am ersten Novembertag irgendwann
stehe ich vor einem Weg, vor unserem Schicksal, wie vor einem Glückskartenspiel. Eine Wulst von Erlebnissen, Erklärungen, Erinnerungen und Erfahrungen liegt da. Wie soll ich mich entscheiden?
Womit beginne ich?
Oh, ja,


das alte Papier
und die Eichenholzzeitmaschine

Ich sitze in meinem Zimmer, stelle den Computer an, stapele Akten, Briefe, Notizen, Telefonnummern, Tonbänder und noch diverses Papier, auch Tagebücher aus einer längst vergangenen Zeit, einer vergangenen Ehe. Neben mir eine bereits sehr alte Eichenholzzeitmaschine. Hin und wieder benötige ich sie für die längst vergessenen Erinnerungen vergangener Zeiten. Ich stelle sie an und sehe mich jetzt selbst darin, nachdenklich in die Zukunft schauend, mit einem Stift in der Hand. Ich kritzele auf flatterigem Papier, Erfahrungen in Gedichtsform wiedergegeben, die Zeilen spiegeln sich jetzt wider. Es ist gut und richtig, dass diese Geschichte im November beginnt.


Im Nebel


des ersten Novembertages irgendwann:
eine Berichterstattung
eine zeitlose
behaupte ich
und schreibe den ersten Novembertag nieder

mein Bericht ist subjektiv
sehr subjektiv
es ist die Wahrnehmung einer Frau
einer Mutter
die miterlebte und fühlte

mache ich doch besser ein Erlebnis daraus
eine Erinnerung
Zusammenfassung vieler Ereignisse

mit Fakten
Tatsachen
Gesprächen
Sitzungen
Briefe – vielleicht mehr eine Briefsammlung

Aufnahmen ganz heimlich
um wortwörtlich auf Papier zu bringen
was gesagt wurde und passierte
der Bericht ist zeitlos
irgendwie zeitlos


und während eine verkrüppelte alte Weidenreihe ihre schon längst vertrockneten Blätter fallen lässt, stehe ich, Ilka Hölzer, darunter, schaue über gelb gewordene Gräser bis über den Fluss hinweg zu den alten Bahnschienen und grübele.

Es wäre ein glücklicher Moment gewesen. Und doch, ich schaue mit durchwachsenen Gefühlen in die Natur, zu stillgelegten rostigen fast übergewachsenen Gleisen und großen fast zerfallenen gespenstischen Speicherhäusern aus der Nazi-Zeit. Ein schwarzes Kapuzen-T-Shirt verbirgt mein Frösteln.  Dabei hatte Simon doch Großartiges vollbracht. Simon, mein geliebter Junge. Nun, nichts von dem, wovon der Normalbürger träumt. Nein, er hatte es geschafft heimlich, langsam und verschwiegen, Tabletten 'ausschleichen' zu lassen. So nannten Ärzte eine Tablettenreduzierung bis zur völligen Absetzung und sprachen dabei von grausamen Tabletten. Die heimlich, ohne sie zu schlucken, verschwinden zu lassen war schwer. Doch er hatte es geschafft. Er hat sie vollständig abgesetzt, trotz scharfer Kontrolle im Kinderheim. Bis heute wissen wir beide nicht, warum er damit gequält wurde. Wir wissen nur, warum wir es nicht verhindern konnten.

 

Doch warum davon berichten?

Es weiß doch sonst keiner! Vielleicht brauchen wir ein Urteil. Kein Gerichtliches – nein. Das Richterliche war besetzt von der Elite im Staat, ihrer eigenen Haut zum Vorteil. Das Urteil der Öffentlichkeit wird gebraucht. Sie wird gefragt. Sie muss, kann oder darf entscheiden. Es muss niemandem etwas verschlossen bleiben in diesem Lande.

Doch die Niederschrift entsteht hauptsächlich aus Liebe, aus Liebe zu einem Kind, zu meinem Kind, dass das Vertrauen ALLER verlor.

Es ließe sich gut leben in diesem Lande. Wir wohnen in einem kleinen Vorort einer Großstadt in Niedersachsen und mitten in Deutschland, um uns herum, Deutschland, das Mittelstück Europas. Doch egal, es ist halt ein Wohnort am Rande einer Stadt mit ziemlich viel Natur und all seinen Strukturen staatlicher Art.

