8
eine verregnete Gestalt

Es ist noch ein stückweit bis zu meiner Gruft. Ein wenig geschwächt vom Hunger setze ich mich auf einen Stein am kleinen Fluss, der Wabe genannt wird. Hinter dem Fluss ist eine bewachsene Aue, ein Feuchtbiotop. Dahinter will die Sonne schon unter gehen. Gerade gekommen, schon verschwindet sie wieder. Die Bäume glänzen voller Nässe. Ich höre es rauschen. Sturm kommt auf. Ja, wurde heute nicht im Radio eine Sturmwarnung durchgegeben? Ja, doch taten sie. Kein Mensch hier. Ca. zwei Minuten kann ich die Sonne noch beobachten.

Jetzt ziehen sich die Wolken zusammen. Sie bewegen sich in mehreren Schichten. Die obere Schicht Wolken tobt verhältnismäßig langsam, die unterste Schicht rast geradezu. Ich höre ein Tosen zwischen dem Geäst. Heftig fängt es an zu gießen. Ziemlich schnell nass geworden stehe ich auf und sehe zu, dass ich weiter komme. Der Sturm versucht mich beim Gehen vom Wege herunter zu stoßen.

Ich gehe durch eine verwilderten Park. Hinter mir fällt schweres Geäst hoch von den Bäumen knallend herunter. Ich erschrecke ein wenig. Die schlammige Erde spritzt spürbar gegen meine Kleidung am Körper, um sich dann in Kriechspur langsam wieder einen Weg nach unten zu bannen. Es ist auch schon dunkler geworden. Ich sehe eine Männergestalt vor mir zwischen Geäst und Bäumen stehen. Es ist so, als würde sie mich erwarten. Es ist so, als stelle sich dieser Mann fast in den Weg. Was soll ich tun? Ich gehe weiter. Ich erkenne ihn jetzt. Ich würde ihn immer erkennen, jeder Zeit, denn ich kenne dieses Gesicht viel zu gut, auch im Dunkeln. Es sieht ein wenig aus wie Lenas Gesicht, jedenfalls an einigen bestimmten Stellen. Doch Lena steht nicht neben ihm. Er sieht nass geregnet und hilflos aus.

Ich schaue Kario einen langen Moment an. Er mich auch. Jetzt redet er: „Eleonore, ich habe versucht mit Lena zu reden. Lena hat eindeutig gemeint, ich solle mich raushalten aus eurer Sache und mich nicht einmischen.“ Ich schaue ihn an. Ich verstehe. Er hat einen kleinen Draht zu Lena. Diesen wollte er nutzen, um zu helfen. Jetzt möchte er diesen kleinen Draht nicht verlieren. Ich sage nichts. Er bleibt vor mir stehen. Er erklärt sich weiter. Jetzt redet er eindeutig hart, aber auch unsicher: „Ich habe mir normalerweise schon lange abgewöhnt, mit jemanden über dritte Personen zu reden. Das ist nicht mein Ding. Lena ist eine erwachsene Person, über die man nicht redet.“ Das also sagte Lena ihrem Vater, als er um Kontakte mit der Mutter bat.

Ich höre weiter. Er wüsste nicht, wie er uns helfen könne. Er wüsste nicht, wie er ihr helfen könne. Er wüsste nicht, ob er helfen bräuchte. Er wüsste nicht, ob er Lena helfen kann. Er möchte nicht mehr über Lena reden.

Er würde schon längst nicht mehr mit Dritten über erwachsene reife Personen reden und wechselt ständig in seinen Erklärungen, helfen können, nicht helfen brauchen, helfen brauchen, nicht helfen können und Lena kann nicht geholfen werden. Lena braucht niemandem, der ihr hilft. Eher kann Lena ihrem Vater helfen, aber nicht umgekehrt.

