am zweiten Novembertag irgendwann,
Ich erinnere mich an die tief verwurzelten Ängste, die sich in uns vergruben.
Sie wurden unterdrückt. Sie blieben. Oben darauf war neue Hoffnung.
Der richtige Weg wird sich zeigen, doch:


Mir ist als
schlummere Krieg überall

Am zweiten Novembertag irgendwann stehe ich im Zimmerchen und beginne eine tief verwurzelte Unruhe, eine Ahnung, ein Wissen, wiederzufinden. Etwas Unterdrücktes tief in mir. Ich schmiss einen dicken Deckel drauf, doch es lebte, wuchs, schlug Wurzeln und öffnete den Deckel.

Ein elender Krieg steht vor mir.
Der Vorkrieg.

Ja, der Vorkrieg fing lange vorher an. Wann? Wer weiß schon während eines Krieges, wann der Vorkrieg begann? Er kommt schleichend, und ich weiß nicht mehr, wie lange eine tief verwurzelte Ahnung in mir steckte, ein Wissen über Dramatik und Hartnäckigkeit, eine Wahrnehmung, die einen jederzeit aufhorchen lässt, Ohren spitzen lässt, reagieren lässt wie ein Reflex. „Ohne Begründung“, behauptet die Gegenwart. Doch die Begründung ist eingekerkert in der Vergangenheit und wird in der Gegenwart nicht mehr erwähnt. Sie soll sich nicht mehr zeigen.  Nur ein Wille, Zeit und Mut holt Geschehenes aus der Tiefe, um die Vergangenheit deutlicher zu erkennen. Zu den verhärteten Spuren klettere ich hinunter und ich grabe tiefer.


Mechanisch schiebe ich jetzt die Tür des Kleiderschrankes auf. Ein paar alte Akten stehen auf dem Boden unter der Kleidung und ich greife nach einem lange nicht mehr in der Hand gehabten alten Ordner. Vergilbte Blätter fallen auf den Teppichboden im Raum, Ökopapier, gräulich gelb. Eine Art Tagebücher auf DIN A4, im Computer geschrieben und ausgedruckt.

Wir waren noch verheiratet und wohnten zusammen, Henry und ich, als sich der Vorkrieg zeigte. Ich erinnere mich jetzt und finde Worte. Ich sehe das Ökopapier mit den Tagebuchtexten vor mir, unter den Texten sind oft bunte traurige Augen oder Tränen gemalt mit verformten Wimpern wie eine Trauerweide. Auf dem Boden ausgebreitet vor mir sehe ich und erkenne alles wieder.

Ich schaue weg, aus dem Fenster. Ich öffne das Fenster schnell, um Luft zu bekommen. Der Regen hat aufgehört. Milde, windige Frische tritt herein ins Zimmerchen. Tanzende bunte Herbstblätter lässt der Wind durch das Fenster in mein Zimmer wehen. Langsam verdeckt das Laub die Tagebücherblätter. Auch draußen fliegen und tanzen sie in Massen, die bunten Herbstblätter. Doch dann zerreißt eine Wolke die tanzenden Blätter. Es entsteht eine Lücke. Und in dieser Lückte erscheinen drei Gestalten, grau und nebelig wie Geister. Ich erkenne sie sofort.

Henry steht dort und lässt ein paar traurige Blätter um sich tanzen. Neben ihm seine Mutter. Vor der Mutter sitzt sein Vater in einem Schaukelstuhl. Sie schauen zu mir herüber. Zwar schweigend und unbeweglich, aber nicht ganz teilnahmslos schauen ihre Augen mich an. Sie müssen nichts sagen. Wir verstehen uns auch schweigend. Ich weiß, sie bekämpfen mich immer noch. Krankhaft oder aus Gewohnheit. Gefühllos, so dass es gar nicht mehr vorstellbar ist. Aber ihnen macht das nichts.

Sie erkannten, sie erkennen die Konsequenzen ihrer Taten nicht. Oder doch? Sie werden nie erkennen. Sie wollten die erkennen. Habgier und Rache sind größer. Sie wollen einen Menschen haben. Sie fragen nicht nach dem Empfinden des Kindes, Simon. Sie legen sich ihre Argumente zurecht wie sie es wollen. Und sie handeln danach verbissen, adynamisch. Wo führt das hin?

