7
der zerlegte Vogel

Ich habe den Weg über die Mondlandschaft geschafft. Es wird dunkel, und lieber gehe ich durchs Dunkle hin zu meiner Gruft.

Dort angekommen sehe ich etwas im Briefkasten. Mit zitterigen Händen stecke ich die rechte Hand in den Briefkastenschlitz, um eine Karte heraus zu ziehen. Eine Karte von Lena im Briefkasten, die jetzt doch meine sieben Seiten Brief beantwortet? „Hallo, Eleonore, danke für Deine Bemühungen. Ich brauche Zeit darüber nachzudenken. Kann sein, dass ich Deinen Wünschen nicht entspreche.“

Es standen noch ein paar Floskeln zur Beschönigung der Karte. Karte und Schrift waren nicht Lenas sonstiger Stil. Es ist schlimm, so eine Karte in der Hand zu halten. Ich setze mich auf die Treppenstufen mit der Karte in der Hand. Es ist nicht zu fassen wie offensichtlich sie ihre eigene Mutter entsorgt. Mit welcher Begründung tut sie das, Gericht der Herzen? War das die Antwort, die du mir geben wolltest. Aber wo ist hier in dieser Gesellschaft unter diesen Menschen ein Herz?

Der Ofen ist ausgegangen.
Ich lege mich unter die Decke und schlafe.
Vielleicht ist es mehr ein Wachtraum.
Auf jeden Fall träume ich.Ich träume mich in die Vergangenheit.

„Laffertstraße - an der Ecke war einmal ein Bäcker. Er musste wohl schließen. Es wurde ein Alternativladen daraus. Er wurde Backstube genannt. Er war ein Kindertagesraum zum Basteln, zum Bauen, zum kennen lernen. Frauen trafen sich für Interessensgruppen und Männer, Pädagogen. Hier war eine Studentin, eine Kunststudentin. Sie fing an, alle Kinder zu  malen. Alle Kinder saßen erwachsen in Pose. Du, Lena, konntest das nicht. Jedes Mal, wenn die Studentin ein paar Striche malte und anschließend aufsah, sah dein Gesichtchen anders aus, mal grinste es, mal grinste es anders, mal schaute es streng, immer bewegte sich etwas und das ganze Halbgemälde war hinfällig. Sie schaffte es aber letztendlich doch noch, ein Bild von dir zu malen, auf dem du plötzlich sehr erwachsen ausgesehen hast.“

„Das war kurz vor deiner Schulzeit. Du konntest selbst gut malen. Wir malten viel zusammen. Besonders gut fand deine Lehrerin, dass du es geschafft hattest, Schneewittchen hinter den sieben Zwergen so zu malen, dass du erst die sieben Zwerge maltest und dann Schneewittchen. Schneewittchen dahinter kritzeltest du nicht einfach über die sieben Zwerge, sondern du nutztest die frei gebliebenen Lücken zwischen den Zwerggestalten, um Schneewittchen dahinter zu stellen. Sollte für das Alter eine schwierige Aufgabe gewesen sein, und du hattest sie gelöst. Die anderen Schüler der ersten Klasse, der ersten Schultage überhaupt, schafften diese Aufgabe noch nicht. Sie malten Schneewittchen über die Zwerge.“

„Schneewittchen sah schon ziemlich gut aus. Ihre langen schwarzen Haare waren dir sehr wichtig. Die Zwerge hatten die Form eines Gartenzaunes. Sie fielen rechts immer mehr vom Papier herunter. Sie kippten auch langsam um. Aber die Anzahl stimmte.“