Ich schaue wieder in die Eichenholzzeitmaschine. Hier sitze ich auf einer alten Mauer in der Nähe der gespenstischen Speicherhäuser. Pferde und Kühe träumen kauend auf einer Weide. Die flatterigen Papierbögen immer noch in der Hand, schreibe ich weiter über meine gesammelten Erfahrungen mit einer grenzenlosen Unwissenheit über eine steuerbare Zukunft, eine unsichtbare Zukunft.

 

Aufgepasst – es wird gewarnt!
Über eine unterschriebene Vollmacht in diesem Lande:

Ich vergrößere die Zettel in der Eichenholzzeitmaschine durch die Betätigung eines Drehknopfes und lese dieses Gedicht jetzt vor:

Über eine unterschriebene Vollmacht

Stell Dir vor, Du brauchst Hilfe, Du für Dein Kind.
Du suchst nach der Heilquelle in diesem Lande.

Eine Heilquelle in diesem Lande schaut, analysiert,
berät, erklärt Zuständigkeiten und verweist weiter
an andere Heilquellen
in diesem Lande.

Heilquellen in diesem Lande
mehren und sammeln sich vor Dir.
Oder viel mehr, man schickte Dich,
um sie zu holen.

Sie liefen sich warm und wurden tätig.
Du gibst ihnen eine Existenz.
Sie laufen heißer.
Verkoppeln sich ineinander.

Der guten Zusammenarbeit halber,
sagen sie, glauben sie.

Vollständig mit allen Zuständigkeiten
bilden sie eine Einheit.
Mit der Vollmacht, die Du unterschrieben hast.
Vertraue, vertraue, raten sie Dir
lächelnd.

Das Rad der Heilquellen in diesem Lande
dreht sich schneller.
Tauscht Informationen aus,
von denen Du nichts ahnst.

Sie verformen Deine Sätze, Deine Aussagen,
der routinierten Arbeit zum Vorteil.
Sie schütteln sich die Hände tuschelnd,
tänzelnd um Dich herum.
Legen Dich lahm, rauben Dir die Kraft,
machen Dich krank.

Wollen, dass Du krank wirst,
damit Du sie nicht mehr störst.
Mit der Vollmacht, die Du unterschrieben hast.

Sie wechseln auch Personen aus,
die, die inkompetent sind.
Inkompetent sind die,
die es anders machen wollen,
die Systembrecher.

Keine Heilquelle in diesem Lande macht einen Fehler.
Das bestätigen sie sich gegenseitig.
Alle sind mit sich zufrieden in diesem Lande.

Heilquellen in diesem Lande.
Richtig gut geformt schmücken sie sich
mit Pfauenfedern.
Mit der Existenz, die Du ihnen gabst.

Sie nennen sich Team.
Gegenseitig, untereinander bestaunen
sie ihre korrekte Einheit.
Jahrzehnte arbeiten manche in dieser Einheit.

Sie kennen sich, beschenken sich,
feiern zusammen und freuen sich.

Du weißt das nicht,
doch sie kennen sich untereinander.
Sie scheuen nicht die Propaganda für sich.
Dann, wenn Du sie alle holen sollst.
Vor Dir gab es auch schon Menschen.
Die Vollmachten unterschrieben.

Ohne an Deine Vollmacht zu denken,
unterschreibst Du.
Teufelsgelächter.

Deine Rechte, ihre Rechte,
wo bleiben die Rechte Deines Kindes?
In den Quellen dieses Landes.
Du gabst den Stoff.

Sie werden größer, dichter, fester, zur Burgmauer.
Einer staatlichen Mauer, die Du noch nicht kanntest.

Sie lassen Dich nicht mitmachen.
Sie haben ihre eigenen Interessen.
Da warst Du nicht mit eingeplant.

Dein Kind fällt in ein tiefes schwarzes Loch.
Du fällst hinterher.
70 Jahre hinunter ?
70 Jahre zurück ?

Ach was, es sind die Quellen in diesem Lande.
Gut verstrickte Resultate zum Ergebnis
gegen Dich und Dein Kind sind fertig.

Gut gefestigt in ein Muster geformt mit der Vollmacht,
die Du unterschrieben hast.

Alles fertig konstruiert, eine feste Struktur,
die sich niemals töten lässt,
unsterblich

im Gegensatz zu Dir
und Deinem Kind.

Simon schluckt jetzt kein Leponex mehr. Seit genau einem Monat - heimlich. Laut schriftlicher Berichte und gerichtlichem Beschluss könnte er in zwei Monaten nach Hause zu mir. Im Januar? Nachdem er sein Schulzeugnis bekommt? Doch wie beweisen wir das alles? Wie reagiert der Machtapparat darauf, wenn er sich hintergangen fühlt und weiß, Simon hat Medikamente abgesetzt?