Ich schaue mir diese Nebelgestalten weiter an. Sie bleiben unbeweglich, die tanzenden Blätter um sie herum. Doch lange vertragen die Blätter ihre Nähe nicht. Sie lahmen. Sie erstarren. Sie verfärben sich braun und verkrüppeln langsam. Zumindest die, die den grauen Gestalten vor meinem Fenster zu nahe gekommen sind. Ich schließe das Fenster.

Das war beinahe die Erklärung, die Suche nach dem tief verwurzelten Ding, was Angst erzeugt, in mir und ich weiß, auch in Simon. Das ist der Kern von Urangst in meinem Bauch, der sich später nicht immer erklären lässt. Nur gefühlt existiert da, irgendwas.

Unter den herein geflogenen Herbstblättern suche ich die Tagebücherblätter wieder heraus und schaue hinein. Bei den Berührungen der bunten Herbstblätter erkenne ich Eigenschaften, menschliche verborgene Eigenschaften, die wohl auch zum Fenster hereinkamen und sich unter den Blättern verkrochen haben. Jetzt, während ich sie entdecke und anschaue, verkriechen sie sich langsam. Die schleichenden Wurmgestalten wollen sich nicht zeigen. Sie versuchen langsam kriechend das Zimmer zu verlassen.

Die Verschlossenheit ist dabei. Sie schleicht hinter den Schrank in Richtung Ausgang. Die Uneinsichtigkeit und Verharrung kriechen an der Wand gedrückt raus in den Flur. Von dort aus in den Hausflur. Gut, dass sie herausgegangen sind. Eine Unfähigkeit von Zugeständnissen versteckt sich noch halb unter dem Teppich, alles, um die eigene Selbstsucht zu befriedigen.

Die Selbstsucht schleicht dick hinter Zugeständnisunfähigkeit hinterher. Stolz und Arroganz wollen die beiden schützen, geben ihnen Tarnkappen aus Herbstblättern, die gleich danach braun werden. Diese Eigenschaften entstanden und entwickelten sich einst, um die Menschen vor den Menschen zu schützen, stelle ich mir vor. Vielleicht aus dem so genannten Selbstschutz heraus - ja, hat Henry nicht einmal davon erzählt?

Hat er, vielleicht waren alle Eigenschaften einmal in einem gesunden, ganz geringen Maß vorhanden, zum Schutz, zum Selbstschutz, nichts weiter. Aber die Kontrolle der richtigen Menge ging verloren. Und die Eigenschaften entwickelten sich weiter in zerstörerischer Weise. Da, geht die gespenstische Besessenheit, die den Hochmut gerade aus sich heraus wachsen lässt. Ein Kind, das noch größer und aufgeblähter ist und alles unterdrücken will. Ich schaue den flüchtenden Eigenschaften gelassen hinter her, die auch die totalste Unterdrückung den Allerliebsten erzeugen. Die letzten aufgeblähtesten wurmigen Eigenschaften wollen sich jetzt aus meinem Zimmer verkrümeln. Warum eigentlich flüchten sie?

Ich drehe mich ein wenig in die hintere Ecke. Da ist der Hass. Aus all diesen Eigenschaften entstanden. Ihr Kind. Es will gerade alle anderen Erzeuger auffressen. Ach, deswegen also flüchten sie.

Natürlich ist alles eine Wahrnehmungssache, trotzdem schaue ich noch eine Weile diesem Schauspiel nach, solange bis der Hass seine Erzeuger gefressen hat. Nun wächst er und entwickelt den hasserfüllten Wahnsinn.

Um meine tiefverwurzelte Urangst weiter zu ergründen schaue ich jetzt in die Tagebuchblätter von einst:

 

Kleine Anekdote Nummer Eins
Weihnachten mit Henry,
Simon und Simons Großeltern

Wir gingen über den Weihnachtsmarkt, Simons Oma, Simon und ich, Ilka. Dreihundert Kilometer entfernt vom eigenen Wohnort, hier wohnten Henrys Eltern. Simon, älter als drei, jünger als vier, ging neben mir an meiner Hand und neben seiner Oma. Ich erzählte fröhlich irgendwas – irgendetwas, bis die Oma Simons unvermittelt antwortete: „Du gehörst hier nicht her!“ Sie meinte mich?