Ich frage noch einmal nach: „Kannst Du nicht? Willst Du nicht? Musst Du nicht? Oder brauchst du nicht?“ Er ist mit seinen Erklärungen ein bisschen durcheinander geraten. Sagt aber jetzt offensiver und deutlicher, doch immer noch unsicher, aus welchen Gründen auch immer: „Sie braucht keine Hilfe. Eher könnte sie mir helfen als umgekehrt. Ihre Krankheit hatte nicht diese Ursachen, so wie du sie verstanden hattest. Es ist auch nicht chronisch, trat plötzlich auf, nur kurze Zeit. Es war der Stress ihrer täglichen Arbeit. Das haben sie in Herdecke auch selber festgestellt. Ich kann und werde nichts mehr machen, denn ich rede nicht hinten herum über andere Menschen. Ansonsten bin ich ein hilfsbereiter Mann.“

Er ließ mir Zeit, darauf eine Antwort zu geben: „Moment, ich rede auch nicht hinten herum über dritte Personen. Ich bin eine Mutter. Die Mutter von Lena.“ Ein bisschen nervös werde ich. Was kann ich jetzt noch sagen? An welcher Stelle kann ich sinnvoll einhaken? Nichts, gar nichts, besser ich lasse alles so wie es ist.

Ich suche dich, Gericht der Herzen, ganz schnell jetzt, komm!’ Gericht der Herzen, hast du das jetzt mit bekommen? Wer hat das hier jetzt gehört? Während ich suche, verschwindet Kario. Er löst sich in Wind und Wolken auf. Ein paar schwere Äste krachen von den Bäumen herunter und versperren mir wieder den Weg.

Ich gehe weiter. Wie viele Briefe habe ich noch von Kario. Alte Briefe. Ein paar hatte ich im Strohblumenordner gesichtet. Ich rief ihn noch einmal an, damals. Früher, als Lena in der Aufnahmestation beim Jugendamt war, ob er Lena zu sich holen könnte. Konnte er nicht, die Wohnung sei zu klein, wie das Zusammenspiel mit der neuen Frau und den kleinen Kindern ist, wüsste er auch nicht. Konnte ich verstehen, wollte nur noch mal gefragt haben.

Doch davor gab es einen harten Brief an mich mit schweren Vorwürfen. Er schrieb, ich würde schmutzige Wäsche waschen gegen seine Familie vor Lena. Das alles nur, weil ich einmal Lena erklären wollte, dass es nicht gut ist, die Welt kuschelig lieb erscheinen zu lassen und immer einen leichten Weg zu gehen, ohne Ziel, ohne guten Schulabschluss und ohne Beruf. Sie sollte nachdenken. Der Alltag sieht nicht kuschelig aus.

Und Lena schwärmte weiter, wie schön und lieb alles in Solingen ist. Sie stellte dar, wie schlecht alles bei mir in Braunschweig ist. Sie verglich Urlaub mit Alltag. Ich würde schmutzige Wäsche waschen, weil ich mich dagegen wehren wollte. Und weil ich mich um Lena sorgte. Denn Lenas Trend ging wirklich in die Richtung, nichts werden zu wollen.

Ich bat Kario, sich auch Zeit zu nehmen und mit Lena über ernste Angelegenheiten im Leben zu sprechen. Da schrieb er vorwurfsvoll zurück. Er schrieb, das Kind sei ein Produkt der Erziehung und er sprach von irgendwelchen katastrophalen Verhältnissen bei mir. Als ich fragte, was er da wohl meine, redete er nur noch von Strenge und strengem Lernen. Mehr wüsste er nicht.

Nein, er wüsste nicht mehr. Denn er war nie da gewesen. Er kam nie, um sich ein Bild von meinen katastrophalen Verhältnissen zu machen. Aber er schien damals schon längere Zeit von katastrophalen Verhältnissen gehört zu haben und mischte sich nicht ein.

Ein anderer Brief zu Lenas Problemen hieß, sie bräuchte nicht mehr anrufen wegen ihrer Probleme. Er könne den Scheiß nicht mehr hören. Sie könne sich wieder melden, wenn sie keine Probleme mehr hat.

Davor schrieb er Lena: „Wenn du dich zu lang fühlst, gehe in einen Verein der großen Leute, dann bist du nicht alleine mit dem Problem.“ Nicht gerade kindgerecht. Nicht gerade herzlich. Das sind vergangene Geschichten. Jetzt sagt er, Lena bräuchte seine Hilfe nicht. Eher könne sie ihm helfen.