Ich bekomme Angst. Ist es ein Fehler, es jetzt zu sagen und Simon noch zwei Monate im Heim zu lassen? Sie sehen alle, alle im Heim sagen mir, Simon fühlt sich prima. Er macht große Fortschritte. Das wird mir alle drei Tage berichtet. Er entwickelt sich gut. Aber sie wissen nicht, dass er es ohne Medikamente schafft.

Ich gehe in der Sonne auf den alten schon lange ungenutzten rostigen Schienen spazieren und betrachte die riesengroßen Schrauben, mit denen die Gleise befestigt wurden. Ich klettere über eine dicke, fast schon auf den Boden gebeugte Weidenrinde und übergehe unseren mittelgroßen Bach. Ich stehe jetzt auf der anderen Bachseite, vor einer großen, verlassenen, zeitlos erscheinenden Blumenwiese.

Die Sonne scheint direkt auf diese Wiese. Eine Herbstwiese mit noch grünen, aber auch schon gelben, dunkelbraun bis rötlichen kurzen und langen Grashalmen bekleidet. Auf einem Teil gelber Wiesenfläche sehe ich noch eine leuchtend rote Mohnblume blühen. Die Sonne bescheint sie. Sie tröstet mich.

Vor mir immer noch diese Speicherhäuser, bombastisch groß, aber weit entfernt, unbewohnt und ungebraucht schon lange Zeit. Sie schweigen in endloser Zeitlosigkeit. Sie sehen aus, als erschienen sie nur, als stünden sie nicht wirklich da. Je näher ich an sie herangehe, desto unwirklicher werden sie und doch sehe ich sie. Bei dem Anblick der noch blühenden Mohnblume in voller Pracht zwischen sämtlich vertrocknetem Gras wird mir bewusst, es gibt doch noch Wunderbares, doch noch Wunder.

Daran halte ich fest. Sie entstehen immer wieder. Sie haben auch ganz logische Wege, auch wenn sie zu Wundern geworden sind. Jeder Weg führt irgendwie dorthin. Ich muss ihn nur finden wollen.

Nun betrachte ich wieder die stillstehenden leeren Speicherhäuser eine ganze Weile. Mich fröstelt plötzlich, mich gruselt, irgendeine Angst, irgendeine Panik steigt in mir auf. Unsere Zukunft ist nicht erkennbar, egal was ich jetzt tue. Es kann schlimm enden oder gut gehen.

Ich entferne mich schnell noch weiter von den Speicherhäusern, ich laufe. Dann gehe ich den Weg langsam zurück, aber unruhig. Ich gelange an eine Pferdekoppel, schaue den friedlichen Pferden zu und beruhige mich wieder, vergrabe mich in die gutmütigen Pferdeköpfe, streichele und füttere die Wesen. Wir sind eins. Anders halte ich es nicht aus.

Ich nehme ein wenig Abstand von den Pferden, sitze jetzt vor ihnen, grübele nicht mehr so viel, aber es fällt mir eine Geschichte aus einem Jugendbuch ein:

 

Hautnah stehend vor
verschiedenen Wahrheiten und Kriege

Ein zwölfjähriges Mädchen erzählte kriegserfahren über Kriege:
Der Zweite Weltkrieg war für sie nicht so schlimm. Alle in Griechenland und Mazedonien hielten zusammen gegen die anderen Länder, gegen die Fremden, mit denen sie nicht in Berührung kamen, mit denen sie nichts zu tun hatten. Doch der darauf folgende Bürgerkrieg spaltete die Menschen innerhalb des Landes, der Städte, der Ortschaften, auf der Straße und in der Nachbarschaft. Das war bedrohlich für die Zwölfjährige.

Hautnah und verfeindet, was vorher befreundet war. Die Kinder mussten sich daran gewöhnen. Und sie trieben es nach dem Vorbild der Erwachsenen, bis es tote Kinder gab. Kein Mensch auf dieser Erde wünscht sich einen Krieg, davon gehe ich mal aus. Es sind nur die verschiedenen Wahrheiten, derjenigen, die einen glauben lassen, der Krieg müsse sein, die anderen aber lassen einem das Gegenteil glauben. Jeder kann seine eigene Wahrheit begründen.

