12
gefällte Bäume
und daneben wächst es wieder?

Ich erwache in der Nacht, als der Sturm nach dem nun schon zurückliegendem Weihnachtsschein die zwei schon geschlossenen Fenster meiner kleinen Gruft wieder aufreißt und die zugezogenen Vorhänge gewaltsam und brutal öffnet, teilweise sogar herunter reißt. Sämtliche Bilder fallen von der Wand. Ein unheimliches Rauschen kommt von draußen mit dem Sturm herein.

Schnell aber vorsichtig pirsche ich mich vor die Fenster und schaue herunter. Schwere Stiefelschritte höre ich unter den Fenstern hin und her gehen. Es muss ein schwerfälliger großer Körper sein, der da geht, sich dann unter meinen Fenstern hin und her bewegt, faule klamme Erde fällt von den Stiefeln und ich sehe nur die fallende Erde. Ich sehe ihn, diesen Läufer, dieses Wesen, nicht. Ich spüre, es schaut etwas zu mir hoch. Immer wieder. Bei jedem Schritt und auch im Stillstand. Bei jedem Schritt rieselt und klatscht Erde von diesem Etwas herunter. Friedhofserde? Ich erinnere mich an den Geruch und an die Schritte auf dem Friedhof, den ich in der Nacht besuchte. Ich sehe nichts, keinen Körper, kein Gesicht, keine Stiefel. Doch ich ahne, es ist dasselbe Wesen wie neulich, was mir entgegen kam. Wieder sehe ich beim vorsichtigen herunter schauen bei jedem Schritt die herunter klatschende klamme Erde. Jetzt hört es auf zu gehen, das unsichtbare Wesen. Wieder starrt es zu mir hoch. Ich stehe vor dem Fenster. Es ist nicht weit entfernt von mir. Meine Fenster liegen weit unten. Ich reagiere wieder nach meinem plötzlichen Schock. Schnell schließe ich die Fenster und riegele die Eingangstür feste ab. Ich suche die Lichtschalter. Zum ersten Mal seit langer Zeit mache ich es hell in meiner Gruft. Ich setze mich unter einem Fenster und höre die Schritte immer wieder.

Nein, Gericht der Herzen, den da, dieses Ding, hast du mir doch nicht geschickt? Das kann nicht sein. Es muss mich verfolgt haben. Es weiß nun, dass ich hier wohne. Wie werde ich dieses Ding wieder los.

Ich habe keine Schuld.
Ich habe keine Schuld für all das, was mir passiert und passierte.

Gericht der Herzen, ich heiratete Johanns Vater, da war Lena ungefähr zwölf. Ich liebte ihn, und wir wollten eine Familie sein. Eine vierköpfige, in der sich jeder wohl fühlt. Wir würden es schon schaffen und alle Unstimmigkeiten würden bald wieder gut.

Wurden sie wieder gut?
Unstimmigkeiten gab es, also welche?
Warum wartete ich nicht noch mit der Heirat?

Wir zogen gerade um in eine größere Wohnung. Sie gefiel Lena sehr. Johanns Vater baute ein kleines Unternehmen auf, ein Ingenieurbüro, –bau. Ich half ihm dabei. Wir wollten alle zusammen halten, Geborgenheit schenken.

Es war gut gedacht. - War es so?
Oder belogen wir uns schon selbst?
Belog ich mich damals?
Wusste ich, dass schon einiges nicht mehr stimmteund verdrängte das.
Was wusste Lena davon?

Lena wurde einmal von Johanns Vater schwer verletzt, aber nur verbal. So verletzt, was er sagte, hätte er einem jungen Mädchen nie sagen dürfen. Er sprach seine subjektiven Ansichten über sie Äußeres aus. Ich hörte das und widersprach ihm empört und ebenfalls verletzt. Doch ich tat nicht mehr. Außer, dass von selbst Liebe verloren ging. Ich kritisierte Johanns Vater nicht. Ich verdrängte das und dachte, die Zeit macht das irgendwann schon wieder gut. Ich litt darunter, aber ich verdrängte das.