Die plötzliche Kälte, die ich spürte, und die Kurzfassung ihrer Worte überraschten und erschreckten gleichzeitig. Ich fragte, was das solle, und wie sie jetzt darauf käme. Doch Simons Oma wiederholte nur, was sie bereits gesagt hatte. Sie ergänzte den Satz: „Die Frauen hier passen sich an. Und wenn Eure Ehe kaputtgeht, glaube ja nicht, dass Du das Kind bekommst. Da kennst Du aber unseren Henry schlecht! Er wird alles tun, um das Kind zu bekommen. Und es wird ihm gelingen. Den Jungen wirst Du nicht mehr wieder sehen.“

Währenddessen klammerte sich Simon an mein Bein – immer fester. Jetzt sah die Frau mit starren dunklen Augen direkt in meine Augen, und ich sah in ihre. „Kannst Du Dich noch an gestern Abend erinnern?“ fragte ich den teuflischen Eisklotz, „ich erzählte in Eurer Wohnung meine Meinung über Dinge, die ich vielleicht besser kenne, bis Dein Sohn meinte, ich solle meinen Mund halten, ich hätte eh keinen Grips in meiner Birne, er müsse sich hier wegen meiner Doofheit schämen. Und als ich trotzdem weiter erzählte, stand er auf, sah auf mich drohend herunter. Du hast ihn zurückgezogen, so dass er mir nichts mehr tat!“

Die Oma erinnerte sich nicht mehr an all das? Sie lachte darüber unherzlich kurz und sah mir weiter verständnislos in die Augen. Ich sah eine äußere Hülle der Oma. Es war kein Mensch mehr darin. Sie schien aus sich heraus gegangen und ließ eine erstarrend kalte Hülle zurück, die noch gucken konnte, mir voll ins Gesicht ohne Charme. Ich nahm meinen Sohn auf den Arm, drückte ihn an mich, und er umschlang meinen Hals ganz fest. So erlebte ich ihn die gesamten folgenden Weihnachtstage.

 

Kleine Anekdote Nummer Zwei
Ein Sommerurlaub mit Henry,
Simon und Simons Großeltern

„Wie kannst Du behaupten, ich sei faul und würde mich um gar nichts kümmern? Hast Du nicht eben gesehen, dass ich den Abendbrottisch deckte? Hatte ich davor nicht Simon fertig gemacht? Hatte ich mittags nicht abgewaschen? Und anschließend mit Dir Ball gespielt, weil Dein Henry sich wünschte, ich solle Dich mal von Deinem klebrigen Stuhl weg holen? Bin ich nicht überhaupt diejenige gewesen, die uns drei in der Frühe zu Euch gefahren hat?“ rief ich der Henry-Mutter zu und stand vor dem Esstisch. Gegenüber saß Simons Oma, die Henry-Mutter. Da stand Henry auf und sagte, ich solle meine Fresse halten. Er war ein halben Kopf höher als ich in dieser Stellung. Er stand neben mir und schien unberechenbar. Die Mutter forderte ihren Sohn auf, sich zu setzen und Ruhe zu geben. Ich beobachtete die Mutter. Mehr als das sagte sie nicht. Sie verließ wieder ihren Körper und ließ die starre kalte Hülle zurück. Leider waren wir, Henry und ich, damals schon verheiratet.

 

Kleine Anekdote Nummer Drei
Wie ich Henry
und Simon manches Mal erlebte

Henry ging auf keine Gespräche mehr ein. Er veränderte sich nicht nur in der Gegenwart seiner Eltern, er veränderte sich später auch sonst. „Ich bin wie eine Ratte!“ berichtete er, „ich verkrieche mich in meinem Loch, und wenn ich angegriffen werde, komme ich raus und beiße zurück.“ Reumütig nachdem er biss, erklärte er es mir. Er sah elend aus. So wollte er sich stets vor seiner Umwelt schützen, obwohl er sich nicht schützen brauchte, nicht hier, nicht vor mir.

Diese Stellen im Tagebuch lassen in mir viele Eindrücke wiederkommen. Er ist Ingenieur und hat eine Firma. Ich arbeitete in seiner Firma. Jedes verstrichene halbe Jahr wollte ich umziehen, weg von Henry. Doch wir vertrugen uns wieder, denn es war furchtbar, wochenlang wohnungssuchend zusammen zu leben. Dann war da noch das Gefühl von Mitleid für Henry, ein selbst zerstörendes Gefühl, dieses Mitleid, und Mitleid hatte auch Simon. Simon, der sensible kleine Junge, der feinfühlige Antennen bekam und sich zurückzog, überall und manchmal aus der Entfernung horchte. Er wusste, der Vater war im Unrecht, doch er hatte Mitleid mit ihm.