„Weniger gut fand die Lehrerin den Schmetterling, den du als zweites Bild in der Schule maltest. Sie gab dir eine vier. Das enttäuschte dich und mich, und auch viele unserer Freundinnen und Freunde, die das Bild sahen. Die Lehrerin verteilte große Tapetenbögen. Wachsmalstifte und Buntstifte lagen auf den Tischen. Dann war es die Aufgabe, einen Schmetterling zu malen. Keiner bekam eine vier, nur du,  auch wenn die Schmetterlinge noch so schlecht gemalt waren, so waren sie doch groß gemalt. Du maltest einen ganz kleinen. Mit angespitzten Buntstiften und einer dünnen kleinen, aber vielseitigen Musterung fülltest du diesen Schmetterling aus. Die Form, der Umriss waren gut gelungen für eine Erstklässlerin, die Musterung mit den fein angespitzten Bleistiften auch. Zu Hause hattest du auch schon viele Schmetterlinge in dieser Art gemalt. Aber dieser Schmetterling war ganz klein, nicht so groß wie der Tapetenbogen. ‚Ich muss nicht sagen, wie groß so ein Schmetterling sein muss, wenn ich diesen Tapetenbogen hinlege, ist es ganz klar, dass ich einen größeren Schmetterling verlange’, verteidigte sich die Lehrerin. Wir waren nicht der Meinung. Ich glaube, du wusstest es tatsächlich nicht besser. Du hast viel geträumt.“

„Für viele unserer Freunde warst du ein Rätsel, den Erwachsenen, die bei uns zu Hause rein und raus liefen. Du warst in manchen Sachen, total reif und total unreif gleichermaßen, so sagten einige. Sie meinten, du würdest es dir und mir nicht leicht machen. Damit hatten sie recht.“

„Du wolltest nicht eingeschult werden. Du meintest, Kinder könnten dich ärgern, taten sie dann auch, obwohl du die allerjüngste warst, doch für dein Alter schon sehr lang. Es nahm keiner mehr Rücksicht auf dich, weil du von deiner Länge her, älter geschätzt wurdest als du warst. Im Gesicht wohl weniger, da warst du das vollkommene Kind. Mehr als andere. Zwei kleinere ‚kürzere’ Freundinnen hattest du. Die eine hatte blonde lange Haare, die andere schwarze lange Haare. Die langen Haare waren wohl immer wichtig. Selbst hattest du blonde lockige lange Haare. ‚Weil ich so ‚krummelige’ Haare habe, mögen mich manche Kinder nicht’, sagtest du besorgt noch im Kindergarten.“

„Als du dich in der Schule sicherer fühltest, hast du aber angefangen, deine Freundin mit den schwarzen langen Haaren zu kommandieren. Das ging so weit, das du das Butterbrot tauschen musstest und sie wollte gar nicht. Die Mutter war empört und beschwerte sich bei mir. Ich hatte Sorge, dass du zum Monster wirst, und so drückte ich mich auch aus. Ich glaube, ich schimpfte das erste Mal in der Anfangsschulzeit mit dir richtig deswegen. Du schienst selbst besorgt, eventuell ein Monster zu werden. Das wolltest du nicht, das sagtest du auch. Ich bat dich, das nie wieder zu tun. Das hätte ich nicht leiden können. Dir wurde klar, du wolltest so auch nicht werden.“

„Trotz, dass du ängstlich und verträumt warst. Du hast auch immer schöne Geschichten gewusst, in der Schule, erzähltest diese deinen Sitzkollegen, die dem Unterricht nicht mehr folgten. Das erzählte die Lehrerin immer wieder: ‚Ja, sie kann weiß Gott sehr viel bessere Geschichten erzählen als ich da vorne. Mir hört dann keiner mehr zu.“

„Es war schon alles gut geplant mit deiner Schule und meiner Arbeit. Ich war zwar zwischenzeitlich arbeitslos. Holte mir aber von der Jobvermittlung erst einmal Jobs, immer für kürzere Zeit, zum Ausprobieren wie das Zusammenspiel so läuft, mit Mutter zur Arbeit gehen und Geld verdienen und dem Kind, was dann selbständig in die Schule zu gehen hatte. Doch es wollte lange Zeit nicht, fast nie oder überhaupt nie gelingen. Es war schon ein Kraftakt“