Immer wieder versuchte ich bei Lena das Gesagte wieder gut zu machen, indem ich gelegentlich das Gegenteil erzählte und dies beweisen wollte. Aber das war es nicht. Ich hätte mit Johanns Vater darüber reden müssen. Er hätte das wieder gut machen müssen, hätte sagen müssen, dass ihm das Leid tut. Doch dies geschah nicht.

Hätte ich ihn damals zur Rede gestellt, wäre das mit der Gefahr verbunden gewesen, dass er es nicht eingesehen hätte, obwohl er es seinerzeit in einer Wut ausgesprochen hat. Doch er hätte wahrscheinlich Lenas Fehler aufgezählt, und alles wäre noch schlimmer und dramatischer geworden, anstatt, zu meinen, dass ihm sein Ausrutscher Leid tut. Er hätte Recht behalten wollen mit der Begründung, dass dieses Mädchen, meine Tochter, gar nicht so einfach ist, nichts hätte er tun brauchen. Doch so gesehen ging die Heirat auf Lenas Kosten.

Lena sprach später ganz deutlich aus. Er, Johanns Vater, hatte keine Chance mehr bei ihr gehabt. Er hatte tun können, was er wollte, doch wie kann man ein so junges Mädchen auf so verachtende Weise hässlich und charakterschlecht nennen. Er selbst sah hässlich aus. In diesem Augenblick. Er konnte anschließend tun was er wollte. Er sammelte keine Pluspunkte bei Lena mehr.

Jetzt sehe ich das halbwüchsige Mädchen noch einmal, wie es vor der Kinderzimmertür steht, mich anschaut, und auf eine Antwort von mir wartete, nach dem ich mich selbst mit Johanns Vater gestritten hatte. Dabei sagte es nichts, und doch schaute es und fragte still: ‚Ziehen wir jetzt aus‘? Ich sagte auch nichts, doch ich antwortete ihr still: ‚Zeige du doch bitte einmal, dass du dich auch ändern kannst‘. Und das passierte nach meiner Heirat mit Johanns Vater ein paar Mal. Danach fragte sie laut: ‚Ziehen wir jetzt aus, Johann, du und ich‘? Ich sagte: ‚Nein, Lena erst beweise du einmal, dass du auch anders sein kannst. Dann möchte ich sehen, ob Johanns Vater immer noch so garstig ist. Wenn er dann so bleibt, nehme ich euch beide und ziehe aus‘. Diese Chance wollte ich ihm und uns noch geben.

Warum?
Und warum alles oft so schweigend?

Es ist schon schwer, eine Heirat wieder zu annullieren. Die Träume und Vorstellungen wieder wegsacken zu lassen. Mit zwei Kindern aus dem Hause zu gehen. Ganz alleine. Und eine sichere Arbeit zu finden. Sicher.

Ich wollte es nicht einsehen, das alles schon zertrümmert war. Hatte Angst, in der harten Arbeitswelt wieder weggemoppt zu werden. Neu auf Jobsuche zu gehen. Angst gesellschaftlich nicht anerkannt zu werden, mit zwei Kindern, alleine. Deswegen musste Lena erst beweisen, sie selbst könne zugänglicher sein?  Und Johanns Vater hätte die Chance, sich darauf hin zu verändern?

Es hätte auch umgekehrt gehen können. Johanns Vater hätte ich sagen können: „Hier, so geht das nicht mehr. Ich ziehe mit den Kindern aus. Es liegt an dir, und an uns Erwachsenen, ob wir uns wieder verstehen. Ob du meine Tochter akzeptieren kannst so wie sie ist. Ob wir später das gleiche Zusammenleben noch einmal probieren oder es aufgeben müssen. Im Moment funktioniert unser Zusammenleben jedenfalls nicht mehr.“

Ich wollte nicht, und versuchte alle Fetzen wieder zusammen zu flicken, um diese Familienkonstellation so aufrecht zu halten wie sie war. Und sobald ich mich mit Johanns Vater wieder einigermaßen vertragen hatte, belog ich mich weiter. So jedenfalls sind meine Erinnerungen. So ist mir im Gefühl. Aber es war keine Lüge, sondern Hoffnung und Wunsch, alle Unstimmigkeiten würden sich legen. Hätte ich diesen harten Schritt getan, wäre Lena dann wirklich anders geworden,? Musste ich nicht auch den kleinen Johann fragen? Er ist sein Vater.

