10
Schritte

Die nächste Abenddämmerung beginnt. Immer noch Nebel in der Luft. Eiskalter Wind. Darum gehe ich ja raus. Diesmal nicht versteckt in der Aue unserer Siedlung. Nein, ich gehe durch die Siedlung direkt. Öffentlich auf der Straße, an Autos und zwischen Hausecken schleichend vorbei. Ich suche immer noch nach einer Spur von Lena. Hätte ich damals zu ihr fahren können? Sie hasst mich. Weshalb? Ich suche hier die Spuren, Spuren von Lena. Denn ich glaube nicht, dass das echt ist, was sie tut. Was ich damit meine, bleibt ein Geheimnis, auch für mich selbst.

Ich, ihre Mutter, die Bittstellerin, die Bettlerin schrieb ihr noch einmal. Eine Antwort kam nie wieder. Das Gericht der Herzen, was ich auf der schwarz verbrannten Wiese fühlte? Ich finde es nicht mehr. Welcher Windzug könnte eine Stimme einen Satz mit sich tragen? Welcher der vielen kleinen Nebelwinde kommt eventuell direkt aus Bremen von ihr?

Ein Windzug kommt und zieht durch meine Ohren. Er bringt die vielen schon einmal gesagten Sätze mit. Ich höre altbekannte Stimmen: „Später, Eleonore, später, wird deine Tochter einmal wissen, was du für sie getan hast! Jetzt kann sie das noch nicht. Du musst noch etwas Geduld haben!“ So rauscht es immer wieder durch die Ohren. „Moment. Wann ist später?“ So höre ich mich rufen. Die Straße ist dunkel und verlassen.

Ich lasse die Stimmen vorbei ziehen. Sie wehen langsam weiter. Ebenfalls streifen sie an Hauswände wie ich und mein Körper. Ich bin genauso wie mein Schatten. Wir ziehen über und unter den parkenden Autos vorbei und wieder hoch durch die Baumkronen. Dann verblassen wir genauso wie die einst gesagten Stimmen und die eben sogar noch buntgezeigten Sätze. Aber ich sehe, sie verblassen nicht völlig. Sie schweben nicht frei und gelassen davon, um sich aufzulösen und zu vergehen wie andere vor langer Zeit gesagten Worte. Belastet kleben sie zusammen an Fenstern und Mauern. Sie bemühen sich schwer kriechend weiter, auf der Suche nach Logik, nach Hoffnung, Güte und Liebe.

Ich verstehe jetzt! Nicht nur ich alleine, sondern auch gesagte Worte irren endlos in der Gegend herum. Ich gehe wieder in die Gruft hinein, meiner kleinen Wohnung. Schließe das warme Zimmer mit dem Sofa, damit die Wärme sich hält. Ich stehe im Kalten vor einem Spiegel. Ich sah einmal sehr hübsch aus. Unter Berücksichtigung meines Alters erst recht. Jetzt sehe ich abgemagert aus. Die Wangenknochen stehen zu sehr hervor. Durch das schmale Gesicht kommen die Zähne gut zur Geltung. Sie wirken einfach größer. Ich stelle eines der grauen Kisten an, durch den jetzt rauschend der Strom läuft. Mit den steifen kalten abgemagerten farblosen Fingern schaffe ich es gerade noch so, eine Maus und eine Tastatur zu bewegen, um ins World Wide Web zu gelangen.

Eine lebend tote Bettlerin, eine Mutter, findet keine Ruhe: „Lena, finde ich dich, Erzieherin, Pädagogin, bald oder schon Psychologin? Ja! Sie hält selbst Referate, unter hoher Gesellschaft? So scheint es. Eine E-Mail-Adresse, man darf sich anmelden, wenn man interessiert ist, ihr oder einer anderen zu zuhören. „Alle Anmeldungen nimmst du entgegen? Du organisiert alles, den ganzen Verein oder Arbeitskreis?“

Es geht um Kinder und um ihre Psyche, wenn sie zu früh aus irgendwelchen Gründen die Familien verlassen. Ist das der totale Egotrip? Oder will sie aus ihren schlechten Erlebnissen der Kindheit heute andere Kinder schützen? Plötzlich erschrecke ich. Ich sehe Lena wieder ganz groß an meiner weißen Raufasertapete. „Alles musstest du dir selbst erarbeiten, hattest du mir vorgeworfen“, flüstere ich ihr ins Gesicht.