Aber Henry wusste auch, ich hatte Angst, arbeitslos zu werden bei einer Trennung von ihm. Er spielte mit diesem Wissen, zog angeblich sinnlosen Nutzen daraus, und in der Wut verriet er sich: „Wer bist Du denn? Du willst abhauen? Du findest ja nicht einmal neue Arbeit!“ Meine Arbeitsstelle war ja nun mal in seinem Büro, und ich war auf ihn angewiesen, dachte er.

Meine Urängste gehörten Simon und dem Krieg nach der Scheidung, die Angst, Simon zu verlieren, diese ständigen schon gesagten oder heimlichen Drohungen heißen dann auch, übersetzt, die Angst, dass Simon aus der von väterlicher Familie gestellten Falle nicht mehr heraus findet. Die Vereinnahmung anderer Menschen, der Egoismus und die Gier nach Besitzergreifung der Henry-Familie würden Simon unfrei machen.

Henry rasselte sich so fest in seine eigenen Konflikte. Wurde ich unbequem, speiste er mich mit hässlichen Antworten ab, die er immer häufiger benutzte. Letztendlich musste er sich in Lügen und schmutzigen Behauptungen gegen mich derart verstricken, damit er seine Schuldlosigkeit immer wieder neu in steigender Form begründen konnte. Er litt an immensem Hass, Menschenverachtung und Wahrnehmungstäuschungen. „Verrat in der eigenen Familie“, war sein Schlagwort, und er meint sich selbst nicht damit. Simon verurteilte seinen Vater. Doch er hatte oft Mitleid, ansonsten standen sich beide in jeder Situation beziehungslos gegenüber. Mich verurteilte Simon, denn ich sprach oft genug vom Ausziehen, aber immer noch hatte ich keine eigene Wohnung, um mit ihm dort zu wohnen. Stattdessen vertrugen wir uns wieder, Henry und ich. Doch die Streitigkeiten wurden schlimmer. Schon in früherer Zeit hatte Henry während seiner Arbeit über Nacht und in seiner Freizeit viel Bier getrunken. Er veränderte sich zunehmend.

 

Längere Anekdote Nummer Vier
Missgeschick im Garten vor dem Grill

Ich schrieb: „Eigentlich hätte gar nichts passieren brauchen, wenn sich nicht wieder einer dieser Unglücksbringer in das Leben der Familie gemischt hätte. Diesmal war es der Automat der Nord/LB. Er war aus irgendeinem Grunde nicht mehr aktiv genug, um die Kontoauszüge des Herrn Henry Hölzer auszudrucken. Außer Betrieb! stand in roter Schrift auf dem Display. So ein Pech. An einem schönen Sonnabendnachmittag löste dieser nicht funktionierende Automat bei der Familie Hölzer eine Katastrophe aus.

Henry Hölzer berichtete davon, gestresst sei er durch nicht funktionierende Automaten, durch faule Bankangestellte und dumme Menschen, die nur Fehler machen könnten, die ihre Aufgaben nicht richtig erledigten, denn eigentlich hätte so etwas doch gar nicht passieren brauchen. Ich saß gerade etwas spielerisch den Tag genießend auf der Schaukel. Simon drückte sich auf meinen Schoß. Nun schaukelten wir beide ein wenig, hofften auf ein Ende der unangenehmen einseitigen Diskussion über faule Menschen, Berufsethik und die typische schlechte Welt überhaupt. Oh, oh, da gab es aber auch immer wiederkehrende Worte, auch Menschen, denen man ständig nur ins Gehirn geschissen hat - wie unangenehm.

Da kam ein Kommentar von mir!
Meine Gedanken in meinem Kopf kämpften sich frei und schlugen lauthals zurück:


Erstens fand ich den Vergleich mit einem Automaten, der außer Betrieb gesetzt wurde und der eigenen alltäglichen Arbeit sehr hinkend. Wir wussten nicht, welche Gründe überhaupt dahinter steckten, dass gerade jetzt dieser Automat nicht lief. Ich kritisierte H. H. wegen seiner ständigen standardisierten Behauptungen von Gründen, besonders auch, wenn es um Beamte oder Angestellte der Bank ging.

Zweitens kannte ich H. H. genau. Wenn seine Geräte nicht funktionierten, hätte ich mich darum nicht sorgfältig genug gekümmert. Nicht etwa wäre es seine Nachlässigkeit gewesen, obwohl er meiner Meinung nach der erste war, der solch kleine Nebenarbeiten verschluderte und dann über andere Menschen schimpfte, sie würden auf ihren Ärschen sitzen bleiben. Ich hätte lieber ein anderes Thema, aber H. H. denkt gar nicht daran, sein Thema zu beenden.

