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Briefe im Strohblumenordner

Erst am nächsten Morgen suche ich die schwarz verbrannte Wiese wieder auf. Es sollte nicht mehr ganz so dunkel sein. Ich setze mich an meinen Stein, schaue zu dem gefällten Wald herüber und warte. Ich warte darauf, selbst zum Weitererzählen meiner Geschichte bereit zu sein. Aber auch darauf, dass das Gericht der Herzen sich zu erkennen gibt. Irgendwo im Winde versteckt hält es sich auf. Es wird bereit sein, mir zu zuhören.

Schon oft, schon langer Zeit vorher und nicht nur ein Mal hatte ich mir die Frage gestellt, warum geht Lena diesen beruflichen Weg. Diesen Weg, der sie erst zu einer Erzieherin macht, dann zur Pädagogin und sehr interessiert und wissensbegierig wollte sie dann Psychologie studieren. Dann dachte ich leise: „Lena, sicher bist du die Person, die einmal ihren Bruder helfen wird, Johann helfen, wenn die Zeit gekommen ist. Helfen falls keiner mehr helfen kann. Außer dir.“ Ob Lena so dachte? Ich träumte so. Ich glaubte so vor der Zeit des Geschehens. Es schlich in mir herum und herein. Es tröstete mich so manches Mal. Mein Glaube, indem jeder eine wichtige Aufgabe hatte, und zum Schluss der Geschichte sie auch erfüllen wird, für eine andere glückliche Zeit. Dieser Gedanke machte mich stark.

„Du bist im Jahre zweitausenddrei nach Braunschweig gefahren. Für mich. Um den fehlenden Johann zu ersetzen. Der von seinem Vater ohne Sorgerecht verschleppt wurde.“

„Auf dem Bahnhof erzählte ich dir: ‚Ich wollte mich eigentlich sterben lassen’. ‚Ja, ich sehe, das du dich sterben lassen wolltest’, erwidertest du. In der neuen für Johann mit eingeplanten Wohnung angekommen, erzählte ich dir: ‚Johanns Vater wünscht sich, dass ich mir etwas antue. Genauso handelt er auch. Ich weiß es’. ‚Tue ihm doch den gefallen nicht’, so deine Antwort. Er kann Gegebenheiten und Tatbestände verbal nur so umkehren mit der größten Gemeinheit. ‚Du wirst Johann schon wieder bekommen. Irgendwann wird er vor deiner Tür stehen. Die Frage ist nur wann und wie’, hast du geantwortet. Ganz cool. Ganz spontan sagtest du auch: ‚Johann weiß, dass sein Vater krank ist, das tut ihm weh. Er kann ihn nicht verlassen.’ Ja, das wusste ich auch. Jeder, der damals mit unserer Angelegenheit betraut gewesen war. Nur selten sprach es jemand aus. Doch ich war erstaunt. Du warst meistens nicht hier. Peiltest die Situation aber gut.“

„Du schautest dir die Einrichtung der neuen Wohnung an. Sie gefiel dir. ‚Hexisch’, sagtest du. Weißt du noch? Dann aßen wir. Du hattest auch etwas mitgebracht. Ich sehe noch wie du deine Tomaten heraus holtest und sie dann säuberlich zerschnitten hattest. So damit ja kein Grün an der Stängelnarbe bliebe. Denn das wäre ungesund. Wir hatten Wein auf dem Tisch und der Abend wurde schön und interessant.“

„Du hattest mir ein paar Gedichte vorgelesen. Von dir selbst geschrieben. Ich fand sie schön. Dann erinnere ich mich noch an einen Brief, den du vorgelesen hattest. Er war an deine Pflegeeltern gerichtet. Du hattest wohl eine Kopie des Briefes. Er war gut geschrieben. Ich merkte, wie verletzt du gewesen sein musstest, als du diesen Brief verfasstest. Ich dachte dabei still an meine Briefe, nur meine riefen immer nach einer Antwort, die nie kam. Stillschweigen und Eiszeit ich geradewegs.“

„Du hingegen hattest einen Brief verfasst. Er war der Abschluss allen Kontaktes. Der Brief war ein Trennungsbrief. An diesem Abend hast du dich fast das erste und auch letzte Mal über das Thema Pflegeeltern gesprochen. Den ersten Grund der absoluten Trennung zwischen dir und ihnen kannte schon. Du wolltest weiter studieren. Sie befürworteten das nicht und beantragten keine Gelder über das Jugendamt. Im Gegenteil. Sie sprachen gegen ein Studium. Und dein Vater wollte dich also als Erzieherin in einen Blumenladen stecken. Du musstest finanziell alleine durchkommen. Du hattest das alles als Druck empfunden, verstand ich jetzt. Also kein Konkurrenzkampf zwischen dem Pflegevater und dir im Bereich Psychologie. ‚Der Bereich bedeutet sehr viel Macht, Eleonore,’ sagtest du. Ich sah jetzt also einen Machtmenschen in deinem ehemaligen Pflegevater. Ich kannte die Mächte, die du ansprachst wegen Johanns Geschichte. In irgendeiner subtilen Form beschriebst du deinen Pflegevater. Aber was genau kritisiertest du an ihm? Ich stellte mir an dieser Stelle Johanns Psychiater vor, der uns peinigte. So reichte es mir. Ich fragte nichts mehr. Ich hörte dir weiter zu. Gespannt! ‚Du wirst noch mal so wie dein Vater’, oder: ‚Du wirst noch mal genauso wie deine Mutter’, warf dir dein Pflegevater vor, ohne zu erklären, wer wir sind und welche Eigenschaften von uns er nicht mag. Früher hatte ich das schon mal von dir gehört.“

„Ich erinnerte mich plötzlich an ein Fotoalbum, was ich dir zum vierzehnten Geburtstag schenkte. Eins für Mädchen, die gerne mit Freundinnen in den Urlaub zusammen verreisen. ‚Eine gute Idee’, meinte deine Pflegemutter ‚auf die sind wir gar nicht gekommen. Es war ein kleines Geschenk. Die Pflegeeltern hingegen schenkten dir ein paar Reiterstiefel im Wert von fünfhundert Deutsche Mark. Das sagten sie ganz locker. Mich beunruhigte das aus Gründen, wie sie eine Mutter eben hat. Denn sie waren zu teuer für ein fremdes nicht eigenes Mädchen.“

„Aber weiter zum Brief, den du gerade vorgelesen hattest. Du erzähltest von einem Mädchen, einer noch Auszubildenden, einer Arztassistentin, die übrigens Johann als Patienten hatte, als seine Polypen entfernt werden mussten. Ich erfuhr in diesem Brief von ihrem Selbstmord. Der Grund war die Liebe zu einem Mann, der sie verlassen hatte. Dramatisch, traurig. Sie war mir sehr sympathisch. Ich erinnere mich noch an das schlanke Mädchen mit ihren dunklen langen Haar, ihren dunklen Augen. Ich erinnere mich wie erstaunlich gut sie mit ihren kleinen Patienten umging, die eine Operation vor sich hatten. Ich sah ihr dabei zu und war dann selbst ein wenig beruhigter, denn sie nahm Johann die Angst der bevorstehenden Situation erheblich. Ein großer Verlust für die Kinder in der Arztpraxis und überhaupt.“