Braucht Lena mich jetzt als Sündenbock? Als die Hexe, die Verbrecherin für ihre Arbeit? Von Berufswegen und karrieremäßig schlecht und ungerecht behandelt worden? Konnte sie sich nur richtig in die Lage dieser Kinder versetzen mit ihrer und meiner Vergangenheit? Ich als ihre Verbrecherin? Ist Lenas Arbeit heute wichtiger? Sind Inhalte dramatischer oder wertvoller, wenn sie ihre eigene Kindheit in ein ebenfalls zwar vergangenes, aber sehr dramatisches Umfeld steckt? Etwas verstümmelt dargestellt? Ich muss dabei unwillkürlich zum Teufel gemacht werden. Muss sie mich deshalb von sich stoßen? Wie viel Kraft und Schmerzen hatte diese Vergangenheit denn schon gekostet? Und jetzt? Die Haare stehen mir zu Berge. „Lena, war es immer nur ich?“

„Warum, Lena, bist du nicht nach ein oder zwei Jahren zurückgekommen von der Pflegefamilie? Warst du selbst denn nie für etwas verantwortlich mit vierzehn? Mit fünfzehn oder sechszehn? Warum war die Zeit nie reif dafür geworden? Wir wären für die Hilfe der Pflegefamilie dankbar gewesen, doch bald nicht mehr darauf angewiesen. Du hättest sie später immer besuchen können. Aber bei mir wieder leben können. Du hättest unseren Kontakt selbst rar werden lassen, sagtest du selbst einmal.“ Stille im kalten Zimmer. Zeitlose, wortlose Stille.

„Lena, im Sommer nachdem deine Oma gestorben war, hörte ich nichts mehr von dir. Ich war nicht mehr in der Lage, eine Verbindung zu dir herzustellen. Meine Möglichkeiten waren erschöpft. So jedenfalls empfand ich das.“

„Einen zusätzlichen Kraftakt musste ich durch die schlecht funktionierende Ehe mit Johanns Vater überstehen. Ein halbes Jahr später, nach dem Tod deiner Oma, Ende Winter, zog ich mit Johann aus der gemeinsamen ehelichen Wohnung. Zunächst in ein Frauenhaus. Denn es eskalierte viel und jetzt war körperliche Gewalt im Spiel. Die Polizei holte uns aus der Wohnung, bevor ich und Johann im Frauenhaus lebten. Danach zog ich mit Johann zweimal um, suchte Beratungsstellen für Johann, denn Johanns Vater kämpfte mit allen Mitteln, um den Sohn zu sich holen zu können. Er schreckte auch dabei nicht vor Nötigung und Gewalt zurück oder versuchte mich durch seinen Rechtsberater für psychisch krank und erziehungsunfähig zu erklären. Johann hatte durch diesen Streit sehr zu leiden. Dich verlor ich in dieser Zeit ganz und gar aus den Augen. Ich litt darunter, doch es lag auch an deinem Verhalten, dass ich es nicht schaffte, eine Verbindung zu dir aufzunehmen. Der Mut ließ nach. Da gingst du mir das erste Mal verloren. Vergessen hatte ich dich nicht.“

„Ein Freund, dem ich viel erzählen konnte, war der Meinung: „Sie mag dich. Sie liebt dich. Sie hat Angst, sich bei dir zu melden, weil ihr einander so lange nichts voneinander hörtet. Du musst dich melden.“ Er drängelte so lange, bis ich den Mut bekam, dich aufzusuchen.“

„Ich erfuhr von der Pflegefamilie, dass du bei ihnen nicht mehr wohnst. Sie benahmen sich cool, nicht so, dass ich mir hätte unbedingt große Sorgen um dich machen brauchen. Aber irgendwie doch. Denn alles verrieten sie nicht. Oder nicht gleich: „Sie hat ihre Ausbildung als Erzieherin fertig absolviert. Hier wohnt sie nicht mehr. Der Kontakt zu ihr und uns ist weitgehend abgebrochen.“ – „Warum?“ – „Ach, sie kennen ihre Tochter doch. Wir wissen nicht, wo sie sich aufhält. Sie könnten es in Studentenheimen versuchen.“ Sie nannten mir dann ein Studentenheim und gaben mir die Telefonnummer. Dort rief ich an. Bekam nette junge Menschen ans Telefon. Nur dich noch nicht. Doch einige schienen dich zu kennen. Sie hinterließen dir eine Nachricht im Postkasten und du hast mich gleich zurück gerufen.“