Trotz allem er hatte sich bemüht, einen Kontakt zwischen mir und Lena zu schaffen. Er konnte wirklich nicht helfen und er wollte. Es lag an Lena. Sie hat das Sagen. Sie setzt ihn unter Druck? Lena passt auf, dass über sie nicht geredet wird. Nur den umgekehrten Fall lässt sie gelten. Das reden über andere stört sie nicht. Das macht sie mit. Und dabei erscheint sie immer stilvoll.

Mir erscheinen meine Vorstellungen jetzt befremdlich. Ich weiß nicht, welchen Sinn es macht, mir solch ein Bild der Dinge zu schaffen. Das mag ich nicht.

Wie schlecht konnte meine Erziehung wirklich gewesen sein. Gezwungenermaßen war ich doch schon sehr viel engagierter als andere Mütter. Lernen müssen ist Erziehung, soziale Erziehung, gesellschaftliche Erziehung. Zu entscheiden, wann Pausen gemacht werden müssen und wann weiter gemacht werden kann, ist Erziehung. Wenn es Freizeit gab, redete ich absichtlich nicht mehr über die Schule. Auch das ist Erziehung. Regeln schaffen ist Erziehung. Die Entscheidung, keine Jugendberatungsstellen mehr in Anspruch zu nehmen, denn es müsse direkt zusammen gesprochen werden, ist Handeln, ist Erziehen.

Plötzlich erscheint mir wieder Lenas Gestalt am Himmel mit dem langen weißen Kleid. Es flattert, weht und geht mit dem Sturm. Die Haare leuchtend lang und etwas gelockt. Auch sie flattern mit dem Sturm zusammen. Ich muss schon ziemlich hoch gucken, um sie sehen zu können. Ihr Gesicht sieht zufrieden aus. Sie hat all ihre Kontakt-Verwandten und Freunde auf ihrem linken Unterarm sitzen. Sie spricht ganz sanft mit ihnen, denn sie weiß, alle sind so zerbrechlich wie sie. Sie streichelt sie mit ihrer rechten Hand zärtlich. Es fängt wieder an zu regnen, aber sie wird nicht nass. Ich schon.

Sie sieht mich nicht. Ich gehe weiter. Nein, ich war damals froh, dass Lena nicht nach Solingen zur Familie ihres Vaters kam. Ich glaubte nicht daran, dass das gut geht. Sie wäre nicht lange bei ihrem Vater, der anderen Frau und den anderen Kindern geblieben. Denn Lena wäre auch dort nicht einfach gewesen. Dann hätten die Schwestern oder der Bruder des Vaters sie aufgenommen. Immer nur für kurze Zeit, bis der Alltag gezeigt hätte, Lena ist schwieriger als angenommen. Sie wäre wohl zum Schluss bei den Großeltern gelandet. Niemand hätte sich voll um Lena gekümmert. Ihre Zukunft wäre versaut gewesen. Sie nahmen immer alle nur an, sie könnten Lenas Erziehung schaffen. Ich weiß, sie hätten nicht lange durchgehalten.

Sie kannten die Situation nicht. Sie wussten gar nicht, was auf sie zu gekommen wäre. Sie wussten auch nicht, was ich bisher geleistet hatte. Immer am Ball bleiben, nicht nur, was die Schule betraf. Für Lenas Schulleistungen hatte ich regelrecht mit gelernt, um ihre Versäumnisse wieder auf holen zu können.

Nein! Und es wären noch viele andere erzieherische Standpunkte gewesen, die bei der Verwandtschaft in Solingen nicht so abgelaufen wären wie bei mir. Wir gaben unserem Leben Sinn und Stil, spirituell mit Phantasie und im Handeln. Wir schafften Ideale. Unser Boden dafür war der Naturschutz und eine Gesellschaft, eine Politik, die Natur und Leben schützt. Die Ethik schafft. Das alles wäre Lena dort verschlossen geblieben. Keiner schaute hier mal rein. Und alle redeten ausgelassen von Dingen, die sie nicht sahen und gar nicht verstanden hatten.