„Du hast deinem Pflegevater vorgeworfen, dass er vor dem Mädchen ständig sagte: ‚Du bringst dich wegen solcher Kerle noch mal um!’ Dies hätte er sehr oft getan, bevor die junge Frau das tat. Du hattest ihn deswegen für den Selbstmord nicht verantwortlich gemacht. In deinen Augen hätte er nur wissen müssen, dass die vorhergesagte Beschuldigung pädagogisch ein Fehler am Platze war. Ich stimmte dir zu. Gleichzeitig muss man irgendwie auch eine Besorgnis ausrufen können, die man hat oder erahnt. Nein, still sein und aufpassen war wohl besser, dann hat er einen Fehler gemacht, aber nicht vorsätzlich. Ich war nicht dabei. Aber der totale Kontaktabbruch von den ehemaligen Pflegeeltern war damit nicht zu erklären, dachte ich so.“

„Auch die Angelegenheit mit der Absage des Studiums waren eventuell kein Grund. Dich weiter im Lernbereich zu beaufsichtigen und zu unterstützen, wäre sicherlich immer noch schwer gewesen für sie. Ich weiß nicht, wie viel Mühe das noch gekostet hatte, dich so weit zu bringen. Ich weiß doch, wie schwer es für mich war. Du hättest den Beruf als Erzieherin ausüben können.“

„Aber du wolltest mehr und diesmal ganz von selbst, als dein Pflegevater dem nicht mehr zusprach. Vielleicht hatte er sogar richtig gehandelt oder provozierend. Ich weiß es ebenfalls nicht. Von jetzt an war es dein Part,  finanziell unterstützt von Freundinnen und Freunden. Bei mir hattest du dich damals nicht gemeldet, um Hilfe zu bekommen. Es tat mir etwas weh, immer zu hören, wo du gewesen bist und wer dich aufnahm. Nur ich bin es keiner Zeit gewesen. Doch vielleicht sollte es so sein. Du musstest jetzt alles alleine machen.“

„Von hier an kannst du sagen, du hast alles alleine gemacht.“

„Doch, was wäre aus deiner Ausbildung geworden, hättest du mich nicht gehabt und anschließend deine Pflegeeltern?  Hattest du diese Frage immer in dir verdrängt?“

„Und wenn du behauptest. Wir hätten früher die Rollen vertauscht, indem ich die hilflose Mutter, eher die Tochter war, und du stark sein musstest wie eine Mutter, dann finde ich das nicht so treffend. Es war eher eine Wahrnehmung von dir im Nachhinein, weil du gerade ein Buch faszinierend gefunden hast, der Titel ‚Das Drama des begabten Kindes’ von einer Schriftstellerin Namens Miller, glaube ich. Du hättest dich und deine Eigenschaften, auch die Lebenssituation in diesem Buch weitgehend wieder gefunden. Sicher war dein Lebensweg sehr ähnlich wie in diesem Buch beschrieben. Nur dieses bestimmte Muster kann halt vielleicht nicht hundertprozentig dein Muster gewesen sein. Ich wollte immer protestieren, als ich dich so reden hörte, dachte mir aber gleichzeitig jedes Mal, Moment, um die verschiedenen Betrachtungsweisen gegenseitig erzählen zu können, bleibt immer noch Zeit. Vielleicht war die richtige Zeit auch noch nicht gekommen. Vor allen Dingen war mir aber auch so, als wenn du die Zeit haben musstest, selbst dieses Bild zu verändern.“

„Vielleicht war ich aber auch schon zu feige, dir zu widersprechen. So wie Kario?“ Immer nach dem Mund der eigenen Tochter reden? Der ganze eigene Kopf gehörte nur noch der Tochter? Ich glaube nicht. War ich zu Feige? Verlor ich aus Feigheit meinen Verstand an meine Tochter? War mir alles nicht so bewusst geworden, weil ich die schönen Momente mit dir genießen wollte. „Immerhin musste ich vorsichtig sein. Es ging um die Analyse deiner Kindheit geht, Lena. Du hattest dich nicht tolerant verhalten.“

„All diese Gedanken beschäftigten mich erst später. Jetzt gerade nicht. Jetzt warst du hier bei mir zu Hause und wir haben viel Zeit. Denn Johann fehlte mir. Wir gingen danach noch ins Kino. Halt, da war vorher noch etwas.“

„Ich weiß noch, wir saßen im Kino. Ich konnte mich auf den gut ausgesuchten Film nicht mehr konzentrieren. Mir liefen die Tränen herunter. Du hast das gemerkt. Du hattest vorher aus deinen Kindheitserinnerungen noch etwas heraus gegraben, ganz zum Schluss einer intensiven Unterhaltung mit Gedichte, über deine Pflegeeltern und so manchen Erinnerungen. Dann erinnertest du dich, dass du verletzt wurdest, von mir, körperlich verletzt wurdest. Ich dachte nur, das kann doch nicht sein, so etwas hätte ich doch nie gemacht. Aber, wenn du das sagst, Lena, dann lügst du nicht, dachte ich. Es ging mir nicht mehr gut nach dieser Diskussion.“

„Ich grub in meinen Erinnerungen herum. Es fiel mir nichts ein. Ich wusste nur, dass du dich nie angezogen hast oder fertig gemacht hast, als du zur Schule musstest oder wir einen anderen Termin wahrnehmen mussten. Dann erinnerte ich mich halbwegs an etwas. Das war die Jugendberatung zu der wir einmal gingen. Du wurdest wieder einmal nicht fertig. Ich verzweifelte. Ich schubste dich. Ich gab dir einen Stoß. Du bist dabei nicht hingefallen, aber auch nicht standfest genug gewesen und gegen die Kommode geprasselt. Ich wollte das nicht tun, aber es passierte. Ich hatte mich Minuten später bei dir entschuldigt: ‚Lena, tut mir leid, das werde ich nie wieder tun, entschuldige bitte.’ Du sagtest als kleines Mädchen, acht oder sieben Jahre: ‚Ja, ist gut. Ist entschuldigt.’ Nur die Vorwürfe und Verletzungen wurden später immer einseitig benannt. Warum musste ich immer so verzweifeln? Warum klappte alles nicht bei dir? Bis heute habe ich keine Antwort darauf bekommen und keinen Zuspruch. Vielleicht doch hin und wieder? Aber jetzt sitzen wir im Kino. Ich verzweifelt und weinend. Du neben mir entspannt auf die Leinwand schauend hast keinen Notiz von mir genommen.“

„Du freutest dich nach dem Kino auf das schön gemachte Zimmer und das Bett, in dem du schlafen konntest. Immer noch belastet legte ich mich ins Bett, und der nächste Tag sah wieder besser aus, obwohl ich an diesem Ereignis immer noch zu knabbern hatte. Ich hatte dich einmal geschubst. Ich erschrak selbst deswegen. Entschuldigte mich. Damals wurde die Entschuldigung von dir angenommen.“

„Zwei Tage vergingen schnell. Bald setztest du dich wieder in den Zug und bist nach Hause zu dir gefahren.“

„Bei dir zu Hause auf dem Bahnhof ausgestiegen hast du mich auf deinem Handy angerufen. Du erzähltest gut angekommen zu sein. Drei Mitbewohner, männliche Kavaliere, hätten dich abgeholt. Du stelltest sie mit Namen vor. Alle waren bepackt und trugen deine Taschen, so dass du in Ruhe locker und unbepackt ins Handy quatschen konntest. Dann durfte ich jeden Kavalier mal sprechen und begrüßen. Du hast ihnen dein Handy selbst ans Ohr gehalten, denn sie hatten ja keine Hände mehr frei. Ich sagte ein paar Sätze, nannte ihre Vornamen so wie du sie mir bekannt gegeben hattest. Und sie sagten auch ein paar nette Worte. Dann seid ihr wohl im Studentenheim angekommen.“