„Ich erinnere mich, ich musste früher los fahren als du, um pünktlich zu sein. Machte mich alleine fertig und ließ dich ganz selbständig zurück. Eine Uhr klingelte zum Aufstehen für dich. Wenn der große Zeiger der Uhr oben stand, klingelte es. Deshalb lag auf dem Küchentisch ein Blatt Papier mit einer gemalten Uhr, Ziffern und ganz vielen großen Zeigern. Oben der erste Zeiger hieß aufstehen. Ein Strichmädchen wurde gemalt, was aus dem Bett ausstieg und sich anzog. Nach zehn Minuten war da eine gemalte Zahnbürste. Das hieß, bis dahin mussten Zähne geputzt sein. Wasser und Seife waren wieder nach zehn Minuten gemalt auf dem Papier. Hieß natürlich, fertig gewaschen muss das Kind sein. Dann durfte es Frühstücken. Alles stand auf dem Tisch. Und fünfzehn Minuten vor acht klingelte ein zweiter Wecker. Der hieß, raus gehen aus der Wohnung mit Schultornister. Wurde auch klar auf Papier gemalt. Immer der große Uhrzeiger war wichtig. Du kapiertest das gut. Du maltest noch etwas dazu. Es klappte. Drei Tage klappte das bereitete dir Spaß. Ich fragte in der Schule nach. Als ich nicht mehr nachfragte, klappte es nicht mehr. Du hättest mir das nicht verraten. Ich fragte eine Woche später. Ich hörte, du bist jeden Tag zu spät gekommen. Mit unter mehr als eine halbe Stunde. So ging es also doch noch nicht.“

„Dann musstest du mit mir zusammen aufstehen. Ich brachte dich fertig in die Schule. Du musstest eine halbe Stunde auf dem Schulhof warten, aber du warst noch sehr müde. Gut, auf dem Pausenhof waren Kletterstangen und eine Sandkiste. Du konntest dich dort munter machen oder herumsitzen und noch eine Weile schlafen. Tat mir leid. Ich musste hart sein. Da bist du nicht mehr zu spät gekommen. Doch den Unterricht selbst hattest du verträumt oder verpennt.“

„Damit du dich an die Schule und den Unterricht gewöhnst, legten wir alle normalen Spiele beiseite. Wir spielten Schule, auch Wettkämpfe machten wir. Jeder spitzte sich einen Bleistift an, legte ihn vor sich, die Hände wurden hinter den Rücken versteckt, eine von uns sagte ein Wort, was dir geläufig war, die andere durfte dann ‚fertig los!’ sagen, dann schrieben wir das Wort um die Wette, wer ist zuerst fertig? Wer hat am schönsten geschrieben? So genauso spielten wir mit zahlen und Rechenaufgaben. Es machte uns beiden Spaß, denn ich ließ dich ja oft gewinnen.“

„Die Spiele gaben dir Halt in der Schule.
Du zeigtest schnell, eine gute Schülerin sein zu können.“

„Trotz allem bekam ich immer wieder zu spät mit, dass du danach plötzlich vom Unterricht überhaupt nichts mehr wusstest. Wusstest nicht mehr, was da gemacht wurde. Konntest alles nicht, was ihr eine Woche lang getan habt. Ich musste jede Woche, jeden Tag in die Schule gehen und mir erklären lassen, was zuletzt unterrichtet wurde. Dann wurde im Schnellverfahren das Versäumte aufgeholt. Du lernetest den gesamten Stoff dann schnell. Ungefähr hat es zwei Nachmittage gedauert bis du vierzehn Tage Unterrichtstoff aufgeholt hast. Das war schon eine Leistung.“

„Aber diesmal, endlich muss ich es sagen: Du schafftest es, mit meiner Hilfe und meiner Energie. Ich zeigte dir, wie leicht das alles ist, und wir lernten alles nach meiner Methode, so dass es dir leicht vorkam. Wir lernten das Wesentlichste zusammen, bauten die Details der Thematik später mit Spielerei ein, so dass du den Eindruck bekommen durftest: ‚Das ist ja doch irgendwie spannend, interessant und gar nicht so schwierig’. Dann warst du plötzlich wieder gut in der Schule. Es dauerte nicht lange, da bist du wieder haushoch abgefallen, wusstest von nichts mehr und das Spiel ging von vorne los. Deine Schule war mir wichtig. Deine Zukunft war mir wichtig. Sicher solltest du durchs Leben gehen.“