„Du warst nett, du hörtest dich glücklich und aufgeschlossen an. Ich fühlte mich glücklich, sagenhaft glücklich, hoffnungsvoll und befreit.“

„Gerne hätte dich dann dieser engagierte Freund auch einmal gesehen und kennen gelernt, der mir half. Ebenfalls gerne hätte ich ihm diesen Wunsch erfüllt. Doch ich vertröstete ihn immer während deiner darauf folgenden Besuche, aus Egoismus. Ich wollte erst einmal mit dir alleine sein, dann sollten Johann und du genug Kontakt zu einander aufnehmen, wegen der Familienrückführung und so. Jetzt müssten Prioritäten gesetzt werden. Denn meine Wünsche sollten hundertprozentig abgesichert werden.“

„Wir trafen uns das erste Mal auf dem Burgplatz in Braunschweig wieder. Wir schauten uns lange ängstlich an. Du fragtest wie mir das vorkäme, dass du dich so verändert hättest, dass du so erwachsen geworden wärest. Doch so viel äußerlich verändert warst du gar nicht, fand ich. Später sagtest du, du seiest erschrocken gewesen, das erste Mal, als du mich wieder gesehen hast, hätte ich ganz traurige Augen gehabt.“

„Nach den ersten Begegnungen begann eine schöne Zeit. Wir schrieben und telefonierten viel. Schöne Karten hast du mir geschickt und hin und wieder hast du Johann und mich besucht. Zum Übernachten bist du oft nach Hornburg zu deiner Tante gefahren. Sie hatte wohl mehr Komfort, als ich dir in meiner kleinen Wohnung geben konnte.“

„Du hast sehr viel aus deiner Kindheit gefragt und sorgfältig und achtsam, gab ich dir die Antworten. Ich wollte ehrlich sein. Wollte alles richtig erklären. Solltest alles verstehen. Nichts mehr sollte zwischen uns liegen. Ich erinnerte mich gut an unsere Gespräche. Ich erinnere mich an fast alles. Ich bemerkte deinen Wunsch, wie wichtig es jetzt war, fragwürdige Erinnerungen aufzuklären. Langsam wurde es Zeit. Endlich, so war mir, hatten wir uns.“

„Danach gingen wir sehr offen, ehrlich und lieb miteinander um. Zwei Erwachsene, Mutter und Tochter, und eine schöne herzliche Verbindung. Das Schönste, was passieren konnte. Die vielen Briefe und lieb gemeinten Karten verwahrte ich.“

„Du sagtest mir, Johanns Vater hatte keine Chance, wieder mit dir klar zu kommen, nachdem er sich so gemeinen, unfairen Spruch losgelassen hatte und sich dir gegenüber schlecht verhalten hatte. Du hast seine Entschuldigung nicht mehr gebraucht. Es wäre also nicht nur immer er gewesen. Auch erzähltest du mir, deine Pflegefamilie hätte nicht so viel Schuld daran getragen, dass die Zusammenarbeit und der Kontakt zu dir nicht so wie gewünscht geklappte. Dies hast du selbst blockiert. Begründungen hatten da Zeit. Du gestandest mir zu, dass ich es wohl doch sehr schwer gehabt hatte.“

„Du hast zugegeben, dass ich sehr viel für dich tat. Doch was ich nie machen konnte, war, ich konnte dir keine Sicherheit geben, sagtest du. Da wusste ich, das stimmt. Das war wohl der Top-Punkt. Zum ersten Mal offen und ehrlich gesagt. Und von mir ehrlich zugegeben. Es war das Geheimnis, was ich immer verbergen wollte.“

„Als ich dir erzählte, dass ich längere Zeit arbeitslos war und alle Bewerbungen kamen zurück. Ich mir dann überlegte, stattdessen einfach noch einmal zu studieren, sagtest du, Lena: ‚Eleonore, du solltest wirklich anfangen zu studieren. Du bist die einzige Frau in deinem Alter, bei der ich mir das vorstellen kann’. Warum Lena? Wir gingen sehr offen miteinander um. Wie Freundinnen?“

„Du erzähltest auch, wie du dich als Kind gefühlt hattest. Wie viel Angst du mit dir getragen hattest. Wie viel Sorge um Äußerlichkeiten du hattest und die Sorge, deine Wünsche nicht erreichen zu können. Du wolltest lange Zeit nicht verstehen, dass deine Eltern sich getrennt hatten. Immer glaubtest du noch, sie würden wieder zusammen kommen. Auch als dies durch die Heirat eines anderen Partners schon lange nicht mehr möglich war.“