„Ich blieb ohne dich und ohne Johann in Braunschweig zurück. Ich träumte, du würdest dich entscheiden. Irgendwann vor Johanns Schule stehen und zu Johann sagen: ‚Komm mit mir nach Bremen. Wir werden das unser Leben zusammen erfolgreich weiterentwickeln‘. Nur mit dir wäre er mitgegangen. Ich sagte das nicht. Doch es lag in der Luft. Sicher lag es in der Luft.“

„Der Kontakt blieb zwischen uns. Es war ein enger Kontakt. Im Sommer Zweitausendrei hast du mich zu dir eingeladen. Ein Mitbewohner hätte mir sein Studentenzimmer überlassen. Ich könnte ein paar Wochen bei dir wohnen. Urlaub machen. Du hättest zwar keinen Urlaub. Wir würden in deiner Zwischendurchfreizeit viel Spaß mit einander haben. Der Termin stand noch nicht fest. Noch nicht bei dir, nicht bei mir und nicht bei deinem Kollege, der dieses Zimmer frei machen wollte.“

„Oft hast du oder ich angerufen. Einmal erzählte ich von einem Unwetter als ich im Garten gewesen bin und diesen nicht früh genug verlassen hatte. Ein Autofahrer fing mich auf und brachte mich nach Hause. Du sagtest noch, du würdest dir echt Sorgen machen, wenn ich so wenig auf mich aufpasse.“

„Du erzähltest von deinem Stress mit dem Studium und den vielen Freunden und Kollegen, die dich allmählich alle nervten, denn du wärest mit den Nerven total runter gekommen. Ich meinte darauf hin, du müsstest irgendwo heraus fahren auf eine Pferdekoppel und ein Pferd streicheln. Irgendwo müsse es so etwas geben. Du sagtest, nein, das wäre nicht so. Aber der Gedanke wäre schon gut. Du müsstest mal schauen. Später mailtest du, seit vier Jahren würdest du durch einen Sturz nicht mehr reiten. Danach hattest du keine Zeit mehr wegen deinem Studium.“

„Die Zickereien deiner Freunde störten dich, weil ihr euch nie richtig aussprechen konntet und du würdest dich freuen, mich bald im Urlaub bei dir zu haben.“

„Im Mai Zweitausendvier als eigentlich du Geburtstag hattest, bekam ich ein Überraschungspaket von dir. Lauter schöne Kleidungsstücke, ein paar Musik-CD’s, Süßigkeiten, ja ich freute mich sehr über deine Überraschung. Doch auch lauter kleine Kärtchen versteckt im Paket, mit Fragen: ‚Eleonore, glaubst du, dass ich noch mal glücklich werde?’ ‚Wie kann man am besten glücklich werden?’ ‚Glaubst du, dass ich bald richtig verliebt bin?’. Diese Fragen beunruhigten mich schon ein wenig. Ich schrieb’ dir darauf hin einen schön gestylten Brief mit Windows-Clip-Art und zählte dir auf, was ich da alles glaubte, wie ein Mensch glücklich werden kann.“

„Bund hatte ich ihn ausgedruckt. Die Kärtchen hatte ich in Schubladen versteckt, dies schrieb ich dir auch. Und jedes Mal, wenn ich eine Schublade öffnete, fand ich ein Kärtchen mit deiner Frage wieder. Dann fragte ich mich, nah hat sie das jetzt geschafft oder grübelt sie noch danach. Vielleicht ist sie ja zuversichtlicher geworden. Ich habe immer noch drei dieser Kärtchen vor kurzem in Bleistift-, Buntstift- und Kassettenschublädchen gefunden.“

„Du erzähltest, aus dem Studentenheim ausgezogen zu sein, ich weiß nicht mehr wann. Es war kurze Zeit danach. Wenn du dann wieder umziehst, sollte ich deine Wohnung übernehmen. Dann würde ich ganz in der Nähe wohnen. Irgendwann einmal. Deswegen wäre es kein Verlust sie hübsch zu renovieren und einzurichten.“

„Das war eventuell, bevor ich den Termin wusste an dem ich dich besuchen konnte. Ich rief dich an und erreichte dich nicht. Ich glaubte, ich sprach auf den Anrufbeantworter. Ich bekam keinen Rückruf. Ich rief dich immer wieder an und machte mir um dich Sorgen. Bis ich eines Morgens dich auf dem Handy doch erreichen konnte. Du hast das sehr unpassend, indiskret, nein distanzlos, gefunden und alle anderen Gründe waren dir plötzlich egal. - Vielleicht hattest du mit einem Mann im Bett gelegen als ich anrief. Doch dafür konnte ich nichts.“

„Ich hörte, dass du in Spanien warst und mich in diesem Moment nicht sprechen wolltest. Zu einem günstigeren Augenblick wolltest du auch nicht zurück rufen. Es verwirrte mich alles. Es kam tatsächlich kein Rückruf mehr. Auch nicht, um über den schon geplanten Besuch von mir zu dir in Bremen zu sprechen. Ein Kumpel, der diesen Disput mitbekam, holte mich ab, und ich fuhr mit ihm erst einmal nach Norditalien.“

„Als wir beide von unseren Urlauben zurück waren, hörte ich ebenfalls keine Klärung irgendwelcher Missverständnisse. Du hattest es nicht und wolltest es nicht mehr ansprechen. Nicht einmal: ‚tut mir Leid’, kam von deinen Lippen. Die späteren Gespräche und E-Mails gaben keine Aufklärung. Du hattest dich von da an anders, ohne dass ich irgendeinen Grund dafür sehen konnte. Ich habe nicht nur Johann, sondern auch dich verloren. Du hattest dich nicht für uns entschieden. Es sah nicht so aus.“

„Bis zu diesem Augenblick konnte ich wirklich behaupten, wir beide haben es endlich geschafft, eine schöne freie ungezwungene Mutter- und Tochterbeziehung zu haben, die glücklich machen kann. Was dazwischen kam und warum das für mich Unbekannte dazwischen kam, blieb für mich ein Geheimnis.“

„Stimmungslagen kommen und gehen, dachte ich tröstend. Aus dem Urlaub gekommen, bin ich halbwegs zur Buddhistin geworden, und übte auch in unserer Beziehung viel Geduld und Weisheit aus den Ereignissen des Lebens. Ich wollte dir und mir Zeit lassen, uns Liebe, Mitgefühl und mir Gleichmut geben. Ich wartete und belebte den Kontakt zu dir.“

„Wir mailten und riefen uns an. Und doch, ich erinnerte mich, du warst nett und freundlich, aber hinter dieser Freundlichkeit waren herbe Abspeisungen. Du hast mich nicht mehr für voll genommen, könnte ich meinen. So von heute auf morgen. Unglaublich. Manchmal. Obwohl es stimmte nicht immer. Doch sehr oft. Ich versuchte dich darauf hin ansprechen. Ich tat das vorsichtig. Doch ich empfing dadurch Aggressionen. Keine Offenheit. Viele Dialoge wurden hintergründig. Worte manchmal beleidigend. Ich konnte nur Geduld aufbringen. Ich fühlte Hilflosigkeit. Es kam zu keinem Besuch mehr. Es kam zu keiner echten Erklärung mehr.“

