadurch werden, dass sie beim Täter und nur beim Täter wohnen, ist auch wieder der andere Elternteil schuld daran. Denn es wird plausibel behauptet, dort, wo die Kinder anfangs wohnten, seien sie krank geworden. Niemals haben Täter selbst Schuld. Logisch, eine harte einseitige Erklärung. Mit Liebe und Zuneigung zu einem Kind hat das alles nichts zu tun. Es ist eine Besitzergreifung. Sie wollen ihre Kinder zu ihrem Eigentum machen. Das ist problematisch.

Eine andere Variante ist, wenn Elternteile mit solch einem Täterpotenzial finanziell oft besser gestellt sind. Sie versuchen dann, den anderen Elternteil finanziell so auszuhungern mit Unterlassungen von Unterhaltszahlungen, bis die Not so groß wird und die Kinder freiwillig abgegeben werden. So wird dann der andere Elternteil ausgeschaltet, wenn gewünscht. Und wieder: Mit Liebe zu den Kindern hat das nichts zu tun, nicht das. Es geht um Gewinnen, Besitzergreifung, Eigentumsrechte.

Wenn es sich um solch einen Fall bei uns handelt, es sieht ganz danach aus, dann ist eine schwere Nuss zu knacken. Denn mit gleichen Waffen und derselben Heftigkeit zu kämpfen, ohne ebenfalls sich über Folgen solcher Kämpfe klar zu werden, würde für die Kinder noch auswegloser werden.

Herr Tannen begleitet unseren Lebensweg. Er ist Simons Berater. Und so grausam, wie manche Fälle auch sein mögen oder endeten, so wird es beim Fall „Simon Hölzer“ laut Jugendamtakte nicht werden. Alles kann jetzt auch rechtzeitig durch andere Personen durchschaut und verhindert werden. Und allen Seiten habe ich inzwischen gezeigt, dass ich versuche fair zu sein, mich beraten zu lassen, ohne Gewalt gehandelt habe, egal in welcher Form. Und ich schreibe auf und schreibe über Ereignisse, wie mir von Simons ehemaliger Lehrerin geraten wurde. Ich gehe petzen nach Unstimmigkeiten, und Simon hat eine gute Beratung, eine fachlich sehr kompetente durch Herrn Tannen. Ich bin mir sicher, die allerbeste Lösung gefunden zu haben. Auch, wenn die Attacken immer weiter gehen sollten, wird jetzt Hilfe da sein.


Eine geniale Idee entsteht
Sie wird von Herrn Tannen
aus der Jugendberatungsstelle unterstützt

Ich habe die Eichenholzzeitmaschine zeitlich richtig eingestellt. Ich sitze noch in der Straßenbahn. Es ist nicht November, auch wenn ich am dritten Novembertag irgendwann berichte. Die Bahn fährt raus aus der Innenstadt. Es fängt an zu regnen, ein heftiger Regenschauer. Wasser fließt an den Straßenbahnscheiben herunter. Es bildet sich eine schnell herunterfallende Wasserstruktur an den Scheiben. Zu einem fahrenden Wasseriglu oder einem U-Boot wird die Straßenbahn heute und jetzt, in unserer Stadt. Die Straßen sind überflutet. Alles wird weggespült. Ich versuche durch die triefenden Scheiben zu schauen, aber das gelingt mir nicht. Der Straßenbahnfahrer fährt blind auf den Schienen weiter. So gebe ich mich doch damit zufrieden, die wellige, jetzt nach unten reißende Wasserstruktur anzuschauen. Mir steigt dabei so ein wenig das letzte Beratungsgespräch mit Herrn Tannen in den Kopf. Denn das letzte Gespräch ist genau eine Viertelstunde her. Ich schaue auf das fließende Wasser und denke nicht nach. Ich freue mich über die sich ständig neu bildenden Wasserstrukturen an den Straßenbahnscheiben der fahrenden Bahn. Die scheinen meinen Kopf und meine Sinne zu reinigen, zu leeren, erfrischen und zu erneuern. Es entwickelt sich automatisch in mir ein Gedanke, blitzartig nimmt er Form an. Die geniale Idee, alles andere scheint mir aus dem Kopf geflossen. Trübsal verschwindet. Freude kommt auf. Wie von einem Wasserfall gefüllter See mit frischem, neuem Wasser war mein Kopf, indem sich jetzt von selbst ein Projekt entwickelt.