„Letztendlich, seies du doch glücklich darüber, deine Eltern zu haben, so wie sie sind. Sie haben dir den Namen Lena gegeben, den du sehr schön fändest. Du fändest deine Länge schön. Wolltest gar nicht mehr kürzer sein. Auch dein äußerliches Outfit kann sich durchaus sehen lassen. Du hättest sehr viel von mir geerbt. Du wärest ein Gefühlsmensch und sehr sensibel. Du wärest stolz auf alles, was du mit dir trägst. Deine ehemaligen Pflegeeltern könnten da ruhig sagen, jetzt seiest du geworden wie deine Mutter. Da würdest du drüber lachen. Nichts würde mehr stören.“

Den  letzten Satz hörte ich mit einem Fragezeichen. Sagte aber nichts. Ich ließ dich viel erzählen. Hörte zu. War erstaunt. Denn ich hatte nicht nur eine sehr schöne junge Frau gegenüber sitzen, sondern eine kluge sinnliche und lebendige Persönlichkeit. Ich sah das vor mir sitzen, was man spannende Zukunft, freie Wege, Mut und Leben genießen nennen konnte? Du machtest mich damit glücklich.“

„Du schwärmtest von Freundinnen und Freunden, deinen Studienkollegen und von Partys. Du zähltest alle Namen auf, und dass du einen Partner verlassen musstest, weil du das Gefühl hattest, mit ihm zusammen nicht mehr weiter wachsen zu können. Hast mir beschrieben wie viel Freude dir dein Studium macht. Wie es immer noch interessanter würde, desto mehr du lerntest. Dass du dankbar wärest, es so weit geschafft zu haben.“

„Dein Vater wollte dich in einen Blumenladen stecken, damit du Geld verdienst. Er dächte immer so praktisch und könnte dich nicht verstehen. Dein Pflegevater wollte das Studium nicht mehr unterstützen und setzte sich dafür beim Jugendamt nicht mehr ein. Er zweifelte deine Lernbereitschaft und dein persönliches Wesen an, falls ich alles richtig verstanden hatte. Dann bist du ohne finanzielle Mittel ausgezogen. Freunde, die selbst sehr wenig hatten, halfen dir aus deiner schwierigen Lage. Du hast beschrieben wie schlecht es dir ging. Endlich hättest du es geschafft, auf deinen Füßen zu stehen, nur müsstest du mit sehr wenig BAFÖG klar kommen.“

„Das Amt hätte dir auch immer sehr viele Schwierigkeiten bereitet und monatelang kein Geld überwiesen. ‚Lena, ich kann dir bald helfen. Ich habe noch Rücklagen. Die Auszahlung kommt im Sommer. Eine höhere Summe. Ein Drittel schenke ich dir, ein Drittel bekommt Johann auf ein Sparbuch, das andere Drittel behalte ich’, sagte ich dir dann. Solange Geld da war, half ich dir. Auch als du günstig mit einem Kumpel nach Indien fliegen wolltest. Du konntest mit meiner Hilfe eine Wohnung schön einrichten und warst glücklich darüber. Du schafftest dir einen Computer an und eine E-Mail-Adresse. Ich auch. Von jetzt an schrieben wir auch elektronisch.“

„Ich sagte noch, ich erinnere mich: ‚So wie du von deinem Studium erzählst, mit diesen ausführlichen Inhalten, wird es sicher so sein, dass du nach deinem Studium als Pädagogin bald Psychologie studieren wirst. Das höre ich so heraus.’ Du hattest das als ein Kompliment aufgefasst und freutest dich darüber.“

„Du wolltest ein Buch über deine Oma schreiben, weißt du noch? Du wolltest alle ihre Kinder und Enkelkinder interviewen. Johanns Jugendberater sagte noch: ‚Wenn Lena das machen will, wäre es noch eine gute Möglichkeit, die ehemaligen Nachbarn aus meiner Kinderzeit die heute teilweise inzwischen seine Nachbarn sind, zu interviewen. Er wohnt mit seiner Familie inzwischen dort, wo ich als Kind einst wohnte. Er meinte, für die älteren Menschen, die heute dort wohnen, wo das Haus meiner steht, wissen viele noch alte Geschichten über die Ortschaft, über die Häuser und die Familien, die früher dort beheimatet waren. Sie würden erstaunlicher Weise alles so erzählen, als wäre gerade gestern gewesen. Als wäre unsere Familie erst gestern dort weg. Als wäre ich gestern noch ein Kind gewesen.’ Du hast die Idee und meinen Bericht spannend gefunden. Dann bist du mit einem Diktiergerät gekommen, um Dokumentarberichte festzuhalten. Es war gut für mich und für dich, meine und deine Kindheit noch einmal unter die Lupe zu nehmen.“

