9
der verstaubte Strohblumenordner

Wir lesen noch in dem Buch, Johann und ich bis die Müdigkeit uns überrollt. Wir verabschieden uns. Ich darf Johann umarmen und drücken. Und er mich. Ich schlafe danach gut ein. Ich liebe ihn. Ich habe seine Nähe genossen, die letzten Stunden im Weihnachtsschein.

Gegen neun Uhr erst bin ich den darauf folgenden Tag aufgewacht. Ich gehe zum Arzt und lasse mich krankschreiben bis ins neue Jahr hinein. So kann ich weiter zur schwarz verbrannten Meditationswiese gehen, meditieren oder mir Gedanken darüber machen, was jetzt werden soll.

Die Weihnachtsscheintage sind ja nun vorbei und der Himmel klart sich etwas auf. Nicht so viel. Trotz allem ziehe ich mich zurück in eine dunkle Ecke, hole wieder eine Kerze und den Ordner mit den Strohblumen und blättere da drinnen herum.

„Ich bin mit meinem Bericht ja stehen dort geblieben, wo du zu der Pflegefamilie gekommen bist, Lena. Es handelte sich also um ein kinderloses Ehepaar, er Psychologe, sie Sozialarbeiterin, früher beim Jugendamt beschäftigt gewesen. Sie hatten ein großes Haus, einen großen Garten und ca. sechs Pflegekinder insgesamt. Alle sollten schwierige Mädchen gewesen sein.“

„Ich ließ dich dort mit deinen gepackten Sachen. Ich sah mir noch dein Zimmer an. Neben dem Grundstück war das Grundstück mit den Pferden, wo du dann später reiten konntest. Das wurde dir versprochen. Aber erst sollte alles in der Schule einigermaßen klappten. Du durftest die Realschule noch einmal probieren, weil du sozusagen ja nun angesehene Eltern hattest. Ich verabschiedete mich.“

„Du wohntest jetzt nicht weit von uns entfernt. Ich hatte ein merkwürdiges, eigenartiges Trauergefühl. Mir fehlte immer etwas in mir selbst, etwas Herausgeschnittenes im Magen. Das erinnerte mich ständig an dich. Das veranlasste mich ständig traurig zu sein, nicht lachen zu dürfen. Sonst verrückt das Lachen in Weinen. Mir wurde ganz klar, ich hatte dich weggegeben. Es war, als hätte ich dir etwas angetan. Aber ich hatte keine bessere Möglichkeit. Vielleicht bist du in ein oder zwei Jahren wieder zu Hause. Und dann ist alles ganz anders. Eine Zusammenarbeit, eine Zurückführung zur Mutter versprach die Pflegefamilie. Und Hilfe brauchten wir.“

„Der zweite Gedanke war, jetzt kann ich tun, was die anderen auch nur taten. Ich kümmere mich nicht mehr um Lenas Schule, trage keine Verantwortung mehr, und wir vergnügen uns nur noch. Ich komme bald bestens mit dir aus. Bald bekomme ich dich ganz vernünftig wieder zurück. Wir werden der Pflegefamilie immer dankbar sein. Du wirst sie später immer nur noch besuchen, wie die, die auch mal bei ihnen gewesen sind. Zusammen besuchen wir sie später.“

„Ich rief sehr oft an und erkundigte mich nach dir. Ich durfte auch jederzeit kommen. Anfangs tat ich das auch. Mit deiner Pflegemutter tauschte ich Gartengedanken aus, sah mir an, was dort alles wuchs. Sie zeigte mir euren Tagesablauf und das Bügeleisen, was du vorher in der Hand gehabt hattest, um zu Bügeln. Den Haushalt teiltet ihr unter euch auf. Als ich kam, warst du immer sehr beschäftigt, wolltest nicht so viel von mir wissen. Ich kam mir sehr verloren vor, überflüssig, fast albern. Ich kam nicht mehr so oft. Vorher sagte ich noch, du möchtest dich melden, wenn du Zeit für uns hast.“