Jetzt hat der Regen nachgelassen. Nur wenig Wasser läuft noch an den Scheiben herunter. Die Sonne erscheint am Himmel und Regentropfen auf den Scheiben der Straßenbahn nehmen ihr Licht auf und reflektieren es zurück. Die Welt leuchtet nass. Sie blinzelt. Sie zwinkert mir zu, beleuchtet den stillen friedlichen reinen See der Gedanken in meinem leergeräumten Kopf. Nur fertig gewachsene Friedenspläne liegen am Ufer des stillen Wassers. Die Straßenbahn hält wieder an. Noch nicht ganz zu Hause angekommen, doch nahe unserer kleinen Ortschaft, steige ich aus, um noch mehr Freiheit zu fühlen. Die Welt ist nass und neu. Ich streife und laufe durch die näher gelegene Wildnis, hüpfte über Baumstümpfe rauf und runter, bis nach Hause. Ich dichte dabei, aber es hat noch nicht das richtige gereimte Zusammenspiel. - Egal, eine Sache der Zeit und langer Überlegungen:


zufrieden

zufrieden
geschmiedet sind Pläne zum Frieden,
formuliert werden Briefe,
Einladungen zu Verhandlungen und Gespräche,
der Text ist im Kopf,
zu Hause wird geschrieben,
zufrieden

zufrieden
Herr Baumgart wird sie lesen,
Er hat jetzt seine Lösung – einverstanden,
alle sollen sich mit ihm zusammensetzen,
Opa, Oma, Vater, Mutter - für Simon,
in Frieden

in Frieden
lernen sie alle,
wie wichtig jede einzelne Person für Simon ist,
denn Simon möchte sie alle lieben,
in Frieden

zufrieden
reicher fühlt Simon sich,
wenn er sie alle hat,
Opa, Oma, Vater, Mutter,
sicherer fühlt er sich,
denn er darf sie bald alle lieben,
in Frieden

Frieden geschlossen
nur für ein glückliches Kind,
nur so geht es, und das macht Sinn,
sich nicht mehr zu bekriegen,
schließt Frieden,
zufrieden.
Wir werden alle glücklicher!


Zu Hause angekommen formuliere ich Briefe und Einladungen, zu Friedensverhandlungen. Simon kommt aus dem Hort nach Hause. Ich lese ihm die Briefe vor und erkläre, was das soll, wobei das schon aus den vorgelesenen Briefen hervorgeht. Ich telefoniere mit Herrn Tannen. Er findet mein Projekt o. k. - nein, großartig. Er ermutigt mich, es durchzuziehen. Zufrieden.

Ein Brief an das Jugendamt für Baumgart:
Sehr geehrter Herr B - Simon verlebte dieses Wochenende bei seinem Vater. Anstatt um neunzehn Uhr brachte sein Vater ihn zwanzig Uhr zwanzig zurück. Ich gab nicht viel darum. Ich sagte Simon, bei dem schönen Wetter kann man leicht die Zeit vergessen. Aber ich sagte ihm auch, dass ich eine Verabredung getroffen hatte. Wir sollten uns beide neunzehn Uhr fünfzehn eine Wohnung, preisgünstiger als diese, ansehen. Dann platzte Simon mit der Bemerkung heraus: „Ich habe mit Papa ein ganz großes Haus in G angesehen. Das sieht nach Knete aus!“ Danach stockte er und hielt seinen Mund. Nach einiger Zeit bat er mich, das dem Papa nicht zu verraten, was er jetzt erzählen wollte und später tat.