„Ich berichtete dir von meiner Ursprungfamilie, in der die Eltern eine gewisse Geltungsbedürftigkeit hatten. Dadurch oft nicht in der Lage waren, den Kindern, diejenigen, die noch hätten lange Unterstützung gebrauchen können, gerecht zu werden. Sie schmückten sich mit Menschen und Familien, die gesellschaftlich schon eine Präsentierrolle einnahmen. Wir waren Geschwister, drei Mädchen und ich altersgemäß stand in der Mitte, zwischen den beiden anderen. Ich erzählte dir, mit welchen Schwierigkeiten ich oft zwischen der größeren und der kleineren Schwester stand. Das Gefühl hatte, erdrückt oder nicht beachtet zu werden. Und im erwachsenen Alter schien alles oft nicht vernünftiger abzulaufen. Ich gewann bei ihnen keine Bedeutung.“

„Ich erzählte dir von der Enttäuschung, die ich sehr oft durch meine Mutter erlitten hatte. Du meintest darauf hin: ‚Eleonore, stelle dir mal deine Mutter vor. Sei mal deine Mutter. Lasse mal alles in dir vorgehen, was in ihr vorging.’ Ich sagte dir: ‚Das kann ich nicht, Lena.’ Du hattest darauf bestanden. Ich machte es mit.“

„Ich erinnerte mich, wie wir auf Drehstühlen saßen. Gemütlich die Beine und Füße hoch mit auf den Stuhl genommen und miteinander sprachen. Dann tat ich, als wäre ich meine Mutter. Ich schloss vorher die Augen. Versuchte mir vorzustellen, meine Mutter zu sein. War schwer. Du fragest dabei: ‚Wer war sie mit acht? Wer war sie mit vierzehn?’ Ich erzählte von dem, was ich vorher schon gehört hatte und kannte. Dann stellte ich mir Situationen und Bilder vor und koordinierte damit herum. Es entwickelte sich in mir plötzlich ein Moment, indem ich mir Situationen vorstellen konnte, die ich nie hörte, aber total realistisch und wahr fand. Es war einfach logisch, auch nicht Erzähltes gehörte zum Leben.“

„Meine Mutter saß als kleines Mädchen mit ihren Eltern, meinem Großeltern, vor dem geöffneten Schlafzimmerfenster ihrer Dreizimmermietwohnung im dritten Stockwerk. Alle drei schauten aus dem Fenster nach dem Treiben auf der Straße. Sie grüßten ihre Nachbarn. Kissen lagen auf dem Fenstersims aus. Auf denen stützen sie ihre Ellenbogen ab. Doch es lag etwas in der Luft. Die Eltern meiner Mutter waren sehr besorgt. Was war das für eine Zeit?“

„Ich war jetzt meine eigene Mutter und spürte diese stillschweigende Besorgnis. Der Grund war, die Eltern meiner Mutter wussten nicht, wann ihre Söhne wieder aus dem Krieg zurückkehrten, ob sie heute kämen oder morgen. Ob sie irgendwann kämen oder überhaupt nicht mehr. Sie warteten endlos lange auf ihre Söhne. Die Ungewissheit, wann und ob, lebend oder tot? Was bedeutet das Wort ‚niemals‘? Das alles zerfraß sie langsam innerlich. Trotzdem, die Antwort kam nicht. So schauten sie weiter aus dem Fenster mit ihrer allerjüngsten Tochter. Die allerjüngste Tochter schaute mit aus dem Fenster. Spürte den Kummer ihrer Eltern. Wollte sich nicht mehr endlos hohl fressen lassen. Fühlte sich verletzt von ihren Eltern, die sie beachtungslos aufgaben aus Kummer und Sorge wegen der Söhne. Sie fing an zu schreien. Um ihr Leben zu kämpfen. Um ihr Leben und das Leben ihrer Eltern: ‚Immer schaut ihr und wartet. Das halte ich nicht mehr aus. Ihr habt doch mich. Bedeute ich Euch gar nichts? Mich wollt ihr gar nicht mehr!“ Ich stellte mir meine Mutter als weinendes Mädchen vor. Sie muss geweint haben. Ich weinte jetzt mit ihr. Mein Körper bebte. ‚Eleonore, wenn dir deine Mutter jetzt zugehört hätte, sie hätte vor Glück geweint’, sagtest du mir, Lena.“