„In der Straßenbahn in Braunschweig fragtest du mich, ob wir das mit der Pflegefamilie wieder rückgängig machen könnten. Wir würden schon wieder mit einander klar kommen, meintest du. Du würdest dich jetzt um die Schule besser kümmern, den Haushalt könnten wir zusammen machen. Die Reitschule in Querum gibt es auch noch. ‚Lasse mich wieder zu dir, Mama, das klappt schon’, hörte ich dich noch sagen. Aber ich glaubte das nicht. Ich hatte keine Schule mehr für dich und keine Kraft eine Schule, irgendeine Hauptschule zu suchen. Ja, keine Kraft mehr und Angst vor Schulen hatte ich. Du hättest das ein oder zwei Wochen gemacht, stellte ich mir vor. Dann wäre der alte Trott gekommen. Wir hätten wieder im Chaos gestanden. Ich sagte dir: ‚Nein Lena, jetzt geht das noch nicht.’ Fast hätte ich wieder ein Problem bekommen, weil ich dir so absagte. Aber es wäre wirklich nicht klug gewesen, nicht so schnell. Ich stand ganz alleine da. Vor mir hatten alle ihre Schwerter gegen mich gezogen, deine Freundinnen, Johanns Verwandte, Karios Familie, meine Verwandten. Und die Nachbarn redeten darüber. Sie erzählten es den Kunden vom Edeka-Laden an der Ecke.“

„Was ich durchmachte, wie ich mich fühle schien nur noch die Pflegefamilie zu verstehen. Ich brauchte wieder Menschen, die mich verstanden und erzählen ließen. ‚Warum wollte ich dasselbe Ziel wie Sie und alles klappte bei mir nicht?’ fragte ich deine Pflegemutter. Die Pflegemutter antwortete: ‚Ich denke wir sind da konsequenter. Wir bekommen auch nicht so viel Ärger mit der Freundin und auch Eltern. Sie haben sich einfach nach uns zu richten. Und damit ist gut’. Ja, das klappte bei mir nicht.“

„Noch bevor du Vierzehn warst und nur kurze Zeit in deiner Pflegefamilie, erhielt ich einen Brief von dir. Ich lese ihn gerade, vier Seiten handgeschrieben, ich bin fertig und bekomme wieder wie damals das Gefühl, mich aufhängen zu müssen.“

„Du schreibst, dass alle deine Freundinnen mich hassen und Angst vor mir haben. Ja auch deren Eltern. Eltern deiner Freundinnen wollten mit mir reden. Es hätte alles keinen Sinn, weil ich sie ignorierte. Sicher haben mich viele gar nicht gesehen und gekannt. Dass ich nie etwas von deinen Pferden wissen wollte, du nie ins Kino durftest oder Discos besuchen. Ich beantwortete dir diesen Brief erst ein ganzes Jahr später mit einer Fotokopie deines Briefes. War sicherlich gut, denn sogleich hättest du die Antwort gar nicht akzeptiert oder gelesen. Hattest gar keinen Kopf dafür. Erst ein Jahr später bekamst du die Antwort, um über den Brief von vor einem Jahr nachzudenken.“

„In diesem Brief erinnerte ich mich, dass du um deinen Garfield weintest, den eine Mutter deiner Freundin angeblich weggeschmissen hätte. Jedenfalls sollte das damals geborgte Tier nicht zurück gegeben werden. Bis ich mich dann an die Mutter wandte und darüber aufgeklärt werden wollte. Ich brachte dir danach deinen Garfield zurück. Das Mädchen mochte mich darauf hin tatsächlich nicht mehr besonders. Sicherlich hörte sie meine Meinung, na und.“