„Natürlich haben diese Momente dann immer ein wenig Ärger und Schimpferei bedeutet. Ich kann dich aber gut verstehen. So außergewöhnlich bis du nicht. Ich sah mich selbst noch in der Schule. Immer ging ich nach Hause und wusste meine Schulaufgaben nicht. Ich wusste nicht, wie oft ich zuhörte, nur in diesem Augenblick, als angesagt wurde, was zu Hause alleine noch getan werden sollte, vergaß ich das Zuhören, das zumindest entdeckte meine Mutter. Sie war empört, musste überall anrufen, damit ich meine Hausaufgaben machen konnte. Immer sagte ich mir im Unterricht: ‚Eleonore, höre zu! Versuche zu zuhören, zu zuhören,’ aber dann, dann lächelte die Sonne von draußen in das Unterrichtszimmer hinein. Draußen sah ich eine Wiese und Buschwerk, schön zum Herumliegen und Spielen. Dort unter dem Gebüsch spielten auch Zwerge und fühlten sich wohl. Ein kleiner Zwerg hatte blonde etwas wellige Haare, ungefähr mein Gesicht und rief: ‚Eleonore, komm’ raus. Hier draußen ist es schön, komme, komme!’ ‚Ich kann nicht. Ich muss hier im Unterricht zu hören’, rief ich laut. Alle hörten es.’“

„Ich erzog dich ökologisch. Wir redeten viel über Umwelt und Tiere und darüber, wie doch jeder einzelne von uns alles so gut wie möglich erhalten kann. Ich träumte davon, in den Urlauben einmal bei Greenpeace-Aktionen auf einem Schiff oder am Strand mit dir zusammen dort mitzuwirken. Träumte, dass wir daran Gefallen finden würden, Vögel zu verarzten, von der Ölpest befreien und so weiter.“

„Vor Ort konnte aber auch eine Menge Umweltaktion passieren. Mein Gedanke war da, die vielen Plastiktüten zu reduzieren, die überall beim Einkaufen verteilt wurden. ‚Die nehmen wir nicht mehr’, meinte ich ‚Wir lassen diese Tüten zurück gehen’. Das war in deiner Schulzeit. Immer, wenn du Hefte, Buntstifte oder auch mal Brötchen kaufen solltest, solltest du die Plastiktüte wieder abgeben oder gar nicht erst annehmen. Es gelang dir nicht: ‚Die Verkäuferin packt viel zu schnell ein’. Mich verärgerte das. Ich wollte die Plastiktüten nicht mehr haben.“

„Selbst hast du aber die Eierpackungen zum Bäcker zurück gebracht und dafür jedes Mal einen kleinen Kuchen oder Keks bekommen.“

„Schau, Lena, alle Mädchen, die deine Freundinnen sind und die du magst, haben dünne Beine, genauso wie du, warum versteckst du deine. Du möchtest gerne schöne Klamotten anziehen, versteckst dich aber in ganz große. Wenn andere lachen, lasse sie lachen, kontrolliere selbst, mache, was dir Spaß macht. Schau mich an. Früher hänselten mich die Kinder in der Schule, ich sei zu dünn. Heute hätten sie gerne meine Figur. Du brauchst deswegen nicht traurig sein. Sei endlich mal mutig und trotze nicht immer deswegen. Benutze deinen Trotzkopf endlich dafür, dich zu verwirklichen und nicht, um dich selbst zu sperren. Jeden Tag ein klein wenig mutiger mit dem Anziehen von Kleidung und überhaupt. Die ärgern dich nur, weil du dich ärgern lässt.“

Das war ein schwieriges Thema, schon in der Grundschule. Es verfolgte uns ständig auf unserem weiteren Lebensweg zusammen. Liebgemeinte Erklärungen halfen kaum.

„Ein Spannungsfeld hatten wir mit der ständigen schulischen Kontrolle. Da ging nichts von alleine und da änderte sich nichts. Ich schickte dich pünktlich in die Schule, doch du bist nur selten pünktlich gewesen. Niemad konnte nachvollziehen, wie das geht, wie du das geschafft hattest. Auch das Nachholen des Unterrichtsstoffes musste kontinuierlich weitergehen. Für eine allein stehende Mutter nicht gerade einfach. Ich gab das tagsüber Arbeiten auf und arbeitete in der Nacht im Jolly Joker, ein Kulturzentrum, eine ausgebaute Fabrik. So konnte ich morgens und tagsüber darauf achten, dass du pünktlich warst, in der Schule oder auf dem Wege in den Hort. Ich konnte deine Schulsachen kontrollieren.“

„Du hattest in deinem Zimmer ein Holzhochbett, auf dem klebten wir viele kleine Engellackbilder, die dich beschützen sollten, wenn ich in der Nacht weg muss. Du hattest die Telefonnummern deiner beiden Omas bekommen.“