Er erzählte über Fußball, spielte mit mir etwas Fußball in der Wohnung und schimpfte über die Jugoslawen: „Diese Luschen haben auch noch unentschieden gegen Deutschland gespielt.“ Ich versuchte ihm zu erklären, dass sie doch dann sehr gut spielten und keine Luschen sind und was sportliche Fairness bedeutet. Das war schwer, denn Simon ist sehr oft aggressiv, wenn er von seinem Vater zurückkommt.

Dann fragte Simon mich, warum ich eigentlich nicht studiert habe. Ich wollte wissen, wer danach gefragt hat. Er antwortete, der Papa hätte es gesagt, aber er bat mich, nichts zu verraten, was er erzählt. Ich versprach ihm, es nicht zu verraten und alles, was er jetzt erzählt, würde ich dem Papa nicht verraten.

Ich fragte: „Was hat er denn gesagt, der Papa, weshalb ich nicht studiert habe?“ Simon sagte: „Der Papa sagte, du wärst einfach zu doof, darum könntest du nicht studieren, und du wirst immer dumm bleiben.“ Ich fragte: „Wie viele Erwachsene kennst Du, die studiert haben?“ Er meinte: „Papa!“ – „Wen noch?“ – „Die Mutter von Katharina,“ – (die Partnerin des Vaters) „Was hat sie denn studiert?“ – „Weiß ich nicht, aber sie hat eine Arbeitsstelle, eine Richtige, dann hat sie wohl studiert.“ – „Wer hat denn noch alles studiert?“ – „Weiß ich nicht. Fast alle anderen haben studiert und wenn ich dann mal studiere, sagt der Papa … in zwei Jahren oder so ungefähr einigen Jahren, ziehen wir dann in die anliegende Großstadt. Damit ich dann gut studieren kann.“ – „Wir wohnen doch in dieser Großstadt?“ – „In zwei Monaten kauft der Papa aber das große Haus und auch die Oma von Katharina bezahlt mit. - Ich weiß nicht, was der Papa damit meint. Vielleicht will der mich klauen, aber verrate es ihm nicht. Aber in zwei Monaten sollen, ich und Katharina, jeder ein großes Zimmer bekommen in diesem Haus.“

Simon erzählte dann, was er mit dem Papa am Freitag, am Samstag und am Sonntag erlebte. Er fühlte sich erleichtert, mir alles sagen zu können. Er hatte nichts dagegen, dass ich alles aufschrieb. Er saß auf meinem Schoß und umarmte mich. Ich versprach immer wieder, dem Papa nichts zu verraten. Und wir machten auch Pausen.

Ich fragte weiter: „Was hat der Papa noch alles über mich erzählt?“ – „Dann gar nicht mehr über Dich.“ – „Wer war dabei, als der Papa erzählte, ich hätte nicht studiert und sei doof?“ – „Ich und Katharina.“ - Plötzlich fing Simon ganz heftig an zu weinen: „Und alle sagen immer, ich bin so dünn.“ – „Wer?“ – „Alle, der Papa immer wieder und von der Oma will ich gar nichts mehr wissen. Die nervt total. Immer sagt die, ich darf kein Mineralwasser mehr trinken, dass ist ungesund und Leitungswasser auch nicht und viel mehr Fleisch soll ich essen. Sie sagte Rinderfleisch. Im Hort esse ich ganz große Mengen. Am allermeisten esse ich.“

(Mit diesen Aussagen bekämpfte Simons Großmutter eindeutig mich, meine Erziehung und meine Ideale. Eine Zeit lang hatte ich Angst vor BSE im Rinderfleisch. Wir aßen keines und das wusste die Großmutter.)