„Erst acht Monate nach diesem Brief hast du mir wieder einen Brief geschrieben. Diesmal war er sehr lieb gemeint. Du erzähltest wie dir so war in der Jugendaufnahmestelle und wie das für dich gewesen ist, als du dann so schlechte Noten bekommen hast und von der Schule solltest. Du hattest mir beschrieben wie das so mit dem schlechten Gewissen ist, wie du nachfühlen konntest wie schwer alles für mich war. Zugestanden hattest du, dass vielleicht doch alles gar nicht so gut gewesen sei, mit dem Jugendamt, der Jugendhilfestelle und den ewigen Streit, den du auch absichtlich erzeugt hättest, weil dir manchmal so danach ist. Du wüsstest ganz gut, dass das alles immer um deine Zukunft ginge. Dieser Brief machte mich glücklich. Hat mich meine Tochter manchmal doch lieb?“

„Es waren noch einige andere, die mich glücklich machten und Karten. Doch meistens schrieben wir, wenn Auseinandersetzungen da waren. Oft ging es darum, dass ich mich vernachlässigt fühlte. Du besuchtest mich einfach sehr selten, so dass ich dir aus Frust einmal absagte.“

„Wir mussten auch mal über verschiedene Themen diskutieren oder Umgangsweisen, als wir deine Tante besuchten zum Beispiel. Ich habe sehr viele Briefe in diesem Ordner, nicht nur deine oder meine, auch von den Verwandten. Aber die von den Verwandten kannst du echt vergessen. Gesprächs- und konfliktfähig waren nur du und ich, wie ich es zumindest diesen Briefen entnehmen kann. Ich schrieb immer klare sachliche Briefe, machte mir Gedanken, wie ich sie formuliere, um nicht zu hart zu werden, um die Gelegenheit eines Gespräches nicht zu versauen, weniger erfolgreich.“

Gericht der Herzen, wer will diese Briefe lesen?
Gericht der Herzen, was war falsch an diesen Briefen?

„Du wurdest fünfzehn, sechzehn und siebzehn Jahre. Doch ich konnte dich nicht zu mir zurückholen. Du hast andere viel mehr besucht als mich und Johann. Warst du in Braunschweig, warst du mehr bei deinen Freundinnen als bei mir. Du fragtest nicht einmal irgendetwas aus der Vergangenheit oder erzähltest von deinen Vorstellungen und Plänen. Ich war ständig enttäuscht, dich nicht so oft zu sehen wie ich plante. Ich lud dich ein, wünschte mir ein schönes Beisammensein. Du bist gekommen und gingst zumindest sehr oft zu einer Freundin.“

„Natürlich warst du öfter bei uns. Gefreut habe ich mich, dass du Johann gerne mitgenommen hast, wenn du irgendwelche Freundinnen besuchtest. Du achtetest sehr darauf, dass Johanns Kleidung sauber und gebügelt war. Er kannte das durchaus lockerer, aber benahm sich ziemlich kleinlaut und ließ sich alles von dir gefallen, was dir einfiel. Er schien froh zu sein, dich zu haben. Wie eine Puppe ist er mit seiner sauber gebügelten Kleidung hinter dir hergefahren.“

„Als du mit deiner Pflegefamilie umgezogen bist nach Leer, wolltest du dich nicht von mir verabschieden. Der Kuchen stand umsonst auf dem Tisch. Ich hörte, du konntest nicht kommen, da du dich erst einmal richtig von deinem Pferd verabschieden musstest. Vielleicht eine Provokation von dir. Vielleicht schon eine totale Abneigung zu mir. Vielleicht machte ich einen Fehler. Ich hätte schnell nach Lehrte fahren sollen, mich locker von dir verabschieden, anstatt enttäuscht und empört zu Hause zu bleiben.“

„Auch in Leer konnte ich mich nur noch telefonisch erkundigen, wie es dir geht, was du machst und wie alles in der Schule läuft. Ich bekam immer korrekte Auskünfte. Doch ich fühlte mich etwas allein gelassen. Die Zusammenarbeit und Zurückführung zur Mutter hatte ich mir intensiver vorgestellt. Die Pflegefamilie hatte da keine Aktivitäten, nie gehabt. Aber mit der anderen Entfernung blieben kleinere Bemühungen ganz weg.“

