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ein gefällter Baum wächst langsam

Können gefällte Bäume wieder wachsen, wenn man sie an den richtigen Stellen wieder zusammensetzt und sie ordentlich bewässert? Können wir wieder freie Wege bauen?

Nein, gefällte Bäume bleiben gefällt. Sie wären viel zu schwer, um sie wieder zusammenzusetzen, zum Stehen zu bringen und ordentlich zu bewässern. Nichts bringt sie mehr zum Stehen, Gericht der Herzen.

Neben den gefällten Baumstämmen fängt es an zu wachsen. Die Wildgewächse zwischen den Baumstämmen zeigen sich. Manche blühen schon. Ein Bach zieht vorbei und Sumpfpflanzen ragen schon ca. zwanzig Zentimeter aus der Erde heraus.

Ein schöner stiller Anblick.
Wie lange habe ich geschlafen?
Ich bin traurig.

Ich gehe über die schwarz verbrannte Wiese. Ich sehe, sie fängt wieder an zu wachsen. Zwischen den trockenen, schwarzen, vermoderten Grashalmen wachsen kleine grüne Halme. Ein frisches neues Grün. Ich setze mich an meinen immer noch verrußten Stein. Der Himmel ist blau. Ich bin kein gefällter Baum. Doch ich fühle mich so. Vielleicht bin ich ein zurückgelassener Baum eines einst großen Waldes. Aber auch das stimmt nicht ganz. Ich gehe nach Hause und weiß nicht so recht, was ich da soll.

Johann kommt zur Tür herein. Wir essen etwas zusammen. Er scheint wirklich wie er sagt inzwischen drogenfrei zu sein. Seine Schule macht er weiter, ohne zu schwänzen.  Und sein Lehrer hatte mir gesagt, wenn er weiter so macht, würde er ihm helfen, eine Ausbildungsstelle zu bekommen.

Es gibt doch immer noch einen Weg.
Wir lesen in seinem Buch.
Wir lesen es zu Ende.
Ein neuer Baum wächst langsamaus dem Baumstumpf eines gefällten Baumes
Wir lesen das Buch zu Ende, Johann und ich.

Nur zwischendurch machen wir eine Pause. Ich gehe kurz in den Garten vor meinem Haus. Ein Baumstumpf fängt an zu wachsen. Ein kleiner neuer Baum wächst auf der großen flachen Scheibe wo vorher der mächtig Große stand.

Das Telefon klingelt.
Es ist zwanzig Uhr fünfunddreißig.
Wir haben April im Jahre zweitausendsieben.
Es ist Wochenende.
Ich habe nichts vor.
Was denn auch?
Da gibt es nichts.

Ein paar Apfelsinen, Zitronen und zwei Hefeweizenbiere stehen auf dem Tisch im kleinen dunklen Zimmer meiner Wohnung, Schokolade und Zigaretten. Ich schreibe gerade ein Buch zu ende. Das Buch von der Suche nach einer Spur von Lena. Der Computer ist an und eine Kerze leuchtet daneben.

Irgendwann in der Nacht kommt Johann mit seiner Freundin vom Tanzen zurück. Ich schütte mir Hefeweizenbier ins Glas, Apfelsinen- und Zitronensaft.

Das Telefon klingelt noch einmal.
„Lena, bist du das?“
„Ja, ich bin es.“
„Mit deinem Anruf habe ich nicht gerechnet.“
„Ich weiß.“
„Ich freue mich.“
„Ich weiß.“
– „Weißt du, ich brauchte noch etwas Zeit.“
„Ich weiß! - Aber ich freue mich, dich zu hören.“
„Ich weiß.“Wir unterhalten uns.

Wir haben ein langes Gespräch, einfach nur so und über uns. Ostern wird sie kommen, nach Braunschweig. Sie wird mich besuchen.