„Später, Lena, als du dann bei der Pflegefamilie lebtest, ging der Kontakt zwischen deinem Vater und mir verloren. Ich hielt noch längere Zeit Kontakt zu meinen ehemaligen Schwiegereltern, denn die hatte ich einst sehr lieb gehabt.“

Vor meinem Ofen in der Gruft angekommen, erinnere ich mich an Mäuschenturnschuhe. Ein paar zwölf- und dreizehnjährige Mädchen machen sich schick so wie es ihnen gefiel. Alle sahen gleich aus in ihren T-Shirts, den blauen Jeans und Stoffturnschuhen. Sie mussten weiß sein. Wurden ganz raffiniert nach hinten gebunden, so dass oben die Lappen nach außen zeigten. Dann gab es kleine quiekende Gummimäuschen bei Nanu Nana. Sie wurden in die fest gebundenen Schnürbänder gesteckt. Oben auf dem Fuß saß eine kleine quietschende Maus. So liefen die dreizehnjährigen Mädchen durch Braunschweig.

Musik von ‚new Kids on the Road’ oder ‚Block’ war im Rennen und im Frühjahr vor Lenas dreizehnten Geburtstag wurden diese Musikgruppen euphorisch begehrt und gehört.

„Du hattest ihn gut vorbereitet, deinen dreizehnten Geburtstag. Auch ich kaufte gut ein. Du solltest einen schönen Geburtstag haben. Ich reinigte die Wohnung. Wir schmückten das Kinderzimmer. Hin und wieder lief ich runter und kaufte noch etwas. Frische Mohnbrötchen, sternförmig eingedrückt, stellte ich in eine Schale auf den Teppichboden vor einer Kuschelecke.“

„Du beschwertest dich darüber: ‚Nicht alle mögen Brötchen, die auf den Boden stehen und nicht alle Mohnbrötchen. ‚Richtig, da müssen wir wohl noch eine andere Sorte besorgen‘. Beleidigt war ich schon. Ich ließ mir das auch anmerken. Denn die Beschwerden kamen zu gut aus deinem Mund. Das ‚Dankeschön’, weil ich viel organisierte, kam weniger laut, wenn überhaupt. Du kommentiertest. Ja, du hättest auch gemerkt wie viel ich tat. Aber Brötchen auf der Erde auch in einer sauberen Schlüssel auf sauberem Teppichboden würden dich ärgern.“

„Es kamen einige Mädchen aus deiner ehemaligen Schule und aus der jetzigen, der Realschule. Ihr feiertet weitgehend alleine. Es mussten Eltern nicht mehr dabei sein. Du hast eine Schnitzeljagd vorbereitet. Ihr seid zu Gruppen durch den Park gelaufen. Da war ich wohl noch irgendwie, wegen irgendetwas dabei. Vielleicht, weil eine Freundin im Park verloren gegangen war und wir suchten sie.

Zum Schluss der Feier verabschiedete sich auch der letzte Gast. Sie wurde von ihrer Mutter zu Fuß abgeholt. Arm in Arm gingen sie zu Fuß durch den Park Richtung Jasperallee, wo sie wohnten. Wir beobachteten die beiden noch eine Weile. Sie strahlten und freuten sich wieder zusammen zu sein. ‚Beneidenswert, so würde ich auch gerne mit einer Mutter leben’, sagtest du traurig. ‚Ja, warum kriegen wir das nicht auch so hin?’ fragte ich mit verkrampftem Magen.“

„Hauptsächlich spaltete der Ärger in der Schule uns so. ‚Lena, wir mussten doch beide daran arbeiten, unsere Erwartungen und Wünsche, die wir einander haben, zu verwirklichen und zu pflegen. Das beispielsweise klappe bei Laura und ihrer Mutter richtig gut.“

„Immer wieder beschwertest du dich über mich, bei den Eltern deiner Freundinnen oder bei den Freundinnen selbst. Sie kannten nur deine Darstellung. Das ist natürlich viel leichter, eine Art von Monologe anstatt Dialoge. Oft hörte ich pauschale Kommentare dazu. Beispielsweise, eine hätte gesagt: ‚Ja, die Mütter erwarten immer von ihren Kindern, dass sie besser werden, als sie selber waren. Sie vergessen ganz und gar, das sie selbst gar nicht so gut drauf waren.’“

„Meine Freunde, die uns besuchten, meinten da schon mal eher zu dir: ‚Lena, komm’, mache mal ein bisschen mit uns mit. Sonst haben wir es schwer.’ Wir gingen zu keiner Jugendberatung mehr. Aber wir hatten noch dieses Plenum mit Kakao und Kuchen, damit wir uns direkt gegenüber saßen und austauschen konnten. Es musste endlich mal direkt gehen. Über Beratungsstellen, das hielt ich inzwischen für zu sinnlos, zu anstrengend und zu viel geworden.“