„Ich machte eine therapeutische Familienaufstellung in Hildesheim. Ich fing an dem Aufsteller vor der Aufstellung sehr viel zu erklären. Ich erklärte, ich möchte meinen Sohn, Johann wieder sehen. Ich erklärte Johanns weitere Familienangehörige, meine Ursprungsfamilie und alles. Nein, das wollte der Betreuer gar nicht wissen. Die vielen ineinander verkeilten und verschachtelten Gegebenheiten erst recht nicht. Interessant sollten mir nur die beiden, die beiden Kinder sein, deren Väter und ich selbst. Ich suchte mir die Personen aus. Für dich suchte ich mir eine sehr sensible junge Frau aus, obwohl, sie war wohl älter als du. Für Johann bestimmte ich eine etwas bengelhafte sehr junge Frau und ihre Freundin sollte sich für mich aufstellen lassen, obwohl ich mir erst etwas blöde vorkam, mit dieser Entscheidung, denn diese war die allerjüngste. Vom Alter her gesehen, hätte ich ja eine ältere Frau für mich aussuchen können. Später ließ sie aber ihre Familie aufstellen und ich merkte, sie hatte Probleme wie ich einst. Sie ist als Studentin weit von ihrer Familie weggereist, weil sie als Mittelkind zwischen zwei Schwestern leben musste, die sie nicht mochten, nicht akzeptieren wollten, nicht in ihren Kreis mit hinein lassen wollten, so glaubte sie zumindest. Es war, als wenn ich so etwas bei ihr geahnt hatte. Ich wusste vorher, wer sie war.“

„Diese Frau stellte ich in eine Ecke, so dass sie in etwa alle überblicken konnte, doch sie stand ganz alleine dort. Dich oder die Person für dich stellte ich neben deinem Vater rechts von mir auf. Ich stellte sie so hin, dass wir uns ein wenig im Blickfeld hatten, aber direkt neben deinem Vater. Deinen Bruder, Johann, stellte ich im gegenüberliegenden rechten Winkel von mir auf. Wir hätten uns genau gegenüberstehend sehen können, wenn sein Vater nicht direkt vor Johann gestanden hätte. Die Person, die Johann verkörperte, stand nun direkt vor einem Mann, der ihm die ganze Sicht nahm. Die Person für Johann musste ständig lachen, spielte den Casper vor der Gestalt, die vor ihr war. Schob man sie zur Seite, so dass sie zu der Mutterperson schauen konnte, wurde sie unruhig. Sie sagte zur Person, die mich verkörpern sollte: ‚Schaue hier nicht immer her. Das macht mich aggressiv und nervös.’ Ich sollte ihn zufriedenlassen bis er die Kraft hat, wieder zu mir zu kommen.“

„Die Person, die für dich aufgestellt wurde, machte dem Therapeuten bedeutend mehr Sorgen. Sie beobachtete mich immer, wusste nicht wie ich mit der Situation fertig werden konnte. Hätte gerne alles auf sich genommen. Viel grausamer, der Therapeut meinte: ‚Die Tochter ist gefährdet. Sie muss aus dieser ganzen Situation heraus gehalten werden. Sie liebt ihre Mutter so, dass es für sie gefährlich ist, und sich an Stelle der Mutter sich etwas antun könnte. Der Kontakt zwischen dir und deinem Vater so wie ich die Personen aufstellen ließ war nicht so gut. Ihr standet nebeneinander und wart nicht so verbunden mit einander wie gewünscht. Also nicht so, als würde eine Person der anderen Sicherheit geben. Ihr habt euch nicht angesehen. Aber es wäre jetzt besonders wichtig für die Tochter, meinte der Therapeut, einen richtigen engen Kontakt zum Vater zu bekommen, um sich dieser, unserer Situation, Johanns und meiner zu entfernen.“

„Und irgendwie meinte ich, schon vorher gewusst zu haben, was Sache ist. Ich sah dich nicht so gefährdet. War nicht so wirklich besorgt um dich. Ich spielte nicht verrückt. Fuhr nicht zu dir, um auf dich aufzupassen. Das war damit ja auch nicht gemeint, glaube ich. Ich wusste, du hattest im Jahre zweitausendeins schon Kontakt zu deinem Vater aufgenommen: ‚Hallo, Eleonore’, hast du geschrieben, ‚mein Papa und ich scheinen eine ganz neue Art Beziehung zueinander aufzubauen. Mal abwarten, im Moment gestaltet sich alles sehr schön’. Und im Jahre zweitausenddrei zeigtest du mir die Fotos deiner anderen Geschwister und deines Vaters und erzähltest von ihnen. Ich hörte immer wieder, du hast selbst getan, was richtig für dich ist. Hast du dich deshalb so abrupt von mir abgesondert? Bist du deswegen so oberflächlich geworden? Nein, das glaube ich nicht.“

„Ich konnte mich schon alleine um Johann kümmern und zu dir auch wieder Kontakt aufnehmen, ganz separat, denn du warst ja in einer anderen Stadt. Ich hatte mich schon lange daran gewöhnt, was Johann und mich betrifft, geht dich im Einzelnen nichts an, solange die Situation so kompliziert ist und gegenwärtig. Als aber der Zeitpunkt kam, an dem ein Drama diesbezüglich nur noch der Vergangenheit angehörte, dachte ich anders darüber. Ich weiß nicht, wie viel Wunsch noch immer in mir steckte, du würdest Johann zu dir holen.“

„Ich erzählte dir einmal am Telefon. Du, Lena, ich habe ein Buch über Johann geschrieben. Das, was er erlebte. Magst du es lesen? Ich fand deine Antwort unfair: ‚Ihr wollt nur euren Stress und eure Intrigen bei mir loswerden! Da spiele ich nicht mit.’ Es waren keine Intrigen in diesem Buch. Es wurde lediglich ein dreizehnjähriger Junge beschrieben, wie er in die Mangeln des Jugendamtes gerät, in die Psychiatrie und gerichtlich in ein Kinderheim gesteckt wurde. Nicht zum Wohle eines heranwachsendem, sondern um die Erhaltung von Strukturen und Hierarchien gerecht zu werden. Ein wenig Gesellschaftskritik und über die Flucht aus einem Kinderheim. Es war eine Dokumentensammlung, Gespräche und Taten. Ich machte eine Geschichte daraus. Doch Lenas ‚Ihr wollt‘ hörte sich nach vielen Personen an, die etwas von ihr wollten, von dem ich wieder gar nichts weiß.“

„Im Jahre zweitausenddrei kam Johann mich oft besuchen. Ohne dich in irgendetwas zu verwickeln. Das war nicht mein Interesse. Klar, wir hätten dich gebrauchen können. Warum war Johann nicht einmal bei dir in Bremen. Dein Bruder bei dir? Das wäre doch keine gefährliche Situation für dich? Ich sprach meinen Wunsch nicht aus. Das durfte nur deine Entscheidung sein. Du erklärtest mir das ganze Jahr nicht mehr, warum du meinen Besuch so blockiertest. Wir schrieben uns weiter und telefonierten. Wir gingen gegenseitig auf des anderen Themen und Interessen ein ohne Streit und Angriffe. Wir wünschten uns schöne Weihnachten und ein schönes neues Jahr mit Zukunft. Und alles so wie die Roboter das machen, kalt, oberflächlich und freundlich. Erklärungen blieben aus.“

„Im Februar zweitausendvier bist du umgezogen, in eine kleine Hexenwohnung, wolltest nur mal sagen, dass du mich lieb hast, aber auch viel Stress hättest.“