Mit diesen Erinnerungen fange ich plötzlich wieder an zu weinen. Ich weine mit einer Vorstellung weiter. Die Vorstellung, dass meine Mutter wieder anfing zu weinen, als sie ihren ältesten Bruder endlich wieder sah, den jüngeren aber nie mehr. Sie wussten nicht, wo er geblieben ist. Die Härte des älteren Bruders, so stellte ich mir vor, hatte dann eventuell sogar gesagt: ‚Weine nicht‚ Piepmaus! Sofort still sein’. Vom älteren Bruder soll meine Mutter früher immer Piepmaus genannt worden sein. Das erzählte sie sehr stolz in der Familie, in der wir Kinder waren. Der ältere Bruder hatte sie vielleicht damit aufgezogen und später freundschaftlich mit ihr gerangelt. Er wird wohl derjenige gewesen sein, der ihr auch das Weinen verboten hatte. Sie durfte keine Gefühle zeigen. Das war dann schon teilweise die Erklärung, warum sie sich manchmal so verhielt wie sie war und nicht anders.

Ich hatte mich inzwischen vom Computer entfernt. Sitze aber immer noch in der Gruft im dunkelsten Zimmer mit einer Kerze und halte Erinnerungen von Lena und den Strohblumenordner fest in der Hand.

„Unsere Zeit war schön, Lena. ‚Wir sind Frauen, die Großmutter, du, die Mutter und ich, die Tochter’, sagtest du mir damals ‚Wir haben alle sehr viel gemeinsam. Und wir haben sehr viele Unterschiede.’ Auch sagtest du noch: ‚Deine jüngere Schwester liebt dich doch. Du wärest einmal bei ihr gewesen. Du erzähltest, was du erlebtest und welchem Erlebnis du deine Vermutung entnommen hattest. Was hatte sich zugetragen?“

„Deine Tante sollte wohl etwas viel Wein getrunken haben. Sie fing danach ganz bitterlich zu weinen an. Für dich dei es kaum zu ertragen gewesen, sie so zu sehen. Sie weinte: ‚Es war ja früher alles so ungerecht, damals. Wir machten alles, was wir wollten, und Eleonore hatte darunter zu leiden.’ Und sie weinte und schluchzte weiter. Ich sagte dir, dass ich diese Sätze selbst nie von ihr gehört hatte. Doch am nächsten Tag rief ich meine Schwester vom Büro aus an. Ich erzählte, was du berichtetest, und fragte dann, ob sie sich mit mir darüber unterhalten mag. Aber meine Schwester wusste von nichts. Sie war eher etwas verständnislos meinen Berichten gegenüber. Da sagte ich ihr nur noch, wenn ihr wieder einmal so eine Traurigkeit hochkommt, solle sie bitte direkt mit mir darüber reden. Nicht mit Lena. Nicht Lena in solche Sachen ziehen. Lena geht das genauso wenig an wie deine eigenen Söhne‘.“

„Befremdend, doch vorsichtig zurückhaltend, konnte sie auf meine Erzählungen und Wünsche keine handfeste Antwort geben. Deine Tante schien aber noch zu wissen, wovon ich spreche. Genau das ist es immer gewesen, was ich nicht wollte. Ihre eigenen Kinder halten diese Geschwister aus solchen Gegebenheiten raus. Ihnen wird ein Recht auf Familiengeborgenheit oder Kindesschutz gegeben. Meiner Tochter nicht. Ich war nicht vor Ort. Sie nahmen keine Rücksicht. Sie behandelten dich nicht so wie ihre eigenen Kinder. Das war nicht damit zu rechtfertigen, dass du die Ältere warst. Du warst einfach nicht ihr Kind.“

„Später erfuhr ich, dass meine Schwester, deine Tante, von dir hörte, dass wir über die Vergangenheit unserer Familie sprachen, die wir in dieser Zeit doch so ethisch und moralisch verarbeiten konnten. Auch mit allen Fehlern und Schwächen der Beteiligten verstanden wir es, so achtsam damit umzugehen. Wir taten etwas zusammen, was du fordertest und mir so viel bedeutete. Leider hörte meine Schwester, deine Tante von unseren Gesprächen.“

„Meine Schwester erboste sich darüber, als sie von dir hörte, was ich gesagt haben solle. Welches Gesagte, weiß ich nicht. Sie sollte das von mir preisgegebene annulliert haben und mich außerdem für verrückt gehalten haben. So Lena, hörte ich einige Jahre später.“