Ich erklärte Simon: „Als du viel dünner warst, hat der Papa das nie gesagt, da hat er immer zur Oma gesagt, das ist egal. Der Junge ist gesund.“ Ich habe ihn längere Zeit getröstet und immer erklärt, dass alles alter Unfug ist. Die wollten etwas ganz anderes mit ihrem schlechten Gerede erreichen. Er solle niemals darauf hören, was gesagt wird. Er weinte sich aus und verriet, seit er über das ‚Dünnsein‘ redete, habe er Kopf- und Bauchschmerzen. Ich erklärte immer wieder, dass er niemals die Wahrheit bei den Menschen finden werde, die ärgern wollen. Er solle Wiebke und Axel aus dem Hort fragen oder die Kinderärztin, ob er wirklich zu dünn sei, denn die sagen das nicht oder anders. Das nahm er an, und ich brachte ihn ins Bett. Er wollte gestreichelt werden, bis er einschlief.

Ich bat Simon vorher auch, was ich aufschrieb, an Sie weiter geben zu dürfen. Sie dürften dem Papa das auch nicht verraten wegen seiner Schweigepflicht. Ich tue das, damit Sie uns helfen können. Simon erlaubte es mir, mehr mit einem ‚m mhm‘ als mit „Ja!“ und er verstand nicht „wie denn helfen?“ – „Nur weil Herr Baumgart immer rumfragt und erzählt?“

Herr Baumgart, bitte helfen Sie! Ich möchte nicht, dass mein Kind krank wird. Wegen Kopf- und Bauchschmerzen bin ich oft mit ihm beim Arzt gewesen. Ich möchte nicht, dass es unsicher wegen seines angeblich schlechten Äußeren wird. Ich möchte, dass das schmutziges Gerede gegen mich unterbleibt.
Mit freundlichen Grüßen. Ilka Hölzer

Weitere Briefe sollen Dialoge schaffen:
Ein Brief für die Großeltern darf nicht nur eine Einladung zu einem Gespräch werden. So kann ich keinen vom Hocker rütteln. Er muss Inhalte in sich tragen. Inhalte, die thematisiert werden können. Aber, sie müssen sich auch verraten fühlen, diese Großeltern. Sie sollen wissen, dass darüber debattiert wird, was sie tun und sagen. Eine nackte Einladung lässt sie nicht kommen. Jugendamt und Beratungsstelle bekommen Fotokopien.

Liebe Großeltern - Ihr wünscht Euch Simons Besuch. Simon möchte das auch. Ich möchte das auch. Ich möchte keine Besuche verweigern. Ihr seid seine Großeltern.

Ein Problem ist, dass Ihr in vielen Punkten ganz anderer Meinung seid als ich, und es war nicht immer so, dass man sich nie einigen konnte.

Ich erziehe Simon, und er kann auch mit meiner anderen Lebensweise ganz gut leben. Wichtig für ihn und für uns ist nur, dass diese von Euch akzeptiert und nicht dagegen gesteuert wird. Wenn Ihr das versucht, mich betrifft es weniger, ich bin ja nicht anwesend. Aber Simon steht zwischen Pro und Kontra, wird gezwungen, eine Seite zu vertreten, fühlt sich unglücklich und das ist nicht kindergerecht.

Ich meine beispielsweise: Es hat für ihn keine Bedeutung, wie der Haushalt erledigt wird. Es ist egal, ob Kartoffeln vorher geschält werden. Simon hat gelernt, den Müll zu trennen. Wie Ihr es machen wollt, spielt da keine Rolle. Es muss ganz einfach so akzeptiert werden. Über Türken, Zigeuner und Juden sollte in Simons Anwesenheit nicht gesprochen werden. Er ist inzwischen zehn Jahre. Eine Diskussion könnte auch für Euch nach hinten losgehen.

Es ist egal, welche Kleidung ich trage. Wenn sie Simon nicht gefällt, wird er von alleine drauf kommen. Dass Simon nicht getauft ist, dafür macht bitte Henry verantwortlich. Ich habe keine Schuld, hätte Henry das gewollt, wäre Simon getauft. Aber dann verlange ich auch, dass ähnliche Witze aufhören wie, Simon willst Du den Hund nach Braunschweig mitnehmen? Ich würde es ja gerne erlauben, aber ich kann nicht, Deine Mutter springt ja dann im Dreieck herum. Auch, wenn Ihr sagt, es sei nur Spaß, meine Person braucht überhaupt nicht von Euch vor Simon erwähnt zu werden. Simon soll sich wohl fühlen, wenn er bei Euch ist, und mit Familienpolitik nicht konfrontiert werden.