„Im März hast du mir dann geschrieben: ‚danke für die Antwort. Gerade gestern noch habe ich an dich gedacht. Und mir ist so richtig bewusst geworden, viel deutlicher als vorher, was für eine bewundernswerte starke Frau du bist. Ich möchte nach unserem Streiten nun gar nicht herum schleimen, sondern ich meine es ganz ernst. Ich habe dir immer Vorwürfe gemacht wegen der Sachen, die nicht geklappt haben. Doch ich weiß ganz genau wie du immer geliebt hast und immer bis in den letzten Moment hinein gekämpft hast. Dafür bewundere ich dich sehr. Ich habe ganz viel von dir. Du glaubst gar nicht wie viele Werte ich von denen, die Du mir bereits als Kind beigebracht hast, immer noch tief in mir hab. Dazu gehört zum Beispiel die Umwelt achten und respektvoll mit ihr umzugehen. Dazu gehört, dass Menschen wertvoll sind, egal wer sie sind und woher sie kommen. Das lebe ich vollkommen, das heißt so gut es mir gelingt, denn ich habe auch viele Fehler, doch ich lerne und ich weiß genau, das habe ich von dir. Ich bewundere, dass du trotz all dem Schrecklichen, das du erlebt hast, du immer noch offen warst für meine Kritik, so gut es ging, denn ich weiß, dass es schmerzhaft für dich war.’“

„Ich schrieb zurück: ‚Liebe Lena, habe mich sehr über deinen Brief gefreut. Und Johann hat schon viermal an meiner Tür geklingelt. Jetzt hat er Wohnungs- und Gartenschlüssel. Bald wird alles wieder gut. Ich habe Hoffnung und Zuversicht. Habe dich lieb, meine Tochter’. Einen Tag später kam die Antwort: ‚Drücke Daumen für dich und Johann’. Dann kam der Aprilscherz, seitenlang und bunt ‚April‘ geschrieben. Hörte nicht mehr auf. Eine schöne Beschäftigung, wer’s durchliest.“

„Weiter ging es mit der Schreiberei und den Anrufen: ’Viel Glück in Bremen!’ – ‚Bin fertig umgezogen, hoffe auf Zukunft.’ – ‚Erzähle von dir, Umarmung mit ganzem Herzen’. Dann kamen Muttertagstreitigkeiten. Wollte nicht angerufen werden, wollte mal wissen, warum wir uns nicht sehen, und warum Johann Lena, also dir, keine Mail schicken sollte, wenn ich ihm dabei helfe, sich anders dabei auszudrücken.“

„Von selbst rief Johann zweimal Lena an. Konnte Lena, also dich, nur nicht erreichen. Aber er war aktiv.“

„Ich informierte mich über günstige Zugtickets von Bremen nach Braunschweig oder umgekehrt. Ich informierte dich darüber. Damit wir mal freier hin und her fahren könnten. Du entschuldigtest dich darauf hin, ‚nicht jedem seine Eigenliebe gerecht geworden zu sein‘. Du wolltest mich am Telefon nicht wieder belehren, wie ich das Ding mit Johann drehe, als ich mich bevormundet fühlte. Du ausfragtest mich aus, ob ich auch alles richtig gemacht hätte, ein Feingefühl für Johann wirklich hätte. Es läge dir nur etwas an Johann, deswegen passierte das. Besuchen könntest du uns noch nicht. Du müsstest erst stärker und souveräner werden.“

„Du brauchst noch etwas Zeit.“
„Du brauchst noch etwas Zeit.“
„Dann kam auch bald mein Geburtstagsgruß mit einem kleinen Geschenk.“

„Im Juni zweitausendvier schienst du mich vergessen zu haben. Nein Anfang Juni schrieb ich dir: ‚Wie geht es dir. Lasse Mal von dir hören. Liebste Grüße Eleonore.‘ - ‚Mein Geburtstag war schön, danke für dein Geschenk. Was hast du vor, wenn du Geburtstag hast?’, fragtest du. Du sagtest: ‚ich habe eine neue Arbeitsstelle bekommen, und muss mir dafür noch ein Auto besorgen’.“

„Im August schrieb ich dir: ‚Hallo, will dich besuchen, hast du Zeit? freue mich, dich wieder zu sehen’. – ‚Das ist ja spontan’, hast du geantwortet ‚Nein, es geht mir ein wenig zu schnell’. Dann hast du es noch begründet, aber nicht handfest. Es werden einfach keine störenden Gründe genannt. Doch, aber unverständliche, geheimnisvolle Gründe. Du hättest wegen dir selbst noch keine Kraft oder wegen mir noch keine Kraft. Ständig muss ich mit diesen Antworten leben. Doch aggressiv darfst nur du werden, Lena.“

„Du hast mir eine Nachricht geschrieben: ’Hi, Eleonore, es gibt in Bremen einen Stadtteil, der richtig zu dir oder zu mir passen würde’. Du hattest ihn nett beschrieben. Es Mag der Stadtteil gewesen sein, in dem du auch bald wohntest. Dann schriebst du noch, dass du dich melden würdest, wenn ich dich besuchen kann.“

„Im September schickte ich dir ein Gedicht, weil es mir einfach so einfiel. Zuerst dachte ich an die Liebe zu einem Mann. Dann schickte ich es dir zum Lesen. Man könnte nur glauben aus unserer damaligen stressigen Verbindung heraus, aber es war nicht so:

Liebe, Liebe, Liebe
wir alle brauchen Liebe
Liebe schafft Kraft und Gesundheit bringt Freude, Glück und Schönheit
Sicherheit, Wärme, Brot und Frieden

Liebe, Liebe, Liebe
wir lieben, wir lieben, wir lieben
die ganze Erde strahlt, wird zusammengehalten durch Liebe
schafft Kraft und Gesundheit, bringt Freude, Glück und Schönheit
Sicherheit, Wärme, Brot und Frieden

wir lieben, wir lieben, wir lieben
rundherum und überall
ein jeder sich selbst

ich lieb dich, ich lieb dich, ich lieb dich
für Kraft und Gesundheitfür Freude und Glück
Sicherheit, Wärme, Brot und Frieden

wir lieben uns, wir lieben uns, wir lieben uns
du liebst dich, und ich lieb mich

Liebe, Liebe, Liebe
merkst du wie du schwebst
wie goldene Wolken an deinem Körper vorbeiziehen?
Sonnenstrahlen prickeln
ein stiller friedlich ausgefüllter See
die Liebe spiegelt sich darin
sie kommt dir nah – immer näher
sie nimmt dichich liebe dich,
heißt – ich liebe mich
komme dir nahich nehme dich
denn ich liebe mich

und manchmal – ich verlasse dich,
denn ich liebe mich“

„Dann starb mein Vater, dein Opa, zu dem du keine Verbindung hattest. Du wusstest nur noch, dass es ihn gibt. Mir selbst war es völlig egal, wie du damit umgehen wolltest. Und doch schrieb ich dir eine Mail mit Gedanken, ob du vielleicht doch eine Motivation in dir finden könntest, bei der Beerdigung dabei zu sein. Ganz offen sprach ich dann auch bei der Gelegenheit unser Wiedersehen an. Doch auf meine Nachricht hattest du sehr krass in einer Drei-Seiten-Mail geantwortet. Die Zeilen zum Nachdenken mit allerliebsten Grüßen, sollten dir ja nur ein schlechtes Gewissen einreden, meintest du. Das würden wir alle gut können, unsere Familie, Schuldgefühle einflößen.“