Oft war mir so, denken zu müssen, was Lena macht, ist schon Hetze gegen mich. Doch ein Kind betreibt keine Hetze. Kindern darf man reden nicht verbieten. Auch nicht mit anderen Leuten über die eigene Familie zu sprechen. Das zu verbieten wäre mir suspekt gewesen. Es gibt Kinder, die müssen so was tun. Bekannter Weise gibt es ja harte Delikte sogar Straftaten gegen Kinder.“

„Missbrauch, Misshandlung und Ähnliches. Wir hätten direkte Gespräche gebraucht. Ein direktes Gespräch führt meistens zum Kompromiss. Lena, wolltest du überhaupt einen Kompromiss? Nichts als Kompromisse? Das wäre aber ein besseres Ziel? Besser, als Zersplitterung zu betreiben, um von anderen Leuten getröstet zu werden. Leuten von denen man weiß, die machen das alles mit.

Die dich zum Jugendamt schickten, die dich zur Trennung aufwiegelten, anstatt wirklich zu schauen, ob es keine besseren Ratschläge für dich von ihnen hätte geben können, sie machten und machen sich schon lange keine Gedanken mehr um dich und mich.“

„Johanns Vater war oft gemein und herabschätzend zu dir. Doch du hast ihm oft genug den Stoff dafür geliefert. Seinem Mund konnten wir ihm nicht verbieten. Bei einem Ehestreit hast du anschließend nur auf die Trennung gewartet. Ich hätte es leichter gehabt, mich von ihm zu trennen, wenn ich gewusst hätte, ob er genauso ist, wenn du selbst den Stoff nicht mehr lieferst. Das musste noch ausprobiert werden. Nur das wäre fair. Ich bat dich darum, so zu handeln, dass er sich das Recht nicht mehr herausnehmen kann, dich zu kritisieren. Du solltest das für uns, Johann und mich, und auch für dich selbst tun.“

„Du kamst zu mir ins Büro. Wolltest schnell Geld, um für deine Freundin ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Ich gab dir zehn Deutsche Mark. Mehr hatte ich nicht dabei. Aber ohne hin war für mich nicht einzusehen, warum das mehr sein müsste. Eure Geschenke, die ihr von anderen bekamt, waren auch nicht teurer. Ich gab dir also nicht mehr Geld für das Geburtstagsgeschenk. Daraufhin hast du provokativ vor der Tür meines Bürozimmers gestanden. Die hattest mich belächelt dann ausgelacht. In meiner Arbeitsstelle.

Unglücklicher Weise kam mein Chef in diesem Moment herein. Er sah dich zum ersten Mal und erlebte dich so. An seinen Gesichtszügen merkte ich, wie unsympathisch wir uns gerade machten. Er verließ das Zimmer. Vielleicht mit Ärger im Bauch und dem Gedanken, was macht die Tochter während der Arbeitszeit dort?“

„Ich war lange verletzt deswegen. Ich erinnerte mich an die Söhne eines Arbeitskollegen, die in unser Büro kamen. Sie begrüßten alle anderen Kollegen höflich. Auch den Chef, der freundliche, witzige Sprüche für die Jungen übrig hatte. Halt und Sicherheit durch Familienmitglieder im Berufsleben hatte ich also nicht zu erwarten. Bei der ersten Rationalisierungsmaßnahme war ich auch diejenige, die gehen durfte.“

„Ich freute mich darüber, dass du deinen kleinen Bruder liebtest, mit ihm spieltest und hin und wieder versorgtest du ihn. Einen Unfall werde ich wohl nie vergessen. Ihr spieltet Kriegen. Johann lief ständig mit seinem Schlafsack schnell und sicher durch die große Wohnung. Doch aufgeräumt war noch nicht. Überall lagen Bausteine und Legosteine herum. Er fiel mit seinem Mund auf Legosteine und blutete fürchterlich. Auch das Zahnfleisch war verletzt. Schnell machten wir zum Notarzt fahren, Johann, Johanns Vater und ich. Ich wollte, dass du mit kommst. Wollte dich in diesem Moment nicht unwissend lange alleine lassen, wurde aber von Johanns Vater angeschnauzt, ob ich denn keine Verantwortung dem Kleineren gegenüber hätte. Es sollte schnell gehen. Auch auf deine Kosten. ‚Die bleibt hier!’ sagte Johanns Vater. Ihr beide ward nicht mehr gut zueinander.“