Drittens: Dass ich schon vorsichtig sein musste, wusste ich bereits. Bliebe da nur die Frage, wie lange sollte man ihn reden lassen? Immerhin bin ich vielleicht demnächst die faulste und bequemste Sau, die man nur waagerecht liegen sah. Wenn jemand oder eine wollte, konnte er oder sie wirklich fragen: War es der Automat, der Familienunglück hervorrief? Aber sparen wir uns die Antwort.

Fast könnte man denken H. H. war im Stande, fertig zu machen, was in seinem Umkreis noch lebte. Doch wer hätte ihm dann bei seinen Selbstdarstellungen noch zugehört?

Gut, ich mischte mich ein, denn irgendwann muss man ja! Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich keine Lust hätte, ihm zuzuhören und versuchte die Gründe aufzuzählen. Wie weit ich kam, lässt sich nicht aus meiner Erinnerung herausholen, nicht genau aus dem Tagebuch und auch die Eichenholzzeitmaschine streikt. Es geht ja gerade um nicht funktionierende Maschinen, inwieweit meine Maschine dieses Thema sensibel aufnimmt, kann ich auch nicht nachvollziehen.

Oh, da fällt mir etwas ein, als ich dann das Wort „Ausrasten“ erwähnte wegen der Gefahr, es so weit kommen lassen zu können, rastete H. H. aus. Er stand gerade vor dem Grill, um Würstchen umzudrehen, was er plötzlich nicht mehr tat. Seine Bierpulle flog durch den Garten auf den Rasen. Den Grill mit glühender Kohle und Essbarem darauf wollte H. H. mit seinem Fuß wegtreten. Er schaffte es nicht, denn der Grill war alt und rostig. Sein Fuß blieb im Grill stecken. Es tat ihm wohl weh an seiner Haut. Er ärgerte sich noch mehr. Er schüttelte den Grill und die glühende Kohle heftig vom Fuß ab. Dabei mussten wir aufpassen, damit uns die glühende Kohle nicht traf. Simon fing an zu schreien. Ich konnte ihn nicht packen und nach hinten laufen. Wir steckten in den Seilen der Schaukel. Simon schrie auf, er bekam die glühende Holzkohle an seine nackten Füße. Ich hob ihn hoch und schüttelte die Glut ab, versteckte das Kind hinter meinen Körper und entwich den Stricken der Schaukel. Wir saßen jetzt drei oder fünf Meter von H. H. entfernt auf der Sandkiste. Wir waren recht verwirrt und weinten beide. Ich ängstigte mich vor H. H. Ich wusste nicht, was im Anschluss danach passieren würde.

Danach entpuppte ich mich als dumme Kuh in den Augen meines vor einigen Jahren freiwillig geheirateten Mannes. Denn ich dachte nicht schnell genug daran, dass wir einen Brunnen haben und ich die Füße des Jungen in den Brunnen hätte tauchen können, um Glut und Schmerzen des Kindes so zu löschen.

Nette Gartennachbarn kamen, um den Streit zu schlichten. Sie redeten viel auf H. H. ein. Dabei hörte ich, wie dumm, faul und geistlos ich sei. Ich sei eine dumme Kuh, die alles kaputt mache, den ganzen Tag Blumen pflücken gehe, und außerdem psychiatriereif sei. H. H. entschuldigte sich danach bei den Nachbarn wegen seiner langen Erzählungen, denn er wollte ja nicht aus der Schule plaudern. Es tat ihm schließlich leid. Nicht, dass er mich bis aufs letzte Hemd blamierte, sondern dass  er sich dafür hergegeben hatte, so viel zu erzählen. Es tat ihm leid, den Grill weggestoßen zu haben, weil das Leben mit mir nicht zu ertragen sei. Zum Schluss hörte ich und Simon, wie jämmerlich sein Vater finde, dass seine Frau, die Mutter seines Sohnes, einen Hauptschulabschluss habe, - neuerdings wohl.