„Ich war so manches Mal nicht mehr ich, deine Mutter, sondern ‚ihr’ mit irgendjemandem in einem Topf geschmissen. Du müsstest ja auf mich hören, denn ich wüsste ja, dass du meine Energie nur so aufsaugen würdest. Den Spruch fand ich pervers. Das du mich so besetzend fandest, obwohl ich bewusst ganz anders handeln wollte, und dies meine ich, auch reell tat, bekam ich so etwas zu hören. Vor nichts in der Welt ist man sicher, dachte ich. Diesen Brief fand ich heftig. Ich wusste erst nichts darauf zu antworten. Doch im Anschluss der drei Seiten waren ja Fragen an mich. Also ein Fragenkatalog. Da hatte ich es leicht. Beantwortete dir die Fragen und schickte dir den Brief gleich zurück mit einem Bild von mir als Kind, Eleonore die zurückgezogene Träumerin, die nicht in der Realität leben wollte, erst recht nie streitsüchtig war, denn du hattest mir oder meiner Familie pauschal mich inbegriffen, streitsüchtig genannt. Doch ich sah in keiner Zeit so aus, meinte ich.“

„Ich erfuhr aber auch, dass du gleichzeitig meine beiden Schwestern am Telefon hattest. Ich hörte, du hast auch mit ihren Sätzen geredet.“

„Dann hörte ich dich am Telefon: ‚Tust du so, als wolltest du jetzt etwas für mich machen? Was hast du schon für mich gemacht. Nichts! Du hast mir lediglich mein Leben geschenkt. Alles andere musste ich mir alleine erarbeiten. Niemals hast du was für mich getan!’ Ich war fix und alle. Hatte die Streitigkeiten mit meinen Schwestern noch und wusste, sie werden dich damit einbinden.“

„Ein Kumpel, ein langjähriger, wollte mir helfen. Er wollte die Vermittlungsrolle in unseren Streitigkeiten übernehmen. Ich bat ihn darum und sagte: ‚bekomme von Lena nur noch Kritik zu hören, aber keine konkreten Beispiele oder Handlungen, wo sie was nicht genau in Ordnung fand. So können wir gar nicht über die Sachen sprechen. Und gerade da, wo sie ein falsches Verhalten an den Tag legt, da ist erst recht ein Tabu, ein Redeverbot.  So viele Behauptungen und nur Vorwürfe auf Fragen. Das war sehr schmerzhaft und ungerecht zu hören. Sie tut sich damit selber weh, auch wenn sie Standpunkte vertritt, die sie scheinbar innerlich stärken, auf Dauer kann sie so doch nicht glücklich werden. Stark sein geht doch anders. Sie bekommt Aggressionen und Magenkrämpfe wegen mir, behauptet sie.“

„Dieser Kumpel machte überhaupt sehr viel für mich. Er nahm sich auch diesem Problem an. Leider vergebens. Wir sollten gemeinsam eine Therapie machen? – Das war deine Meinung, Lena.“

Ein Brief von mir im Dezember Zweitausendvier:

Liebe Lena, oben siehst du meine neue Adresse. Auch ich bin zwischenzeitlich umgezogen ohne Dir meine neue Straße zu nennen.

Bitte erzähle niemanden, dass ich meine Telefonnummer behalten habe und nenne auch meine neue Straße mit Hausnummer nicht. Deine Puppen sollte ich aufbewahren. Das wünschtest Du Dir noch vor vier Jahren.

Ich möchte mich nun davon entlasten und schicke sie Dir. Das Bein der Puppe Anna ist wohl schon längere Zeit ab. Leider knabberten auch Mäuse an dem Zeug herum. Das tat mir sehr leid. Wären bessere Gegebenheiten zwischen uns, wäre ich sicherlich wie eine verrückte herumgelaufen, um Dir vorher alles wieder in Ordnung zu bringen. So kenne ich mich. Das liegt wohl in meiner Natur, herum zu springen, wenn es für mich eine Möglichkeit gibt, etwas für meine Tochter zu tun. Egal, ob Du das jemals herausgefunden hast oder nicht, es mir zugestehen würdest oder nicht. Es war immer so, doch jetzt bin ich befreit davon und viel zu müde aufzustehen, um diesen Trip weiter hinter her zu rennen.

Wie viel Katastrophe braucht der Mensch?Und vor allen Dingen wie lange?
Wer weiß das schon?
Ich nicht.

Lena, ich wollte Dir jetzt das letzte Mal schreiben, mailen oder mit Dir telefonieren. Der Entschluss tut mir sehr weh und ich glaube, so etwas Ähnliches tat ich schon einmal.

Liebe Tochter, ich komme mit der Wulst nicht klar, die sich irgendwo und irgendwann gebildet hat, Menschen unserer Familie in sich einbindet, sie ständig emotional erhitzen lässt, Veranlassungen findet, andere zu erniedrigen für die Chance, sich selbst größer sehen zu können. Wie soll ich das alles beschreiben? Ich denke, ich habe es schon ziemlich krass dargestellt, und wenn man sich das gesamte Bild dieser Wulst vorstellt, wird einem schlecht.

Etwas erkennen heißt aber nicht, es wegräumen zu können. Das ist nicht möglich. Diese Wulst wird ja auch massiv beschützt von denen, die dort hinein gefallen sind. Beschützt in der Weise, dass manchmal sogar die ganze Persönlichkeit darunter leidet, durch Zerreißproben mit sich selbst und den Nächsten oder durch Ignoranz und Stolz.

Das machst du nicht, doch du zeigst mir ein paar Eigenschaften, die mir zumindest deutlich machen, dass auch Du in dieser Wulst mit eingebunden bist, nicht heraus kommst, Du eine Position darin hast, die Dir Kraft gibt, eine Kraft, die allerdings viel kostet und keiner weiß bisher, wie viel sie noch kosten wird, und vor allen Dingen lässt man dich nicht heraus.

Könnte sein, dass du jetzt den Brief beiseite legst, mit der Sichtweise, das tue ich mir nicht an, diesen Brief weiter zu lesen. So ähnlich ist es doch in dir – oder? Aber bedenke, es soll wirklich der letzte Brief sein, und von mir wird keine andere Initiative mehr kommen, um noch irgendetwas für unsere Verbindung zu tun. Da müsstest Du Dich alleine bemühen, falls Du darin einen Wert erkennen könntest.

Lena, immer hast du mir nette freundliche, auch liebevolle Briefe und E-Mails geschickt mit dem ehrlichen Wunsch, es solle mir und Johann und wen auch sonst gut gehen. Doch hinter den Zeilen ist ja nicht alles zwischen uns in Ordnung. Es sind auch manchmal „liebevolle“ Abspeisungen und Verletzungen darin. Wenn ich das voller Geduld so hinnehme, bin ich eine starke Mutter, eine starke Frau, und Du bist stolz und froh darüber, mich zu haben.

Du meinst dann sehr oft, ich solle Dir noch Zeit lassen. Ich frage mich, warum, wozu, wie lange, was geht während dieser Zeit alles verloren und glaube nicht daran, dass nach langer Zeit, Du toleranter werden kannst. Wenn ich ungehaltener reagiere und anders funktioniere, als es Dir recht ist, ignorierst du den Schriftverkehr und meine Telefonate, oder du wirst mit deinen Beschuldigungen einseitig. Eine Auseinandersetzung mit Dir und Deinem Verhalten darf ich mir also nicht erlauben. Manchmal denke ich, du spielst mit mir. Ich könnte noch so geduldig sein, wir werden uns nie etwas anderes als Verletzungen geben. Ansonsten haben wir nichts voneinander. Daran wird sich wahrscheinlich nie etwas ändern – nicht zum Positiven, das Negative wächst.

Ich möchte mir die Mühe machen, Dir an den letzten Beispielen zu erklären, was ich damit meine:

In meiner letzten E-Mail bat ich dich zur Beerdigung deines Opas zu kommen. Ich wählte normale deutsche Worte, um dir zu erklären weshalb. Daraufhin bekam ich einen bombastischen Text mit Beschuldigungen zurück. Meiner Meinung nach hatte ich diesen Text nach so normalen Worten gar nicht verdient. Bist du im innersten Kern so verletzt, weiß ich nichts über diese Verletzung und werde niemals in der Lage sein, das Problem zu lösen – alleine.