Dieses Versprechen brauche ich von Euch. Es ist wichtig, und es muss ehrlich sein. Selber schlage ich deshalb vor, dass die Oma einen Termin mit einem Herrn Baumgart abspricht. Alle sollen an einem Gespräch teilnehmen, Vater, Opa, Oma und ich. Herr Baumgart und ein Herr von der Jugendberatungsstelle können uns beim Gespräch behilflich sein. Danach, wenn alles in Ordnung ist, kann Simon Euch besuchen. Ich denke Simon ist Euch das wert. - Ilka


Simon freut sich über Briefe
und kommende Gespräche

Simon liest die Briefe. Er nickt ab. Auch für Henry gibt es einen Brief. Aber nur mit der Bitte, dafür zu sorgen, dass sie alle erscheinen mögen und sich zusammensetzen, um über den Umgang mit unserem Kind zu sprechen. Er bekommt die Kopien der anderen Schreiben.

Persönlich bringe ich die Ausdrucke ins Jugendamt zu Herrn Baumgart. Er liest. Ich sitze ihm gegenüber und erkläre danach meine Vorstellungen, gegenseitiges Verständnis und Einigung zu erreichen. Auch wünsche ich die Anwesenheit von Herrn Tannen zu dem Gesprächstermin. Er ist Simons offizieller Berater. Er gehört dazu. Herr Baumgart ist einverstanden. Er will diesen Plan mit tragen und unterstützen. Jetzt fahre ich zu Herrn Tannen, um ihm Ausdrucke der Schreiben zu bringen, und zu berichten, dass das Projekt von amtlicher Seite Unterstützung findet. Herr Tannen begutachtet die Einladungen mit ausgeglichenem Gesicht. Wir besprechen da noch eine Kleinigkeit. Ich drehe die Eichenholzzeitmaschine weiter, erinnere mich aber noch, wie wichtig mir seine Anwesenheit erschien. Er durfte bei diesem Gespräch nicht fehlen. Er war die wichtigste Person als Moderator mit Fingerspitzengefühl, ein rhetorisch guter, sanfter Schlichter.

Nach der Schule will Simon das bisher erreichte Ergebnis der Aktion wissen. Ich erzähle: „Die Briefe sind raus. Herr Baumgart weiß bescheid und macht mit.“ Simon freut sich auf das Treffen. Und beim Mittagessen berichte ich jede Einzelheit. Ich sehe Erleichterung in Simons Augen. Er ist damit beschäftig, sich das alles vorzustellen und kann es kaum erwarten: Mutter, Vater, Oma, Opa, alle würden sie vereint für Simon da sitzen, besprechen, was für Simon gut ist. Alle fangen an zu überlegen und zu lernen, wie wichtig jede einzelne Person für einen halbwüchsigen Jungen ist. Denn Simon möchte sie alle haben, es macht ihn reicher. Welch glückliches Kinderleben wird er bald haben, wenn alles gelingt. Und bald werden weder Jugendamt noch Beratungsstelle gebraucht, mal sehen. Simon stellt sich das während des Mittagessens alles vor, positioniert sich lebhaft und aktiv, für die friedliche Sache. Er bekommt Appetit.

Ein bisschen brenzlig ist das Vorhaben doch noch, fühle ich so heimlich, denn die Köpfe funktionieren so merkwürdig unterschiedlich. Simons Oma beispielsweise rief nach ein paar Tagen an: „Ilka, was soll das. Das Kind kann von uns erben. Wir haben hier alles. Willst Du das dem Jungen kaputt machen. Er könnte einmal die Eigentumswohnung und unser Geld bekommen.“ – „Es geht nicht darum, was er einmal von Euch bekommen kann. Es geht um den Umgang und jetzt um uns alle. Bitte kommt. Meldet Euch beim Jugendamt. Es kann nicht schwer sein, sich zu einigen. Bitte lasst es zu. Danach kann Euch am Wochenende Simon besuchen. Er wird sich darauf freuen, da bin ich mir sicher!“