„Ich wehrte mich bald nicht mehr dagegen und wartete nicht bis du fertig warst, um mitzukommen. Ich war zu sehr in Sorge um Johann. Bei der Autofahrt und im Krankenhaus machte ich mir große Sorgen um dich. So lange alleine gelassen, ohne zu wissen, was mit dem Bruder ist. Vor allem aber konnte ich dir nicht sagen, dass du keine Schuld an dem Unfall hattest. Ich konnte dir dies erst Stunden später erzählen. Leider warst du die letzte, die erfuhr, dass alles an ihm noch heil zu bekommen war.“

„Johann und dir, schenkte ich jedem eine Tafel Schokolade. Wir merkten erst nicht, Johann lag seine Tafel beiseite und fraß deine. Er hatte den ganzen Mund und die Wangen vollgestopft. Als du merktest, was er tat, wurdest du laut und schimpftest mit ihm. Johann fing an, die letzten Stücke in sich hinein zu stopfen, Als er dich zu ihm eilen sah, um genau das zu verhindern. Er zeigte Kampfaugen und gab lauthals Kampflaute von sich trotz des vollgestopften Rachens. Ich musste heimlich lachen. Für mich sah der Moment witzig aus. Deine Anweisung war, ich sollte ihm schimpfen. Doch du entdecktest mich jetzt heimlich lachend: ‚Was, der frisst meine Schokolade auf, die ganze Schokolade, und du lachst!’ ‚Lena morgen kriegst du zwei neue. Ich habe es doch gesehen, morgen kaufe ich dir zwei neue‘. Ich erklärte dir, dass du im Recht warst. Ich erklärte aber auch, dass ich auch bei dir selten spontan losschimpfe. Ich habe Johann nicht getadelt als du das schon machtest. Ich hätte ihn später deswegen angesprochen. Die Erklärungen halfen nicht zu irgendeiner Antwort, die ich gerne von dir gehabt hätte. Eine Mutter ist kein Gott.“

„Du fragtest mich später einmal, was denn die Ursachen des Ärgers mit den Nachbarn in der Querumer Straße gewesen waren. Als wir einzogen und renovierten waren wir zu laut. Unser damaliger zweifarbiger Mercedes passte nicht zu ihren neuen, und sie schämten sich für uns, so ein Auto zu besitzen.

Ich ließ mich nicht von ihnen kleinmachen und beschwerte mich, dass im Trockenkeller stets, auch im Sommer die Heizungen volle Tour angestellt wurden, ökologisch und betriebswirtschaftlich für unsere Haushaltskasse war das nicht tragbar. Die anderen Spannungen waren im Grunde die Anliegen von Johanns Vater. Nur der war zu feige und schickte mich vor. Da hatte ich den Ärger. Es war eine Strategie der beiden Familien, die sich beschwerten, mich verbal anzugreifen und bei Johanns Vater, um Verständnis zu bitten. So konnten sie uns gut splitten. Sie wussten an der Tür damals, dass sie uns auseinander zupfen konnten wie verlorene Hühner. Einer Unterstützte den anderen nicht. Du sagtest noch: ‚Die sehen aber heute fies aus’, jetzt wo sie vor unserer Tür stehen, die Nachbarn, die beiden Familien, die zusammen agierten. Du merktest wie unfair ihre Aussagen waren und das nicht stimmte, was sie sagten. Ja Zusammenhalt hätte ich immer so gut gebrauchen können. ‚Hättest du nur früher gefragt, Lena‘ und dich zu mich gestellt.“

„Es war auch eine Strategie der Nachbarn, dass sie zu meinen Kindern nett waren, sogar zu Johanns Vater korrekt, und mich ignorierten. Es war tatsächlich ziemlich fies, wie sie so vorgegangen sind. Aber sie konnten es gut mit uns machen. Eine andere Nachbarfamilie, allerdings machte das nicht mit. Die hielten zu mir. Erinnerst du dich wenigstens ein bisschen?“