Als Lena in die Pflegefamilie kam, hoffte ich, sie bald wieder zu haben. Doch das Familienleben, meine Partnerschaft, meine Ehe, war nicht in Ordnung. Lena sollte in ein oder zwei Jahren wieder kommen. Doch sie wäre in die gleiche chaotische Familiensituation zurückgekehrt, egal wie umgänglich  sie inzwischen gewesen wäre.

Erst fünf Jahre später habe ich den Ausstieg aus dieser Situation mit Johann geschafft. In erster Linie war es meine Aufgabe, ein ruhiges zu Hause zu schaffen. Gericht der Herzen, bin ich wirklich so schuldlos gewesen?

Kindern muss man nicht unentwegt eine heile Welt vorspielen. Doch wäre Lena eventuell doch zu mir zurückgekommen, hätte ich selbst erst einmal ein ruhiges zu Hause geschaffen mit fünfzehn oder sechzehn? Kein Mensch kann sagen, was wirklich passiert wäre. Nur möglich wäre es gewesen.

Wir können tun, was wir wollen, wir machen nur Fehler in dieser Situation“, sagte ein Sachverständiger vom Jugendamt, als ich das alleinige Sorgerecht für Johann nach der Scheidung endlich in der Tasche hatte. Nicht um zu trösten. Nein, er wurde kritisiert. Deswegen gab er gleich danach einen unnötigen Vorwurf von sich: ‚Diesen Mann haben Sie geheiratet nicht wir‘.

Johann gab es schon. Auch ohne Heirat. Ich hätte das Sorgerecht ganz automatisch für ihn gehabt, hätte ich Johanns Vater nicht geheiratet. Das wäre besser für Johann und für Lena gewesen. Eine sehr viel bessere Grundlage drei. Doch wir waren erst vier. Bin ich schuldlos? Können mir meine Kinder verzeihen, Gericht der Herzen?

Bitte bestrafe mich nicht so hart, Gericht der Herzen. Bitte schicke dieses Ding, was unter meinem Fenster steht, wieder zurück auf den Friedhof. Bringe es nie wieder hierher.

Ich muss unter dem Fenster eingeschlafen sein. Jetzt stehe ich auf. Mache das Licht wieder aus, denn es ist hell geworden. Ich ziehe die Vorhänge zurück. Draußen scheint die Sonne. Keine Schritte vom unheimlichen, unsichtbarem Wesen mehr zu hören. Ich habe heute keine Furcht mehr, es könnte sich wieder sehen lassen. Es scheint sich entfernt zu haben. Sonne nach so langer Zeit.

Ich bin traurig. Alles tut weh. Ich esse wieder, nur wenig.

Später sagte Lena: ‚Du konntest tun, was du wolltest. Du hast viel gemacht. Doch du konntest mir keine Sicherheit geben. Das war das, was mir bei dir fehlte‘. Damals war Lena ohne Vorwürfe. Sie sagte das klar und ehrlich. Nein, ich hatte selber oft keine Sicherheit, und konnte diese auch nicht geben. Doch das durfte nicht verraten werden. Das musste überspielt werden. Auch normal.

Lena litt also wegen meiner mangelnden Sicherheit, die ich hin und wieder nach außen hin zeigte. Ich war nicht immer unsicher. Doch hin und wieder passierte das. Auch die Ängste, die Panikattacken hatte sie sicherlich mitbekommen. Familiärer Zusammenhalt bringt oft auch sehr viel Sicherheit. Ich wünschte familiäre Sicherheit. Wie hätte Lena das lernen können? Sie hat nie daran glauben können. Es hielt bei uns nie Jemand mit Jemandem zusammen. Sie hatte von mir die Theorie des Zusammenhalts gelernt. In der Praxis zeigten ihr alle das Gegenteil. Ein Experiment! Ich baute eine Insel für mich und meine Kinder, in der alle Ideale gelten sollten. Eine Insel, die es außen herum nicht gab. Lena ging nach außen und wurde außen herum ganz anders beeinflusst.