Mit Spannung sehen wir dem Termin entgegen. Und die Eichenholzzeitmaschine läuft jetzt an der richtigen Stelle weiter. Das Telefon klingelt. Herr Baumgart teilt mit: „Der Großvater kommt nicht. Er ist krank. Der Vater kommt nicht. Er hat zu viel Arbeit. Die Großmutter will kommen. Sie will erst mit mir alleine sprechen, einem Vertreter vom Amt. Kommen Sie mit dem Jungen eine Stunde später. Dann werden wir Drei uns hier mit Simon zusammensetzen und reden. Die Großmutter freut sich schon auf den Jungen.“

So lautet die amtliche autoritäre Mitteilung von Baumgart. Ich erstarre. Simon verstummt, während er mich am Telefon beobachtet. Hätte Herr Baumgart konsequenter sein müssen, und noch einmal alle her ordern sollen? Auf jeden Fall, aber das geschieht nicht. Über die Anwesenheit von Herrn Tannen wurde gar nicht mehr gesprochen. Ich berichte Herrn Tannen von der Abspeckung des Projektes. Wieder einmal kaum zu fassen war die sehr knappe autoritäre, förmliche Erklärung vom Sachbearbeiter des Jugendamtes. Da kommt man nicht mehr an ihn ran. Nicht einmal sagte er: „Tut mir leid, dass es so nicht geklappt hat.“ Er versicherte auch nicht, dass er sich Mühe gab, das besprochene Konzept einzuhalten. Er tat als wäre alles normal verlaufen. Ich weiß nicht, was ich vom Jugendamt verlangen darf. Ich kenne die Regeln nicht und keiner hat mich darüber aufgeklärt, was ich verlangen oder nicht verlangen darf. „Simon, bald kommt Deine Oma. Wir reden mit ihr“, drücke ich abgespeist und gedemütigt vom Vertreter des Jugendamtes aus mir heraus. „Ja, Mama“, antwortet er mitleidig und enttäuscht zugleich.

Der Versuch einer Gesprächsrunde, um den hautnahen Krieg, die Angriffe, zu beenden, ist ja noch nicht gescheitert, noch nicht. Erst einmal lassen wir den bekannt gegebenen Termin kommen. Ich sehe Simon gut angezogen eine Woche später vor der Eingangstür unserer Wohnung stehen, der nur noch auf mich wartet, damit wir zum Jugendamt fahren und er seine Oma treffen kann. Ein Besuch soll es erst geben, nach dem alle zusammen gesessen haben, aber die Großmutter und Simon sehen sich erst einmal mit mir. Gerade bin auch ich fertig, da klingelt das Telefon wieder, und ich ahne Baumgarts gleich zu hören. Simon nimmt das Klingeln des Telefons war, und mir ist, als würde er Ähnliches spüren. Ich gehe vom Ausgang zurück ins Mittelstück der Wohnung, um den klingelnden Telefonhörer zu greifen. Er fühlt sich schwer und träge an oder meine Hand ist schwer. Aus dem Telefon höre ich Baumgarts Stimme: „Baumgart hier! Ich sage den Termin für heute ab. Ihre Schwiegermutter möchte Sie nicht sehen. Sie meidet jedes Gespräch mit Ihnen. Sie wird weg sein, sobald Sie hier eintreffen sollten.“ Simon kommt zu mir und sieht mich an. Er steht mir gegenüber im Zimmer. Ich erkläre nichts. Er fragt mich nichts. Er rührt sich nicht von der Stelle, aber beobachtet mich, wie ich verloren und ausgebremst am Telefon stehe, den Hörer noch in der Hand. Wie zwei begossene Pudel stehen wir da und schauen uns an.

Ich fühlte mich diskriminiert vom Vertreter eines Jugendamtes, einem Sozialpädagogen, das Blut wich aus meinem Körper. Mit meiner Verständnislosigkeit wusste ich nicht wohin, hilfesuchend verarscht. Diese Stimme war hart, kurz, knapp, eindringend, bürokratisch, roboterhaft, intolerant, übergehend, gefühllos.