„Anstatt zu resignieren, hätte ich hinfahren sollen, ganz spontan, mich vor dich stellen und sagen: ‚Hallo, da bin ich, deine Mutter.’ Zeitweise kam ich drauf. Dann wusste ich nicht, was mich von deiner Seite erwartet. Sollte ich Johann mitnehmen? Aber am meisten hielt mich diese innere Angst zurück, meine Panik- und Angstzustände als Fahrerin auf der Autobahn während einer selten gefahrenen langen Strecke könnten wieder bekommen. Desto mehr die eigene Welt ins Ungleichgewicht fällt, desto schneller könnten solche Angstattacken kommen. Im Auto auf der Autobahn wird es dann gefährlich. Ich sprach nie darüber. Ich erzählte ja davon nur in diesem Buch davon. Vielleicht fehlt manchmal auch der Schups einer anderen Person.“

Lenas Pflegefamilie ist also umgezogen. Hoch in den Norden nach Leer und nahm alle ihre Schützlinge mit, die die noch geblieben waren. Viele waren es nicht mehr dabei. Doch Lena reiste mit ihnen. Es hatte nicht geklappt, sie vorher zurück zu holen. ‚Es lag an mir’, gab Lena später zu ‚Die Pflegefamilie hatte da schon korrekt vermittelt’. Trotzdem fehlte mir die Hilfe einer wirklichen Zusammenführung von Mutter und Tochter in der Pflegefamilie. Ich konnte keine Bemühungen ihrerseits spüren oder durch Worte wahrnehmen. Doch sie schienen sich korrekt zu verhalten, indem sie Lena tatsächlich die Wahl ließen.

Lenas Gegenwart verlor sich in der Luft. Lena war nicht mehr zu greifen, nicht mehr anzufassen. Nur die Erinnerung blieb. Sie brauchte mich nicht mehr. Sie ignorierte mich. Sie verabschiedete sich von ihren Pferden und konnte deswegen nicht zu mir, um sich zu verabschieden. Dann fuhren sie alle, ohne ein Wort von Lena. Doch ich hörte noch, besonders ihr Pflegepferd bräuchte sie jetzt. Und alle Pferde werden Lena eh vermissen. Das berichtete sie mir am Telefon. Alles ohne Gefühl und immer noch mit ein wenig in ihrer provozierenden Art.

Immer mehr und immer öfter stellte ich mir eine Tochter vor, die ihre Mutter hasst und verachtet. Doch eine Mutter, die sich sehr um sie bemüht hatte, damit für sie später alles stimmt, das hätte ihr doch irgendwann einmal auffallen können. Sie will wohl auch ihren Bruder gar nicht wieder sehen. Welche Strafe wofür?

Waren meine Eltern Egozentriker? - Mein Vater? Geltungsbedürftig war er schon. Für den Geschmack der Allgemeinheit wohl auch politisch ein wenig zu rechts. Während wir, meine Kinder und ich, an seiner Geburtstagsfeier teilnahmen, versuchte er, meine Kinder politisch aufzuklären, in einem Sinne, der mir nicht passte, und er wusste das.

Empört zog ich meine Kinder aus seiner Wohnung. Er tat sich nichts Gutes damit. Auf meine Kinder konnte ich aufpassen. „Trotz allem sagtest du unterwegs, Lena: ‚Das die Umwelt noch mehr hier zerstört wird, weil es hier mehr Menschen gibt und immer mehr Ausländer hier her kommen, ja damit hat er wohl Recht‘.“

War meine Mutter egozentrisch veranlagt? Sie schrieb gute Berichte, lebhaft sollten sie geklungen haben. Sie tat es, um nach außen hin, innerhalb eines Schwimmsportbereiches, Anerkennung zu erlangen. Ich selbst schreibe jetzt, um innen in Ordnung zu bringen, was entzweit wurde. Manchmal übertrieb meine Mutter in ihren Vorlesungen und Referaten, indem sie zu künstlich betonte oder das Referat nicht mehr so sachlich gebracht wurde. Das merkten das ihre Zuhörerinnen und Zuhörer. Damit machte sie sich ihre Arbeit etwas kaputt. Die Sachinformationen mit denen sie etwas Privates hineinmischte, kamen unangenehmer zum Empfänger. Der wurde kritischer.