Das schlimmste für mich war, Du meintest mich gar nicht in Deinem Text. Du hast mich nicht einmal persönlich angesprochen: „Ihr…, Euch…, Eure…,“, las ich immer wieder. Gibt es mich eigentlich für Dich? Vor allem erschreckte ich mich, dass Du Deine eigene Mutter in eine Schublade mit Tanten, Omas und Opas packst. Ich bin Deine Mutter, und es ist Dir egal. Es macht für Dich keinen Unterschied. Als Du Johann erwähntest, wurdest Du sehr unfair, denn Du weißt, ich trage keine Schuld, an seiner Situation. In dieser E-Mail nahm ich schriftlich Stellung und schrieb zwischen Deinem Text, den ich Dir danach zurück schickte. So blieb es. Ich bekam keine Antwort von dir. Auf so etwas zu antworten, hast du dann nicht mehr nötig. Alle Unverschämtheiten kommen also aus Deiner Sicht von mir.

Ich rief Dich an wegen einer Erbabschlagung und musste erfahren, dass deine Tante, sich anmaßte, meine Kinder hierin betreuen zu wollen. Mit Johanns Vater hatte sie sich deswegen auch unterhalten, obwohl sie wusste, ich habe das Sorgerecht. Du selbst sagtest mir ganz unverblümt wie nett Du Deine Tante findest, die sich ja jetzt darum kümmert. Wie Du das sagtest, klang es nicht neutral. In Deiner Betonung kuscheltest Du Dich an Deine Tante heran und hast mich dann so zusagen in den Arsch getreten. Du hattest wohl auch hier vergessen, wer Deine Mutter ist. Durch die vorherigen Streitigkeiten zwischen Deiner Tante, meine Schwester, und mir wollte Deine Tante ihre eigene behördliche Sache durchziehen, die eventuell teurer geworden wäre. Es hieß jeder solle jetzt getrennt eine Erbabschlagung machen. Die Mehrkosten hätte sie dafür bezahlen können – meine Meinung. Dass Du das nicht gleich verstehst, wenn ich dann sage, die Tante solle erst einmal die Rechnungen bekommen, aber auch noch aus anderen Gründen, ist wohl klar, wenn ich am Telefon so kalkuliere, verstehst du das nicht gleich. Doch mit einem ungehaltenen Unterton von Dir: ‚Wieso soll das die Tante bezahlen?’, so fand ich Dich nicht neutral und fragte mich natürlich, wie das alles, die ganzen Reaktionen, zustande kommen. Denn normaler Weise fragt man da anders nach.

Mein Kumpel weiß viel und kennt viel von meinen Sorgen. Er fand die Reaktionen Deiner Tante nicht angemessen. Auf meine Bitte hin, wollte er tatsächlich versuchen Vermittler zwischen der Tante und mir zu werden und anschließend für mich und Dich da sein, für das Ziel, eine freie, vertrauensvolle Verbindung zu Dir zu bekommen.

Ganz so gut funktionierte das natürlich auch nicht. Aber es half mir sehr, für meine klare Sicht und meine Entscheidungen. Der Kumpel rief die Tante an, um einen Dialog zu führen. Die Tante aber führte mit dem Kumpel einen Vierzig-Minuten-Monolog. Der Kumpel war über das, was sie sagte, selbst erst einmal sehr erschrocken. Ich glaube ihm, dass er das erste Mal das Telefon heimlich laut stellte, um mich mit hören zu lassen. Ich hatte deiner Tante inzwischen schon sehr viel zugetraut, aber das, was sie jetzt alles sagte, hätte ich nie gedacht.

Sie sagte, ihr Notar würde mich ungern oder überhaupt nicht in sein Haus lassen, weil ich eine unmögliche Person bin. Wie kann das alles sein, Er kennt mich nicht? Sie schildert keine Erlebnisse, stellt nicht konkret dar, sie behauptete nur Dinge, ebenso zwischen dem Pastor und anderen amtlichen Leuten. Ständig hat sie mich während mein Kumpel zuhörte, psychisch krank dargestellt. Sie macht es genauso wie Johanns Vater, wenn er Krieg gegen mich führen will. Sie nimmt wie er, kein Blatt vor dem Mund – erst recht nicht vor meinen Kindern. In Deutschland sind erst einmal alle psychisch krank, die beiseite gestellt werden sollen.

Du, Lena, hast mir einmal vorgeworfen: „Immer fühlst Du Dich ungerecht behandelt. Alle tun Dir angeblich was.“ Dasselbe hörte ich Deine Tante sagen. Vor meinem Kumpel machte sie keinen Hehl daraus, dass sie mit Dir lange Gespräche über mich führte und behauptete, Lena wäre gleicher Meinung wie sie. Sehr oft und eindringlich nannte sie die Personenbezeichnung: „Meine Nichte, meine Nichte …“, Nicht ein einziges Mal kam ihr in den Sinn: „Eleonores Tochter …“, zu sagen. Es hörte sich sehr besetzend an. Ich glaube, sie gibt nie auf und das schrieb sie mir auch.

Sie legte Wert darauf, mich als Briefeschreiberin und Sonderling abzufertigen. So übernehme ich den Stand meines Vaters – lt. familiärer Mundpropaganda.

Sie versuchte klar zu machen, dass sie mich gar nicht für die anliegenden Arbeiten gebrauchen konnte, obwohl ich ihr weiter Hilfe angeboten hatte für die Wohnung des verstorbenen Vaters. Laut ihren Aussagen, hätte ich sie angeschrieen. Das ist passiert. Dafür habe ich mich anschließend entschuldigt, gesagt, es tut mir leid, nicht, dass ich im Unrecht war, doch meine Tonart wurde irgendwann sehr unnett. Doch davor und danach schrie sie nur. Wir konnten nicht zusammen arbeiten. Besser eine macht alles, als wenn zwei sich gegenseitig zerstören, dachte ich, und hielt mich raus. Bot ihr aber danach schriftlich Hilfe an, nur als Arbeitskraft nach ihrer Organisation – sie antwortete nicht.

Mein Kumpel wollte schlichten, damit behördliche Sachen vernünftig gemacht werden und nicht noch mehr Kosten entstehen. Aber vor allem auch, dass jede Frau sich hierbei um ihre eigenen Kinder kümmert wie es die beiden Tanten ja auch unangefochten machen konnten. Warum also werden nur meine Kinder auf diese Weise in Intrigen gegen ihre Mutter gestürzt und alle anderen fern gehalten von so etwas?

Als ich meiner Schwester mit ihrem Sohn und ihren Problemen helfen wollte, lies sie das nicht zu, weil sie die Gefahr sieht, ich könnte etwas Ähnliches tun, was sie macht, was ich aber natürlich nie vorhatte. Merkwürdig, sie lernt nie, es zu unterlassen, in meine Kinder für eigene Interessen einzudringen. Sie gilt als die, die die Familie zusammen hält. Die Position gibt ihr sehr viel Macht dies zu tun. Sie gibt sich großzügig, aber nicht uneigennützig. Es macht stark, eine Schwester als sozial abgefallen zu deklarieren um dann helfen zu wollen. Sie verschweigt, was sie selbst bekommen hat, als ihr geholfen wurde.

„Das macht sie stark, das gibt Macht“, so sprach mein Kumpel ebenfalls seine Theorie dem Ganzen aus. Er hat das schon ganz deutlich gehört und erkannt. Meine Schwester kennt den Kumpel kaum, redete aber viel. Wir, mein Kumpel und ich, beschäftigten uns noch lange mit diesem Telefonat.