So eine Stimme, so ein verletzender Unterton, so sachlich, so konsequent an die Geschädigten weitergegeben. Simon steht da und schaut zu mir. Immer noch mit dem Hörer in der Hand stehe da und glotze Simon an. Nein, ich schreie nicht, auch nicht ganz laut, auch nicht über die Dächer unserer Stadt. Nein, Simon soll mich nicht schreien hören. Mein Kopf, mein Bauch, alles war ruhig, still und leer. Simon steht noch da. Ich lege den Hörer weg. Ich setze mich hin und glotze weiter Simon an. Ich sage ihm nichts. Fast schäme ich mich vor meinem Jungen, so versagt zu haben, vorher freuten wir uns doch. Ich glotze immer noch und will nicht weinen. Ich weiß nicht, wer diese Passivität, diese Gleichgültigkeit, diese gemeine Verantwortungslosigkeit Hilfesuchender bestraft. Keine Antwort! Keine Äußerung! Keine Meinung! Schweigen!


keine Gefühle vom Amt, Herr B?
Welche Konsequenzen trägt
eine strickte Verweigerung von Dialogen?

Ich schlafe nicht in der kommenden Nacht. Ich kann nicht schlafen. Ich kann mich nicht damit abfinden, was uns passiert ist. Alles ist so peinlich, so Nerven zermürbend. Simon sagt kein Wort mehr. Er sagt auch am nächsten Morgen nichts. Ich bringe ihn in die Schule, einfach nur so, nur weil ich auch raus gehen möchte. Ich weiß nichts mit mir anzufangen. Dieses ‚Etwas Unpassierte‘, stört. Das, was uns angeht, was wir nie zulassen dürfen. stört mich, uns.

Meine Beine tragen mich in Richtung Jugendamt, obwohl mir das Amt nicht angenehm ist. Mit unterdrückten Gefühlswallungen, einem Gefühl der Hilflosigkeit und Leere stehe ich davor. Ich klopfe an die Zimmertür des Sachverständigen. Er wundert sich nicht, mich am nächsten Tag schon vor seiner Tür zu sehen. Ich darf eintreten. Ja, er hat mit mir gerechnet, das sagt er mir jetzt hinter seinem Schreibtisch sitzend und ziemlich unbeweglich. Zumindest das Kopfdrehen, um mich anzusehen, unterbleibt.

Jetzt sehe ich ein Marmorgesicht, streng und verschlossen, nein nicht ganz. Er wirkt angestrengt. Er löste die Stille ein wenig auf, die den Raum schnell und dicht füllte, nachdem er mich kurz und knapp mit Worten bat einzutreten, und erklärte kurz mit entmachteter Stimme: „Ich kann nichts machen. Es kommt zu keinem Gespräch. Ihre Schwiegermutter weigert sich.“

Auf meine Fragen, was denn jetzt passiert und was ausgehandelt werden soll, antwortet er: „Ich darf Ihnen nicht weiter geben, was sie erzählte. Ich unterliege einer Schweigepflicht. Da gibt es nichts hinzuzufügen.“

Jetzt wird mir schlecht, vielmehr der Person in der Eichenholzzeitmaschine, ich weiß es noch. Doch gleich danach vergesse ich, dass mir schlecht geworden ist und die passenden Worte fallen mir ein, ganz ohne Kopf. Das erste Mal werde ich ihn jetzt laut kritisieren und nicht mehr heimlich in Gedanken: „Welche Konsequenzen wird das haben? Was soll jetzt weiter geschehen?“ Doch es gab dem nichts hinzuzufügen, das sagt Baumgart noch einmal. „Wenn Sie uns nicht helfen können, Herr Baumgart, werden wir uns selber helfen müssen. Ich werde dafür sorgen, dass wir, Simon und ich, jetzt Frieden bekommen.“

Baumgart schützt den Vater, indem er mir Verbote erteilt, aber er schützt Simon und mich überhaupt nicht, weil er keinerlei Maßnahmen für ein faires Zusammenleben setzt.

