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endlos

„Lena, wir werden eine schöne Zeit zusammen verbringen.
Im Jahre Zweitausendsieben“.
Gericht der Herzen, ich danke dir.
Die Geschichte ist kein Märchen.
Nicht, dass einer denkt, ich schreibe Märchen.

Ich gehe auf die Meditationswiese, die einst schwarz verbrannte Wiese, bis hin zu dem noch immer etwas traurig dreinschauenden rußigen Stein.

Wir werden gegenseitig schwärmen und glücklich sein, im Jahre zweitausendsieben. Wir werden lange telefonieren, uns austauschen, im Jahre zweitausendsieben, uns Geschenke machen, gegenseitig besuchen und feiern, zweitausendsieben. Glücklich sein im Glauben, jeder Zwiespalt sei jetzt vergessen. Das Weihnachtsfest wollen wir genießen, im Jahre zweitausendsieben. Ich werde mich freuen, bald bei dir zu sein zweitausendsieben.

Ich stehe auf der Meditationswiese und zwischen hoch gewachsenen großen grünen Gräsern, tief unten auf dem Boden, ist noch immer eine etwas schwarz verkohlte Erde zu finden, der Meditationsstein noch etwas rußig. Ich lehne mich gegen den Stein und schaue in den Himmel. Ich sehe uns sitzen, zusammen lachen und schwärmen, im Jahre zweitausendsieben. Die Köpfe unter blauem Himmel und Sonnenschein. Doch wir sitzen auf grauen Wolken.

Uns holt die Vergangenheit wieder ein, Weihnachten zweitausendsieben. Dann ist alles wohl doch nur Schein, Weihnachtsschein.

„Lena, was ist los?“

Die grauen Wolken, auf denen ich uns sitzen sehe, ballen sich und quirlen zu dickem dichten Nebel heran. Ich kann meine Hand vor den Augen nicht mehr erkennen. Ein wenig puste ich ihn weg, geballt kommt er mir wieder entgegen. Ich spüre, wie er an meinen Wangen und meinem Kinn vorbei streift.

„Gericht der Herzen, warum bestrafst du mich immer noch. Ich bin gefangen im Nebel, eine dichte graue Wand vor Augen. Was soll ich nur erkennen?“

Lenas Pflegemutter antwortete einmal auf die Frage, was sie wohl anders machen würden als ich, ich wollte das gleiche Ziel, nur bei mir klappte es nicht so, wie es bei denen zu klappen schien: „Wir gehen konsequenter vor.“

Ich bin auch konsequent gewesen, konsequent in meiner Insel, mit den beiden Kindern darauf, ja auch konsequent außen herum, wenn es um Freundinnen und deren Eltern ging, nur beachteten sie mich und meine Erwartungen nicht. Keine Akzeptanz, kein Respekt, keine Achtung, kein fairer Dialog. Also konnte ich diese Konsequenz nicht erreichen, denn ich konnte Lena mit fast vierzehn nicht von den mir falsch erscheinenden Freundinnen trennen, die sie sich selbst aussuchte. Das war bei der Pflegefamilie anders. Sicher wurden sie vielleicht nicht unbedingt gemocht, doch ihre Regelungen mussten akzeptiert werden. Die Sache war auch amtlicher. Normale Privatpersonen sickerten in diesem Milieu ab. Da war Lenas Vernunft und Beziehungsgefühl zu mir gefragt. Beides hatte sie nicht, zumindest nutzte sie es nicht.

Ich sehe die Hand vor meinen Augen immer noch nicht. Ich laufe die Wiese hinunter. Ich weiß nicht, wo ich bin. „Lena, Lena, warum?“, „Gericht der Herzen, für solche wagen Fehler kann ich doch nicht so hart bestraft werden. Was habe ich denn getan? Und warum ist die Verbindung und das gegenseitige Verständnis im Jahre zweitausendacht nicht geblieben wie im Jahre zweitausendsieben.“

Johanns Therapeut, der auch meine Familiengeschichte kennen lernte, sagte einmal: „Ihre beiden Schwestern werden ihre besseren Positionen, die sie inne haben, in die sie herein gewachsen sind, niemals aufgeben. Da muss man sich schon überlegen, was man tut, wenn man davon ausgeht, dass alles so bleibt. Will man mit der Situation klar kommen? Will man es nicht? Wahrscheinlich ist es doch das Beste, man distanziert sich ganz und gar von der Familie, Eltern und Geschwistern“.

Damals als Lena klein war, hätte ich meinen Schwestern und meiner Mutter ein Ultimatum stellen müssen: „Das sind meine Standpunkte. Das müsst ihr akzeptieren vor Lena. Was ihr in unserer Abwesenheit tut, ist mir egal. So führe ich mein Leben, und das muss vor Lena akzeptiert werden. So erziehe ich sie, und so werdet ihr ebenfalls mit ihr umgehen, egal, ob ihr das für richtig haltet, oder später bei euren Kindern anders machen wollt. Vor Lena habt ihr mich niemals zu kritisieren, sondern zu achten. Das tut ihr gut. Das tut mir gut. Das ist das Allerwichtigste.“

Die Lage war ernst und ich ließ alles wie es war. Ging immer davon aus, Lena wird mich später richtig verstehen. Lena wird alles später verstehen, ja was denn, ja wie sollte sie denn, und wie konnte sie denn? Warum nur immer sie allein? Nur, weil sie meine Tochter ist, wird sie mich verstehen, wenn sie erwachsen ist? Wenn das ein Fehler ist, hätten ihn viele begangen?

Doch das war die Konsequenz, die ich unterlassen hatte. Ja, wie sollte ich das denn ändern? Habe ich das damals denn schon alles gewusst? Ich bin doch selbst so hinein gewachsen in etwas, was ich oft gar nicht mehr sehen konnte. Meine Lage im späteren Leben habe ich als noch katastrophaler erkannt als die als Kind. Meine Familie hätte niemals auf mich gehört, wenn ich das gefordert hätte, was ich hätte fordern müssen.

Ja, mag alles sein. Aber jetzt fällt mir der eigentliche Fehler auf. So lange her. Vielleicht war das mein einziger Fehler oder der Hauptfehler? Für eine therapeutische systemische Familienaufstellung ist es jetzt zu spät. „Gericht der Herzen, warum bestrafst du mich so hart? So viel Strafe habe ich nicht verdient. Ich wusste es nicht besser, damals.“

Ich laufe weiter. Der Nebel ist immer noch dicht. Ich falle auf die Wiese. Bald merke ich, ich stehe nicht mehr auf der Wiese. Es muss ein Straßenrand hier sein. Wo bin ich?

Ich taste mich am Straßenrand weiter, stoße auf einen harten Gegenstand. Frisch gepflanzte Blumen fühle ich am Boden. Ich rieche frische Blumen. Ich rieche Erde. Die Erde ist weich. Der harte Gegenstand lässt sich als Holzkreuz ertasten. Ich stehe am Straßenrand. Vor mir ein Kreuz. Vor kurzem ist hier ein Mensch verunglückt. Ein junger Mensch. Ich höre ihn noch rufen: „Vater, Mutter, ich war doch nur einen kleinen, einen einzigen kleinen Moment unaufmerksam gewesen und habe das Auto nicht bemerkt. Vater, Mutter, nur einen einzigen kleinen Augenblick. Ich wurde zu hart bestraft! Viel zu hart!“

Die Geschichte ist kein Märchen
Eleonore Wilde
(© Ilona Meschke 2006)

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