„Lena! Wir gehen durch die Stadt. Die Stadt, in der du geboren wurdest. Die Stadt in der du aufgewachsen bist. Du siehst sie am Ostersonntag mit mir zusammen im Jahre zweitausendsieben wieder. Für mich der schönste Tag seit langer, langer Zeit.“

„Ich sehe dich am Bahnhof wieder. Wir erkennen uns gleich. Du bist nicht mehr so ängstlich. So wie vor Jahren, als wir uns nach langer Zeit wieder sahen. Damals hast du auf dem Burgplatz gestanden, erinnerst du dich und wir fragten uns gegenseitig ängstlich: ‚Freut sie sich, mich so zu sehen oder gefalle ich ihr nicht?’ Diesmal sind wir wie wir sind. Wir sind locker und freuen uns aufeinander. Cool gehen wir durch die Straßen. Straßen, die deine Erinnerungen wecken. Schick gekleidet und überhaupt hübsch bist du neben mir. ‚Viel hat sich nicht verändert’, denkst du so laut, dass ich dich höre und meinen Kommentar dazu geben kann. Wir kommen an einem Haus vorbei, in dem wir einmal wohnten. Wir stehen auf dem Hof unter deinem ehemaligen Kinderzimmerfenster. Ich erinnere mich: ‚Hier schickte ich dich auf den Hof zum Springseil springen, damit du zwischendurch etwas anderes machst als Schulaufgaben, danach solltest du wieder rein und weiter machen.’ - Du erinnerst dich ebenfalls, nickst mit dem Kopf und meinst: ‚Heftig!’ – ‚Ja, es war heftig. Aber auch für mich war das heftig’, erwidere ich dir und du lässt das gelten.“

„’Erinnerst du dich, Lena, an die kleinen Kinder, die hier wohnten, auf die du aufpassen solltest, so wurde dir heimlich aufgetragen von ihrem Vater und ich wollte das nicht?’ Ja, du erinnerst dich, dass du dann mit einer kleinen Freundin in einem zugefrorenem Teich eingebrochen bist. Eigentlich nur noch eingebrochen, um deine kleine Freundin zu retten, auf die du dann heimlich aufpasstest und dich meinen Anweisungen widersetztest. Ich erklärte damals immer wieder, du bringst dich in Gefahr. Du kannst auf die kleinen Kinder nicht aufpassen mit elf. Du meintest damals, ich würde dir nur deine kleinen Freundinnen wegnehmen wollen. Was konnte ich noch tun, Lena? Du hörtest auf den Vater dieser Kinder, aber nicht auf mich’. ‚Nichts konntest du tun’, sagst du heute ‚Du konntest nichts tun und es war gefährlich, mit ihnen Boot zu fahren auf der stark fließenden Oker und aufs Eis zu gehen. Du konntest noch so sehr aufpassen, auf dich wurde nicht gehört.’, sagst du, Lena.“

„Wir gehen ungefähr eine Stunde. Wir gehen an einem Friedhof vorbei. Dort, wo ihr als Erstklässler gesehen habt, dass das Loch der Tür zu einer Gruft immer größer wurde. Viele schauten immer neugierig in die Gruft hinein. Bald war die Tür aufgebrochen. Dann kamen ein paar größere Jungen mit Plastiktüten in den Klassenraum der Erstklässler, indem auch du damals gesessen hattest. Sie fragten die Lehrerin, ob sie sich mal die Hände waschen könnten. Sie hätten tote Menschen angefasst. In den Plastiktüten waren Knochen und Schädel aus dem Grab der Gruft mit dem immer größer werdenden Loch in der abgeschlossenen Tür. ‚Ich war so ziemlich die einzige, die nicht in die Tüten gucken wollte’, erinnerst du dich gerade laut.“

„‚In Bremen gibt es wenige große Friedhöfe und hier viele kleine?’ informierst du mich, als wir an dem nächsten kleinen Friedhof vorbei kommen. Ich erzähle dir, dass ich hier vor kurzer Zeit lange die großen Grabsteine anschaute, bis ich hinter einem Grabstein einen Vampir bemerkte, der mich schon lange Zeit beobachtet haben musste. Ich bin mir außerdem sicher, dass der sich jetzt auch noch dort aufhält und würde ihn dir gerne zeigen. Aber nein, das willst du dir nicht antun, lieber willst du jetzt selbst essen, nicht sie füttern, weil du inzwischen auch ziemlich großen Hunger bekommen hast?“

Wir sitzen im Restaurant zusammen.Es ist der schönste Nachmittag.
Am Abend wirst du abgeholt.
Wir werden uns jetzt oft wieder sehen.„Lena“,
„Wir gingen durch die Stadt.“

„Die Stadt, in der du geboren wurdest. Die Stadt, in der du aufgewachsen bist. Du hast sie am Ostersonntag mit mir zusammen im Jahre zweitausendsieben wieder gesehen. Für mich der schönste Tag seit langer, langer Zeit.“
Eleonore Wilde
(© Ilona Meschke 2006)

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