„Ein bisschen naiv, war ich wohl. Ich sah die Welt ganz gerne unterteilt in Betreiben von Kinderunfug und einigermaßen faire Richtlinien im Handeln unter Erwachsenen. Soviel Vorstellung von fiesem Handeln kannte ich vorher nicht. Trotzdem muss getan werden, was die eigene Verantwortung für richtig hält, war meine Meinung.“

„Der Kontakt zu meiner Schwester, deiner Tante, inzwischen wohnen sie in Bad Oldesloe, war ja nur selten. Als sie aber in Braunschweig war beobachtete sie uns, als du dein Fahrrad selbst in den Keller stellen solltest, nur eine Treppe hinunter tragen, aber du stelltest dich quer. Ich sagte zu meiner Schwester, deiner Tante: ‚Schau mal, ich habe Lena gezeigt, wo man es am besten anheben kann. Nun steht sie da und trotzt, sieht nicht ein, dass sie es alleine machen soll. Ich kann doch nicht ständig immer zwei Räder in den Keller tragen, Johanns Zubehör und alles.’ ‚Ach, ich halte mich da raus’, sagte meine Schwester, ignorant und verständnislos. Sie ist aber eine gewesen, die damals schon nichts mehr anhob wegen ihrer Rückenschmerzen und dergleichen. Lena, du warst dreizehneinhalb. Entscheide doch heute selbst mal, musste der Ärger sein?“

„Dreimal hinter einander versuchte ich meiner Mutter und meiner anderen Schwester in Hornburg begreiflich zu machen: ‚Wenn ich Schwierigkeiten mit Lena habe, müsst ihr nicht immer Reden schwingen wie: ‚Lasse Lena in Ruhe, die hat es ganz sicher nicht einfach, mit deiner Lebensweise, mit deiner Ehescheidung’ oder ‚du warst doch früher auch nicht besser’. Ihr helft weder mir noch Lena damit.’ Sie verstanden das nicht oder hörten es nicht. Erst als mein Schwager kam, sich eine Cola aus dem Kühlschrank holte, und hörte, sagte er: ‚Sagt mal, was ist das für ein Gespräch? Hört ihr beide Eleonore überhaupt zu. Sie hat Recht mit dem, was sie sagt.’ Dann ging er wieder mit seiner Cola aus der Küche, und alles war still.“

„Du solltest immer ein wenig im Haushalt mit helfen, ein wenig, wenn deine sonstigen Aufgaben erledigt sind. Mülleimer raus bringen war oft das Thema dabei. Du lachtest mich aus: ‚Du glaubst doch wohl nicht ernsthaft, dass ich da unten den Mülleimer leere. Dort wo die Jungen skaten.’ Nicht immer, nur selten waren Jungen dort wirklich unten am skaten. Du wolltest mich ärgern und provoziertest mich maßlos. Du schautest mich spöttisch an. Das sah ich so oft an dir in dieser Zeit, in der ich mir auch mal ein wenig Zuspruch wünschte. Du wolltest sehen, ob mir der Kragen platzt. Du nutztest Gelegenheiten, um auszuprobieren, ob ich nicht eventuell aushole und dir eine Latsche.“

„Mag ich nicht. Tat ich nichts. Aber irgendwann schmiss ich dir den Mülleimer auf dein Bett, um meiner Empörung Luft zu machen. Außen um den Mülleimer herum war allles sauber abgewischt. Egal, war eine Zumutung. Gut, was dann passierte, erzählte ich schon. Du hast jetzt deinen schon festgelegten Plan durchführen können, denn der Vorwand war da. Du bist zum Jugendamt gelaufen. Ich kam später nach. Und wir beide erklärten, nicht mehr mit einander klar zu kommen. Dann bist du in das Jugendauffangcenter gekommen, konntest Schule schwänzen und die gute Realschule am Niblungenplatz verlieren.“

„Aber als du dann bei der Pflegefamilie gelandet bist, da waren alle Familienmitglieder, Mutter, ältere Schwester und jüngere Schwester außer sich. Natürlich, konnte ich jetzt erst richtig kritisiert werden, als wäre nicht Leid genug entstanden. Den Schmerz und die Leere im Herzen teilte keiner mit mir.“

„Deine Tochter wird dich später verstehen, dann wird alles wieder gut“, hofften ein paar Freunde für uns.