 

Kleine und letzte Anekdote Nummer Fünf
Henrys Eltern hetzten
den fünfjährigen Simon
gegen seine Mutter auf

Ich selbst mied Henrys Eltern bald. Ein paar Male kam es mir vor, als hätte Henry sich ein Kind angeschafft, um sich von seinen vereinnehmenden Eltern loszulösen und das Kind dafür zu opfern. Doch Henry handelte angemessen, nachdem Simon fünfjährig vierzehn Tage alleine bei seinen Großeltern war. Damals holte ich ihn vom Bahnhof ab. Sein Opa begleitete ihn während der Bahnfahrt. Als Simon mich das erste Mal wieder sah, schien er mich nicht mehr zu kennen. Voller Skepsis sah er mich an. Später stellte er Forderungen an mich, die weder meine noch Henrys Erziehungsvorstellungen waren. Dann erzählte Simon so vorsichtig nach und nach, was er alles über mich von seinen Großeltern hörte. Das reichte auch Henry. Seit dem besuchte der Junge seine Großeltern nicht mehr. Diesmal stand Henry mir und Simon bei.

Doch der gestresste Ingenieur und Firmeninhaber stieg mehr und mehr zum besten, intelligentesten, fehlerfreien Menschen auf. Wenn seine Stadt bombardiert werden würde oder ein Erdbeben käme, wäre er derjenige, der alles alleine wieder aufbauen müsse. So seine Worte, denn seine Vermutung war, alle anderen seien zu dumm. Manche Menschen würden eventuell meinen, Uneinsichtigkeit, Menschenverachtung und Hass überrumpelten ihn inzwischen.

 

Schluss mit Anekdoten!
Lassen wir es zum Ende kommen

Ich stecke die Tagebücherakte weit in den Schrank hinein, nachdem ich einigermaßen die Blätter sortierte. Jedes halbe Jahr wollte ich ausziehen mit Simon, wie gesagt. Doch dann flossen Tränen auch bei Henry. Ich hatte eine Arbeitsstelle bei ihm in seinem Büro. Es war schwer eine Wohnung zu finden und zu Hause das System knacken zu lassen. Wir vertrugen uns wieder und hofften, alles wird besser. Doch die Demütigungen gingen weiter. Nicht besser, nur noch schlimmer wurde unser Leben miteinander. Er durfte nicht mehr mit mir schlafen: „Ich hasse Dich!“ rief ich einmal. Danach rief ich: „Ich hasse Dich! Ich glaube, das geht niemals wieder weg.“ Dabei erkannte ich meine Stimme nicht mehr. Doch so wurde ich ihn los. Erschrocken zog er sich zurück, war still und tat mir nichts. Mir war übel, nachdem ich mich selbst hörte.

Irgendwann bin ich in der Nacht zusammen mit Simon in einem Polizeiauto zum Frauenhaus gefahren. Dort blieben wir stationär, suchten eine Wohnung für uns und planten ein neues Leben. Nach dem allerschlimmsten Ehe-Erlebnis hatte die Trennung doch geklappt. Wir hatten bald eine Wohnung. Simon musste mir nichts mehr vorwerfen. Ich hatte mich jetzt von Henry frei gemacht. Er selbst wurde ausgeglichener in der Schule. Das sagten alle seine Lehrkräfte, die mir das auch später immer wieder bestätigen wollten. Ich suchte eine neue Arbeitsstelle. Schrittweise organisierten wir, mein Sohn und ich, ein neues Leben.

Ich lege Holz in den Kaminofen, schaue wieder aus dem Fenster zu den fliegenden Herbstblättern. Ich sehe Sturm und graue Nebelwinde. Ich suche nach den drei Gestalten, die sich vor kurzem noch im Nebel zeigten. Doch ich sehe nur noch massenhaft vom heftigen Sturm gepeinigte wegfliegende Blätter. Und ich sehe sich beugende Bäume. Mein Zimmer sammele ich die Herbstblätter auf, die menschlichen Eigenschaften haben sich wohl inzwischen alle kriechend weggestohlen oder bereits gegenseitig gefressen. Die Tageblätterbücher? Ah, ja, sie liegen gut weggepackt im Schrank.

Dann gehe ich im Wald spazieren. Das grausame Wetter achte ich nicht. Ich komme in die Aue. Dann komme ich an unserem größten Fluss vorbei. Er hat drei oder vier Meter Durchmesser an manchen Stellen. Es stürmt immer noch heftig. Alte Äste knacken von den Bäumen herunter. Es ist geradezu passend, hier zu sein. Hinter Wolken und Nebel sehe ich durch vereinzelt freien Himmel die Sonne untergehen. Der zweite Novembertag irgendwann vergeht.
(© Ilona Meschke 2008)

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