Das Schreckliche dabei ist, manche Wahrheiten scheinen sich so tief in Menschenkörper und -geist zu vergraben und zu verwurzeln, dass es kein Überwinden der Ansichten mehr gibt, die Teilung, die Starrheit, die Feindseligkeit beginnt. Eben die unsichtbare Mauer, das Dogma. Jeder schützt seine eigene Falle der Unfreiheit und Einengung. Es gibt kein Entkommen mehr und keine Hilfe.

Hautnah stehend vor
verschiedenen Wahrheiten

und Krieg vorm eigenem Haus:
Simon und ich, wir gehören zu den Kriegsgegnern, wenn es um Interventionen in fremde Länder geht. Andere Wahrheiten, Begründungen und das so schrecklich tief Verwurzelte im Menschen, das alles gehört zu unserem Urproblem. Ich nenne es eine tiefverwurzelte Angst, denn Krieg lag auch vor unserer Tür ganz nah. Angst und Vorsicht ging immer in Simon ein und aus, nahm ich so wahr. Ebenso bei mir, im Kern war sie immer da, ich spürte sie, unterdrückte sie mit Lebenslust, und doch, sie meldete sich immer wieder.

Diese tiefverwurzelte Angst hat nichts mit staatlichen Kriegen in fernen Ländern zu tun, nein, sie befand und befindet sich noch näher bei uns, in uns. Da sind getrennte Familienmitglieder. Da passiert irgendetwas ganz Unberechenbares, passierte immer etwas Unvorhersehbares, etwas ganz Enges, ganz Nahegehendes. Wir flüchten vor einem Dogma. Ständig stehe ich kurz davor, dem allen zu entrinnen - oder auch nicht. Aber es geht um Simons Leben, Simons Zukunft und unser Zusammensein.

Ich kurbele weiter an der Eichenholzzeitmaschine herum, verlasse diesen ersten Novembertag und gehe in eine ältere Zeit. Sommer- und Wintertage drehe ich am Kurbelgriff zurück. Hole Bilder aus der Tiefe hervor. Mit einem Zahnradlager kann ich die Örtlichkeiten verstellen: östlich, südlich, westlich, nördlich.

Da stehe ich und auch mein Sohn auf dem Marktplatz unserer Stadt, in einem anderen Jahr. Ich verteile gerade Flugblätter gegen die Jugoslawieninvasion, während Simon, etwas kleiner als sonst Elfjährige und zierlich, auf einem großen Lautsprecher sitzt.

Er mampft Kuchen, während namhafte Landespolitiker durch den Lautsprecher sprechen. Sie sprechen sich gegen die Invasion aus, eben gegen staatliche Entscheidungen und wir alle, Freunde und Nachbarn sind dagegen, zumindest können wir noch miteinander reden. Simon hört laute Stimmen aus dem Lautsprecher, auf dem er noch sitzt, doch es sieht nicht so aus, als betreffe ihn das sonderlich, denn wie gesagt, alle um ihn herum, hautnah, positionieren sich gegen das Bombardement. Er war geschützt in einem Raum mit einer einzigen Wahrheit.

Am Abend während der Nachrichten im Fernsehen empört er sich. Er ist empört über die Wahrheiten Andersdenkender, doch sie ist für ihn nicht hautnah.

Simon hört in dieser Zeit viele verschiedene Wahrheiten. Selten geht es dabei um staatliche Entscheidungen irgendwo weit weg. Es geht um Henrys Wahrheiten über mich, Simons Mutter, hautnah für Simon. Sie sind bedrohlich für mich und ihn. Sie belasten, sie bedrohen unser Zusammenleben, unseren Zusammenhalt.

Henry ist Simons Vater mit tief verwurzelten anderen Wahrheiten zum Zwecke des Krieges gegen mich um Simon. Henry versucht eine Mauer erscheinen zu lassen zwischen mir und unserem gemeinsamen Kind. Jede vernünftige Sprache scheint er nicht mehr verstehen zu können. Er scheint nicht zu merken, dass er mit der Herstellung solch einer Mauer gleichzeitig eine zweite Mauer entstehen lässt, die ihn selbst von seinem Sohn trennen könnte.

Ich kurbele die Eichenholzzeitmaschine zurück und schalte sie aus. Ich blicke aus meinem Fenster in die leere durchsichtige Luft. Dann erkenne ich mein Zimmerchen wieder mit dem großen Fenster, welches mir verregnete Straßen und Gärten zeigt. Und ich erinnere mich daran, dass ich den ersten Novembertag einfach so vergehen ließ und abwartete, was nun mit uns Simon und mir und mit diesen heimlich abgesetzten Medikamenten, geschehen würde.
(© Ilona Meschke 2008)

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