„Meine Schwestern stürzten jetzt Mauern ein, um dich zu sehen, Kontakt zu dir zu bekommen. Vorher unterstützen sie mich nicht. Jetzt konnten sie alles machen, dir nachzuschleimen. Jetzt war ich außen vor. Ich wollte das nicht. Aber ich hörte davon. Das störte mich. Ich schrieb vorsichtig und sanft Briefe, bat erst einmal um gegenseitiges Vertrauen unter uns, ein besseres. Lena sollte erst einmal in Ruhe gelassen werden. Sie halten doch ihre Kinder auch in Obhut.“

„Sie antworteten nicht auf meine Briefe. Sie fanden meine Briefe unverschämt und erzählten dir davon. Sie zeigten dir die Briefe nicht. Sie lasen dir nicht meine Briefe vor. Aber sie beschwerten sich und gaben ihre eigenen Worte weiter, nicht meine Worte. Ich habe die Briefe noch, nur, wer liest sie, um zu verstehen?“

„Ich träumte einmal einen Traum. Lange bevor du in die Jugendhilfestation gekommen bist, Lena. Ich war schwanger mit Johann. In der Zeit träumte ich sehr viel. Auch nützliche Dinge. Ich träumte ich ging einen alten Keller hinunter. Treppenstufe für Treppenstufe immer weiter hinunter. Ich sah die ganzen Bilder meiner Großeltern wieder. Die Bilder, die früher bei ihnen an der Wand in der Wohnung hingen. Ich sah alle ganz deutlich und kannte die Geschichten noch, die sie mir erzählten, als ich die Bilder anschaute. Eines nach dem anderen. Ich glaube, da war keines vergessen. Dann sah ich meine Großeltern auf einem Bild. Sie bewegten sich etwas. Sie sagten aber nichts mehr. ‚Hallo, Oma. Hallo Opa, schade, dass ihr nicht mehr mit mir sprechen könnt’, sagte ich noch und schaute sie an. Ging immer tiefer hinunter, dann sah ich meine ältere Schwester in einem Bild. Sie bewegte sich etwas aber sprach nicht mehr mit mir. ‚Hallo, Schwester, was machst du denn hier unten. Ist es jetzt zu spät mit einander zu sprechen? Ich wollte doch immer, doch ich konnte nicht. Du hast das nicht zu gelassen. Sie bewegte sich stumm weiter im Bilderrahmen und sprach nicht. Ich fing an zu weinen: ‚Siehst du, jetzt ist es zu spät.’ Ich weinte, ich weinte. Während ich weinte, wurde ich auch wieder ein Kind und sie auch. Ich weinte solange, bis der werdende Vater von Johann mich weckte: ‚Was ist denn los? Warum weinst du so? Das kann ja kein Mensch aushalten in der Nacht’.“

„Ich hatte diesen Traum niemanden verraten, im Glauben, es brächte Unglück. Du bist die erste, die nach langer Zeit davon erfährt. Aber so richtig habe ich auch keine Angst mehr vor Unglück, keine Angst mehr vor Unglück.“

Ich sitze hier. Ich schreibe. Und das herum graben in der Vergangenheit ist doch so müheselig. Es gab keine Gelegenheit vorher, darüber zu sprechen.

Ich ziehe einen dicken Ordner mit Strohblumen außen verkleidet aus dem Regal. Setze mich mit einer Kerze an den Ofen und öffne ihn. Ich suche ein paar Briefe von damals. Ich höre, jemand schließt die Tür vorne auf und kommt herein. ‚Hallo, Mama, siehst du, ich habe doch gesagt, ich komme am zweiten Weihnachtstag. Lasse uns was essen’. Mein Sohn, Johann steht vor der Tür. Es ist ca. zwanzig Uhr. Wir kochten etwas und aßen zusammen. Dann wünschte ich mir, dass wir ein Buch zusammen lesen, ein Buch in der seine Vergangenheit steht. Er war einverstanden. Er sagte noch: „Ich habe bei Lena angerufen. Wir haben uns unterhalten. Sie hat viel gefragt. Sie tat so, als würde sie sich freuen, mich zu hören.“

Ihm war, als täte sie nur so.
(© Ilona Meschke 2006)

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