Letztendlich war wohl nicht so viel am eigentlichen Werk auszusetzen. Das war gut für sie. Manchmal wurde meine Mutter als Person etwas belächelt. Von daher war das Ziel verfehlt, denn ihr Ziel war es auch, persönlich sehr sympathisch zu wirken und von ihren Hörerinnen und Hörern auch so aufgenommen zu werden. Das war ihr besonders wichtig. Der Wunsch und das übertriebene Handeln für diesen Wunsch, verkehrten die Absicht ins Gegenteil.

„Lena, ich besuchte deine Oma öfter in Hornburg. Bei meiner Schwester wohnte sie zusammen mit deren Familie in einem Haus. Suchte vorher Themen und Gespräche, die nur uns beide hätten interessieren können. Doch sie schnitt diese Gespräche wie mit einer großen Gusseisenschere, indem sie ihre Urlaubserlebnisse mit ihrer ersten Tochter, dem Schwiegersohn und ihren vier intelligenten Kindern in meine Fragen und angefangenen Unterhaltungen hinein baute. Ich hatte keinen Kontakt zu ihr. Sie war nicht bei mir.“

„Ich stellte mir vor, wie eine Mutter zu einer Tochter in meiner Situation hätte sein können. Gerade wenn sie nach Bad Oldesloe zu ihrer ersten Tochter mit Familie in den Urlaub fuhr. Die Stadt liegt nicht weit weg von Leer, deinem damaligen Wohnort, nicht wahr? Sie hätte mich anrufen können: ‚Eleonore, komm her. Wir besuchen zusammen einen Tag deine Tochter. Ihr müsst zusammen kommen. Dafür benutzen wir jetzt mal meinen besseren Draht zu ihr.’ Du nanntest sie einmal: ‚Meine Lieblingsoma’, weißt du noch? Sie hätte mir also genauso helfen können. Das wünschte ich mir, das forderte ich nicht. Ich ahnte, ich hätte keinen Erfolg gehabt.“

„Je mehr Zeit der Trennung verging, desto mehr Resignation wuchs in mir. Sie machte mich auch ein wenig blind, so dass ich nicht mehr von allein handelte. Es gab aber auch genug Misserfolge, die lähmten.“

Was würde mein Nachbar jetzt sagen, wenn er mich hier draußen auf dem Baumstumpf im Garten sitzen sieht, schreibend? ‚Na, arbeitest du wieder an deinen Intrigen?“, so stelle ich es mir gerade vor. Er kennt die Geschichte. Er weiß, was ich tue, wenn ich zu Hause schreibe. Und Härte bin ich gewohnt. Aber er ist nicht zufällig hier, und hat es auch noch gar nicht gesagt. Doch ich schreibe schon sehr lange, nachdem ich in den Strohblumenordner schaute. Es mag manchen komisch erscheinen.

„Ich brach den Kontakt zwei Jahre von meiner Mutter, deiner Oma, ab. Also ihre letzten zwei Lebensjahre. Der Streit zwischen mir und Johanns Vater brachte Mutter und Schwestern dazu, so zu reden: ‚Eleonore steht wie auf Eiern. Die Ehe zwischen ihr und Johanns Vater klappt nämlich gar nicht. Irgendwann kommt sie zu uns angekrochen.’ Kriechen wollten sie mich sehen und dann helfen. Sie bekamen vielleicht nicht einmal mit, dass auf solchen Gedankengrundlagen kein Helfen und Handeln auf gleicher fairer Ebene erfolgen konnte.“