„Ich schrieb dir noch alles, was ich über meine Großeltern, die Eltern deiner Oma wusste, und etwas von ihren Brüdern. Weil du daran interessiert warst. Das hast alles dankend angenommen und die Mühe erkannt, die ich mir machte.“

„Ein bisschen hast du auch gemerkt, dass es deinem Bruder nicht immer so gut ging. Es bedrückte dich ein wenig. Johann hat mit zwölf das erste Mal gekifft, als ich ihn in die Ferien in ein Jugendzeltlager brachte. So schien ihm danach die Welt zu gefallen. Ohne Kiffen nicht mehr. Sein Vater hat sich immer noch nicht damit abgefunden, dass er sein zu Hause bei mir hatte, und war dagegen tätig. Ich holte dich am Ende der Urlaubszeit vom Bahnhof ab. Dann Johann aus einem Reisebus. Wir aßen Pizza in einem Restaurant und erlebten Johann merkwürdig.“

„Wir feierten noch einmal Weihnachten zusammen, du, Johann und ich. Enttäuscht warst du, weil du dir viel mehr Vorbereitungen vorgestellt hattest. Wir hatten da unterschiedliche Vorstellungen. Es war für mich alles gut vorbereitet. Es gab schön zu essen und Kerzen waren jede Menge da. Vielleicht nicht ganz so pompös. Nicht das aller größte Fest in unserer kleinen Wohnung. Um Zwölf Uhr gab es eine Überraschung. Der Weihnachtsmann kam. Ich glaube er verspätete sich noch um ein paar Minuten. Verspätet war er eh, denn ihr wart ja schon etwas aus dem Alter heraus. Aber das wusste der Weihnachtsmann bevor ich ihn bestellte. Er versuchte seinen verspäteten Besuch einigermaßen altersgerecht zu gestalten. Er war sehr beeindruckt von dir. Es war ein Kumpel von mir, der gar nicht viel älter war als du. Später schwärmte er von dir. Johann erkannte ihn sofort. Er wollte ihn ärgern. Zum Ende hin hast du mir gestanden, es war doch ein schönes Weihnachtsfest. Darüber freute ich mich natürlich.“

„Im folgenden Jahr musste ich zu dir den Kontakt weitgehend abbrechen. Nicht gewollt. Aber es war besser. Du solltest nicht alles mitbekommen, womit Johann und ich konfrontiert wurden. Du solltest nicht wissen, was passierte: Johann kam nach einem Wochenendbesuch vom Vater entgegen allen Abmachungen nicht mehr zurück. Das Jugendamt schaltete sich ein. Doch alles wurde nicht besser dadurch. Wir gerieten immer mehr in die Schleusen von Ämtern und Gericht. Johann in die Psychiatrie. Keine konnte das nachvollziehen. Auch, dass er ein ganzes Jahr nicht herauskam und keiner der Eltern das Sorgerecht bekam. Dann war er im Kinderheim. Endlich bekam ich das Sorgerecht nach fast zwei Jahren. Was weiter passierte ...“

„Wir drei, Johann, sein Vater und ich, seine Mutter wurden zu Spielbällen sämtlicher staatlicher Organisationen. Ärzte einer Psychiatrie haben sehr viel Macht, Lena. Es dauerte lange bis ich Johann aus all den Schleusen wieder heraus bekam. In dieser Zeit mailte ich dir oder rief dich nur noch an, wenn es einen Moment der Aufheiterung und der Hoffnung gab. Denn ich wollte keine zwei Kinder mit gebrochenem Rückgrat.“

„Du studiertest in dieser Zeit sehr fleißig. Manchmal dachte ich, absichtlich, um gar nicht mit zu bekommen, was bei uns los ist. Merkwürdiger Weise hast du mich dann auch nur zufällig angerufen, als der Moment einer kleinen Entspannung sich zeigten.“ - „Zufälligerweise?“ - „Komisch?“ - Wie eine Hellseherin.