„Mein Sohn wird jetzt bei mir bleiben und keinen mehr besuchen. Es sei denn, der Umgang mit meinem Kind wird geklärt.“ Laut und entschlossen hörte er meine einzige Schutzmöglichkeit, eine Schutzmöglichkeit gegen seine Gesetze. „Das ist aber verboten“, wollte mich Baumgart streng unterrichten. Ich verließ das Jugendamt mit den letzten Worten: „Sie wissen jetzt und schon einige Zeit, dass ich Frieden möchte und einen richtigen Umgang. Wenn das verboten ist, können Sie mir verbieten, mich zu wehren.“ Unten auf der Straße merke ich, ich habe meinen letzten Charme in diesem Amt gelassen. Ich setze mich auf eine Bank, hoffe nicht gesehen zu werden. Laut will ich losheulen. Doch auch diesmal in der Öffentlichkeit muss ich mich zusammen reißen. Ich weine leise, ohne gesehen zu werden. Ich muss aufhören, denn das Weinen will stärker werden. Ich sitze lange auf der Parkbank, denn ich muss mich erst daran gewöhnen, an das, was einem so passieren kann. Ich will nicht gesehen werden auf dieser Parkbank. Ich will nirgendwo mehr hin. Alle meine Bemühungen ließen die Oma kommen, um mit mir das zu machen, was verhindert werden sollte. Keiner da, der das bestraft. Ich gehe zu Herrn Tannen und berichte. Er versteht mein Entsetzen. Die Briefe will er verwahren. Das verspricht er.

Die einzig noch gebliebene Lösung gegen perverse Schlechtmacherei, gegen persönliche Angriffe, das Kind zurückzuhalten, sei verboten? Es soll der Krieg mit dem Kind weiter geführt werden? Was ist das für ein Amt? Ich gehe die Straßen entlang ganz zu Fuß nach Hause und werde dieses eklige Schämen nicht los, dieses Unrechtsgefühlt, das mir angetan wurde, alles, was ich mir gefallen lassen musste.

Wir haben einen leeren dunklen großen gruseligen Sack bekommen, auf dem ‚Hilfe-Paket‘ geschrieben steht, eklig. Die Erinnerungen an die Großmutter kommen wieder hoch. Eine Stunde hat sie beim Jugendamt vorgesprochen, auf meine eigene Einladung hin. Ich höre sie sprechen. Die Innenstadt verlasse ich gerade. Es kommt ein weiterer Park, den ich durchquere.

„Ich habe Schweigepflicht!“ rief Herr Baumgart und dann erzählt die Oma weiter, billigen Rufmord, obwohl man sich zusammensetzen wollte, um das zu verhindern. Dafür nimmt sich Herr Baumgart Zeit, um mir zu sagen, dass er sich viel Zeit für unseren Fall mit Simon nimmt. „Herr Baumgart, sind Sie schuldig?“ rufe ich in mich hinein. „Schweigepflicht!“ ruft er.

„Herr Baumgart, hätte ich lieber im Frauenhaus bleiben sollen, bis Simon achtzehn ist?“ rufe ich laut in die Eichenholzzeitmaschine, als ich ihn darin noch einmal sehe. Unter Tränen plötzlich, obwohl es ist bereits der dritte November irgendwann. Alles ist schon lange her. Ich rufe noch einmal und weine dabei. Er sieht mich nicht in der Eichenholzzeitmaschine. Er hört mich nicht. Leider versäumte ich damals, ihm diese letzte Frage zu stellen.

Ich stelle das Ding jetzt aus, mache mir eine Suppe warm, esse und lege mich schlafen und lasse den Rest des Tages, der Nacht eines dritten Novembertages irgendwann ohne mich vergehen. Ich träume von Simon und mir, und dass es bald wieder eine Zukunft für uns gibt.
(© Ilona Meschke 2008)

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