„Dann lag deine Oma im Sterben. Es wäre meine Aufgabe gewesen, dich rechtzeitig über den Zustand deiner Oma zu informieren. Ich saß lange vor dem Telefon und schwieg. Einige Tage oder Wochen vergingen. Ich fuhr mit Johann zwei Wochen in den Urlaub und dachte daran: ‚Wenn ich wieder komme, ist sie tot‘!“

„Erst im letzten Moment oder einen Moment später rief ich deine Pflegemutter an, damit sie dir die Mitteilung überbringen konnte. Ich entschuldigte mich bei ihr wegen des allzu späten Anrufes mit etwas wuseligen Erklärungen. Davon nahm sie keine Notiz. Auf jeden Fall waren du und ich dann zusammen in Hornburg. Deine Oma, bei meiner Schwester, deiner Tante im Haus, aber war schon kurz vorher gestorben.“

„Du übernachtetest nach dem Tod deiner Oma im Haus deiner Tante. Offensichtlich auch vorher schon mehr als bei mir. Damit hast du ihr aufbauend aber unbewusst den Stoff gegeben, mit dir angeblich besser klar zu kommen und meine Unfähigkeit war für sie damit bestätigt. Meine Strategie wollte natürlich immer in eine andere Richtung. Gut für dich war es aber in diesem Moment schon, bei ihr zu bleiben, denn du warst dort mit deiner ältesten Cousine zusammen, und ich konnte euch dabei zusammen beobachten. Das fand ich so o. k.“

„Was mich nur dabei bedrückte, war, deine Cousine kam oft so gut aus sich heraus, verhielt sich kess, selbstsicher und offen. Du hingegen sehr verhalten, zurückgehalten, unsicher, vielleicht auch Ängstlichkeit verstecktest du dich in dir. Irgendetwas im Kern fehlte dir. So als hättest du dich selbst nicht gefunden. So, als wolltest du dich selbst nicht beschützen oder verteidigen. Oder die richtige Sicherheit ist dir nicht hinter den Rücken gestellt worden. So sah ich dich nach langer Zeit, als du neben deiner Cousine standest.“

„Da erzählte Kario vor kurzer Zeit am Heiligenscheinabend telefonisch: ‚Auf einer Party stand Lena alleine herum, eine ganze Weile. Keiner wusste so recht, etwas mit ihr anzufangen.’ Da sah ich das gleiche Bild vor mir. Für mich im Gedanken als Kario erzählte, verstecktest du dieselben Unsicherheiten und Ängste in dir wie damals. Das wollte ich ihm später erklären. Aber er blockte ab. Er spräche nicht mehr über erwachsene Personen zusammen mit dritten. Er tat das, weil du es ihm untersagt hattest. Da bin ich mir sicher. Sicher bin ich mir inzwischen auch, mit meiner Erklärung, du würdest dich unsicher fühlen, hätte er nicht anfangen können.“

Ich vergesse natürlich nicht, dass ich diese Unsicherheit in mir auch kannte, manchmal kenne. Und ich vergesse nicht, dass ich diese Unsicherheit auch in Kario bemerkte.

„Ich hätte Kario gerne gefragt, wie können wir dir zusammen nachträglich Sicherheit geben, wenn es denn so ist. Doch er sagte dann, eine Frau, eine Psychologin hätte ein Gespräch mit dir angefangen und dich erlebt. Sie war erstaunt und hatte Hochachtung vor dir. Sie beschrieb dich wie ich es schon erwähnte. Entschuldige, Mütter können nerven, wenn sie versuchen in die Kinder hinein zu schauen.“

Noch sitze ich auf dem Baumstumpf. Der Nachbar kam nicht vorbei, um mir diesen einen Satz zu sagen, den ich so vermutet habe. Es klart sich aber plötzlich der Himmel auf. Die Sonne strahlt durch die Wolkendecke. Es wird immer heller und heller. Ich fange an, mich zu gruseln. Schnell laufe ich in meine dunkle Gruft zurück.
(© Ilona Meschke 2006)

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