‚Die zweite Frau meines Vaters gibt dir die Schuld an der Scheidung und an meine Erziehung‘, gab Lena mir gelegentlich weiter. ‚Meine Tanten, die Schwestern meines Vaters kritisieren dich‘, gibt sie ebenfalls weiter. ‚Mein Vater kritisiert dich, was du mit mir machst, ist falsch‘, sagte sie auch und er später. ‚Du wirst noch einmal so wie deine Mutter‘, beklagte sich ihre Pflegefamilie. Worte hinter mir und um mich herum. Und das lernte Lena auch. Sie lernte nicht die direkte Aussprache.

Sie ist klug. Sie lernt viel. Doch sie handelt, wie sie außen herum lernte. Sie verliert dabei selbst nichts. Außer, sie sähe einen Wert in mir, ihrer Mutter. Überall wurde sie früher bemitleidet, wie schlecht es ihr ginge. Dadurch litt sie. Sie war das arme bemitleidenswerte, gebrechliche Wesen. Die Rolle gefiel ihr. Nicht das direkte ehrliche Gespräch, keine Kompromissbereitschaft, kein Plenum bei Kaffee, Kakao und Kuchen für die Offenheit und ein besseres Zusammenleben. Meine Schuld?

Ich gehe zum gefällten Wald und setze mich auf die gefällten Baumstämme am Rand des Waldes. Die schönsten und die dicksten Bäume fällten sie zuerst wie überall hier in der Gegend. Lange vorher, illegal und heimlich. Heimlich die Schönsten. Wenn die verschwinden, ist der Wald nur noch halb so schön. Allen, die noch um den Wald kämpften, dagegen waren, das er gefällt wird, denen wurde gesagt: „Was ist an diesem Wald dran. Das Gestrüpp kann man doch überall haben“, nachdem das Schönste am Wald nach und nach fast unbemerkt heimlich zerstört wurde. Ja, nur die wenigsten merkten es. Routinemäßiges Vorgehen, hinten herum, auf unaufmerksame Menschen hoffen, wie überall. Bin ich wirklich Schuld an Lenas Masche und an den Kontaktabbruch? Wie hätte ich es verhindern können? Zu jeder Behauptung gehört sehr viel Mut.

Alle Bäume liegen hier aufgestapelt. Soweit mein Auge in die Ferne sehen kann, alles tot. Hier zu Lande wurden Baumschutzregeln aufgehoben. Wie die Vampire stürzen sich danach an manchen Stellen gierige Unternehmer und Privatleute auf das letzte andere Leben, um sich rücksichtslos daran zu bereichern. Am Lebensraum der anderen, denn es war ein Erholungsgebiet und Eigentümer die Kirche und andere hohe Gesellschaften aus der Politik.

Die Bäume sind gefällt und bleiben gefällt. Die Zeit dreht sich nicht zurück. Im Gegenteil. Ich sitze auf einem gefällten Baum. Wir haben März zweitausendsieben. Im Jahre zweitausendvier wollte ich Lena nicht verlieren, konnte aber ihre Blockade, ihre einseitigen Ansichten und inzwischen schon falschen Behauptungen, um mich zu attackieren, nicht vertragen. Sie wollte mich auch nicht verlieren. Doch im Jahre zweitausendfünf und zweitausendsechs gab es keinen Kontakt zwischen uns.

Kein Lebenszeichen. Sie will es nicht mehr. Ich betrachte die gefällten Bäume unter mir. Ich war es selbst, die diesen Kontakt nicht aufrechterhielt. Sie hatte immer geantwortet, egal wie. Egal wie der Kontakt und die Verbindung war, besser als gar nichts. Ich bin ihre Mutter. Ich hätte den Kontakt aufrechterhalten müssen. Ich hätte ihr den Brief schreiben können, indem ich ihr sagte, dieser Kontakt zu einander ist schlecht ertragbar, doch ohne der Drohung, würde es weiter so bleiben, schaffe ich es nicht und muss abbrechen. Die Zeit hätte irgendetwas geregelt. Niemand weiß, was danach kommt. Jetzt sind wir gefällte Bäume.

Ich habe mich von meinem Kind getrennt.
(© Ilona Meschke 2006)

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