„Einmal war das nicht so, ich erzählte ein wenig über Johann. Etwas darüber, was hinter uns lag. Du weintest. Hattest aber verstanden, dass alles nicht in meinen Händen lag.“

„Als ich endlich das Sorgerecht für Johann hatte und er damit geschickt aus den Schlingen geholt werden konnte, wurde er gewaltsam von seinem Vater verschleppt. Ich konnte keine Polizei einschalten, weil ich nicht wusste, was passiert und was Johann noch verkraftet. Ich musste ihn lassen wo er war. Ich wusste auch, dass jetzt alles vom Vater und seiner Familie unternommen wird, Johann von mir zu trennen. Denn das war die Politik seines Vaters und seiner Großeltern von Anfang an. Alle Eingeweihten wie Ärzte und Amtsleute wussten das und lenkten nichts wie anfangs versprochen. Sie erzeugten mit ihren Handeln ein grausamen Dasein für uns, zwei Jahre, unvorstellbar für die, die das nie erlebten.“

„Als   das vorbei war. Doch Johann vom Vater entführt wurde. Ich nicht wusste, wo ich hinlaufen sollte, bekam ich von dir einen Anruf, Lena. Ganz plötzlich! Was sagte dir, mich jetzt anzurufen. Du wolltest mich besuchen, sagtest du, Du sagtest: ‚Eleonore, ich glaube, jetzt brauchst du mich.“ Ja, stimmte. Aber woher wusstest du das?“

Ich stehe auf. Gehe aus meiner dunklen Ecke. Lege die Erinnerungen an Lena wieder mit Ordner beiseite und puste die Kerze aus. Es ist Nacht, zweiundzwanzig Uhr dreiunddreißig. Ich gehe ein wenig durch die Straßen. Ein Hund kommt mir entgegen. Vom Hundehalter wird er zurück gehalten: ‚Komm, Josef, komm hierher. Das ist doch nur ein Mädchen’, so sagte er im Laternenschein, während ich meine ganze lange Vergangenheit, mein ganzes immer schwereres, unverständliches Leben komplett hinter mir herzog. Wie gerne schaue ich Mädchen zu, wenn sie lachen und erzählen, leicht, locker und zuversichtlich in die Zukunft sehen dürfen können.

Ich gehe weiter. Mein Ziel ist wieder diese schwarz verbrannte Wiese. Ich horche. Im Windgeflüster hält sich das Gericht der Herzen noch auf. Es wartet auf mich. Es wartet darauf, dass ich weiter erzählte. Doch ich lege eine Pause ein. Ich gehe über den gefällten Wald. Vom zerlegten Vogel ist keine Spur mehr zu sehen. Ich gehe über stillgelegte Bahnschienen und schaue die Böschung herunter. Ein halb vergrabenes Haus steht da unter der Erde. Vielleicht ein ehemaliges etwas größeres Stationshäuschen. Es gehörte einmal der Bundesbahn. Es hat einen langen Schornstein. Ich gehe weiter. Dann klettere ich von den verrosteten Gleisen aus eine Böschung herunter. Ich rutsche ein wenig. Vor mir ist ein umzäunter Friedhof. Ich kann die Grabsteine gut erkennen. Ich setzte mich auf einen gefallenen Baum und ruhe mich aus. Ich höre Geräusche auf dem vor mir liegenden Friedhofsweg. Schritte kommen mir entgegen.

Es müssen alte kompakte, schwere Stiefel sein, die mir da immer näher kommen. Ungeübt der schwerfällige Läufer, so nehme ich wahr. Irgendetwas fällt und rieselt immer wieder herunter auf den Weg. Bei jedem Schritt. Ein schwerfälliger alter Läufer? Er ist mir jetzt ganz nah. Ich hörte es. Er bleibt stehen. Er steht vor mir. Alles ist still. Er schaut mich an. Ich spüre es. Betrachtet mich und scheint mich sehen zu können. Nur ich sehe ihn nicht. Er bewegt sich wieder ganz schwerfällig. Eine Drehung nach rechts. Dann gehen die Schritte weiter rechts um eine Ecke herum. Die Schritte werden leiser, entfernen sich langsam von mir, gleichermaßen ungeübt und schwerfällig. Klamme verfaulte Erde ließ er zurück und tiefe Spuren in der feuchten Erde.

Ich entferne mich ebenfalls. Ich möchte hier nicht bleiben, trotz der körperlichen Starre, die mich plötzlich überkam. Ich klettere die Böschung wieder hoch, um den  Weg zurück zu finden. Ich eile.

„Lena, ich wollte dich heraushalten. Immer und immer. Ich sagte nichts. Du sagtest nichts. Unsere verzwickte Lage verriet dir aber, du stecktest jetzt drin. Und wenn es nur ganz still im Geist gewesen war und niemals ausgesprochen wurde. Es steht in der Luft vor unseren Augen, vor unseren Nasen.“
(© Ilona Meschke 2006)

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