Ich möchte meine Schwester nicht verurteilen. Beschuldige sie nicht unbedingt für irgendetwas. Zumindest bewerte ich ihr Verhalten nicht. Sie leidet selber darunter. Sie hat diesen Stil anerzogen bekommen und immer drauf gehabt. Nur glaube ich nicht, dass ihre Äußerungen schon immer so schlimm waren wie heute. Sie konnte eigene Fehler nie zugestehen, gab diesen Stil, diese Politik nie auf und brauchte hierfür immer wieder Begründungen und Rechtfertigungen. Die haben sich im Laufe der Jahre gesammelt. Und das ist das Ergebnis.

Ich bin nicht diejenige, die da heraus helfen kann. Ich kann sie nur entlasten, indem ich den Kontakt ganz und gar abbreche. Und es gibt kein Elternteil mehr, dass wir zusammen unter die Erde zu bringen haben.

Nie wieder einen Kontakt zu meinen Schwestern wünschte ich mir schon in der Vergangenheit. Meinen Kumpel bat ich jetzt, Verbindung zu dir aufzunehmen, für eine ungestörte, frei zugängliche Verbindung und Vertrauen. Vor allen Dingen sollte er helfen, Dich mit mir aus diesem Wulst heraus zu holen – Dich retten. Das versuchte ich in dieser Scheiß-Situation schon immer. Aber in diesen Konstellationen ist es schwer, das alleine zu schaffen. Der Freund hat es, glaube ich, versucht. Er nahm Kontakt zu dir auf. Doch ist es nicht albern, ihn jetzt damit zu belasten? Wir sind zwar Mutter und Tochter, trotzdem zwei erwachsene Frauen.

Du, liebe Lena, hast zwischen den eben beschriebenen Konstellationen groß werden müssen. Ich erkannte vieles nicht gleich. Vor allen Dingen rechnete ich nie damit, dass Dein Vertrauen anderen gehören würde. Aber ich sehe dich ebenfalls in diesem Wulst gegen den ich nichts machen kann. Das ist alles sehr hartnäckig und ich empfinde Ekel dagegen, vor dem, was mir da bildlich erscheint. Ich will da raus, kann Dich aber nicht mitnehmen. Und, was ich mir einmal wünschte oder für selbstverständlich hielt, wird niemals eintreffen. Denn Intrigen oder Fehlverhalten werden ja nicht oder sollen nicht erkannt werden.

Immer hast Du mir nette, freundliche und auch liebevolle Briefe und E-Mails geschickt mit dem ehrlichen Wunsch, es solle mir und Johann und wem auch sonst gut gehen. Doch hinter den Zeilen ist ja nicht alles zwischen uns in Ordnung. Es sind auch manchmal „liebevolle“ Verletzungen und Abspeisungen darin. Und es wird mehr. Es wächst allmählich zu. Erklärungen und „Entschuldigungen“ kannst du mir gegenüber nicht aussprechen, die Dinge, die eigentlich befreien würden. Wenn ich nicht geduldig funktioniere, sondern Kontra gebe, antwortest du nicht mehr. Du verletzt mich auch damit, bekommst vielleicht auch Schuldgefühle, die sich stapeln. Brauchst, suchst und findest irgendwelche Begründungen für dein Handeln. Und es hört nie auf. Wie lange? Wie viel? Wird Dein Verhalten nach außen dann wirklich immer stilvoll aussehen – nach Jahren oder so?

Ich kann die Situation nicht verbessern – nicht ändern …
Ich kann mich davon befreien.

Ich kann inzwischen stark genug sein und sagen, lass’ uns unsere Verbindung abbrechen. Keine weiteren Unzugänglichkeiten, kein weiteres schlechtes Verhalten soll in uns oder zwischen uns wachsen. Wir sind nicht die Gewinner dieses Spiels. Doch wir müssen uns befreien.

Gerne würde ich hin und wieder wissen wie es dir geht – schreibe nur von dir.

Johann geht es gut. Er blüht langsam auf. Wir sehen uns jetzt jeden Donnerstag. Mir geht es gut. Ich habe einen Freund, einen echten Partner. Ich glaube, diesmal passt es gut – ja, wir passen zusammen.

Ich wünsche Dir vom Herzen alles Gute
- Gesundheit, Freunde, Freundinnen und Erfolg.
Vor allen Dingen Freiheit im Herzen und vernünftiges Handeln.
Trotz allem - in Liebe - Deine Mutter - Eleonore

„Liebe Lena, haben wir noch einen Draht zusammen oder nicht? Erleichtert warst du, dass ich mich von dir lösen wollte, so schreibst du. Teilweise kannst du meine Kritik verstehen und teilweise nicht. Du hättest da eine andere Wahrnehmung. Du schreibst aber nicht wo, wie und was. Das ist aus dir nicht herauszubekommen. Du hast diese eine Frage, warum sollte ich dich nicht besuchen, obwohl du dich vorher so freutest? Warum hast du mich kurz vor der besprochenen Zeit so fallen lassen. Nur eine Erklärung, ein Wort blieb aus, und das war hart. Du wolltest mit mir zusammen eine Therapie machen. Ich hatte auch nie Einwände gegen eine Therapie, doch wie funktioniert das, allein schon wegen der Örtlichkeit? Dann schreibst du, ich sollte wohl eine Therapie machen. Doch, was bringt es, wenn die Fragen nur immer einseitig beantwortet werden. Erst einmal sollten wir das Leichteste und  Klarste zusammen üben, bevor wir nach Hilfe draußen rufen, so dachte ich jedes Mal, als ich am Telefon saß, und mich um eine Therapeutin bemühte. Sie waren alle voll besetzt. Viele nahmen auch sehr viel Geld die Stunde. Und immer wieder dachte ich, renne ich da in ein dunkles Loch. Ich hatte keine Kraft für so was. Allein das Suchen danach kostete sehr viel Kraft.“

„Schon wegen Johann klapperte ich vor einiger Zeit diese Stellen ab und ließ mich beraten. Ich schaffe das nicht ohne deine eigene Offenheit zu mir, Lena.“

Langsam werde ich nun müde. Ich verabschiede mich von der schwarz verbrannten Wiese, vom Stein, der mir stets zur Seite steht, und vom Gericht der Herzen. Dann gehe zurück in meine Gruft. Heute mache ich mir ein Abendessen, denn es wird bald hell. Ich erhole mich.

Ich liege wach im Bett und ausnahmsweise scheint mal die Sonne durch meine zwei Fenster herein. Ich lege meinen Kopf hoch und schaue durch die Fenster mit einer Schmerzenskuller im Bauch, anstatt zwei Kinder zu haben, denn der in mir klare Film läuft wieder einmal ab.

Den Vorschlag einer Mail hielt ich in der Hand, den Vorschlag des Kumpels, der helfen wollte, als dritte neutrale Person, Kontakt zu meiner Tochter zu bekommen. Aber auch zu einer meiner Schwestern, damals, zweitausendvier. Wir hatten ebenfalls  Heiligabend gehabt, inzwischen zweitausendsechs.

Ich sehe ein Buch vor mir: ‚Das Drama des begabten Kindes’ von Alice Miller, lebt Lena immer noch darin? Es war ihr Lieblingsbuch im Jahre zweitausendeins. Es mag doch seine Berechtigung haben, doch keine hundertprozentige. Ich stehe noch einmal auf und ziehe die Vorhänge zu und schlafe ein.
(© Ilona Meschke 2006)

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