„Bald war ich am Nachmittag auch Schwimmlehrerin in Wolfenbüttel und nahm ich dich mit. Du solltest auch gleich Schwimmen lernen. Du bist aber immer das Mädchen gewesen, dass meinem Unterricht störte. Du wolltest Unfug treiben. Die Gruppe wurde unruhig. Ich wurde auch schon mal von Vorgesetzten des Vereines beobachtet. Da machte sich das gar nicht gut. Ich schimpfte wegen dir in der Halle. Ich schickte dich ein paar Mal raus, um wieder Struktur in meine Gruppe zu bekommen.“

„Dann endeten die Grundschuljahre. Du kamst auf die Integrierte Gesamtschule, der IGS Weststadt, die Wilhelm-Bracke-Schule. Zwei Lehrer, eine Frau und ein Mann betreuten dich als Klassenlehrer. Sie waren sehr einfühlend und merkten schnell, dass du Probleme hattest, mit dir selbst und mit dem, was du dir wünschst, zu sein. Der Schulstoff interessierte dich da gar nicht. Wir hatten Gespräche mit den Lehrkräften. Der Lehrer war sogar hin und wieder bei uns zu Hause, um mir zu berichten und dir zu helfen. ‚Lena könnte einmal eine sehr gute Schülerin werden. Sie hat alle Anlagen, die dazu gehören. Aber im Moment ist das alles nicht möglich, weil sie vollgestopft mit Problemen ist. Erst, wenn diese Probleme gelöst sind, dann wird sie ganz anders in der Schule sein. Uns wundert es, dass sie überhaupt etwas aus dem Unterricht mit bekommen hat und noch einigermaßen gute Arbeiten schreibt’, sagten die Lehrer. Du hattest auf einem Stuhl mit uns im Kreis gesessen und heftig angefangen zu weinen. ‚Ich wünsche mir Freundinnen, die mich nicht wollen und nicht die, die ihr mir zuteilen wollt, weil sie für mich übrig sind’, weintest du. Auf die Frage, wer das denn jetzt sei, nanntest du zwei sehr dominante, modern gekleidete Mädchen, schlank, mit langem Haar.“

„Du hattest danach den Versuch gestartet, die Mädchen als deine Freundinnen zu bekommen. Doch sie nahmen die Freundschaft zu dir nicht ernst. Sie wussten genau, du brauchtest sie, nicht umgekehrt. Du wurdest wieder unglücklich.“

„Lena, was haben die beiden, was du nicht hast? So fragte ich dich immer wieder. Du bist schlank, könntest moderne Klamotten anziehen, wenn du dich traust, du hast lange Haare und siehst genauso hübsch aus, schau das Foto an. Du bist nicht hässlicher, du bist nur du. Es war ein Foto auf dem ihr, du und eine der Freundin, zusammen im Schlafzimmer auf dem großen Bett gesessen habt. Zwischen euch war Johann, dein damals halbjähriger Bruder. Er wurde von euch beiden umarmt.“

„Dass sie dich nicht immer als Freundin haben wollten, dagegen kannst du gar nichts tun, - noch nicht. Aber, du kannst sie ein wenig als Vorbild nehmen, indem du dich traust auch solche Sachen anzuziehen und ähnlich zu sein, wenn es dir Spaß macht. Alles andere musst du irgendwie kommen lassen, riet ich dir immer wieder.“

Mein Rat erzeugte keine Wunder.

„Du wolltest gerne im Mittelpunkt stehen. Sicher möchten das viele Schulkinder. Stattdessen bist du aber fast immer zu spät in die Schule gekommen. Auch, wenn wir eine Stunde oder zwei vorher aufgestanden sind oder ich dich nach und nach weckte, schafftest du das zu spät kommen. Ich bat dich vorher liebevoll, dich anzuziehen, zu waschen, die Schuhe anzuziehen. Immer wieder. Immer wieder. Dann wurde ich lauter, warum ziehst du deine Schuhe nicht an, was soll ich denn noch tun? Ich schrie und befahl dir, sofort die Schuhe anzuziehen. Du bliebst in der Ecke sitzen und machtest gar nichts mehr. Ich warf mit Gegenständen im Zimmer umher, ohne dich zu treffen, Lena, das wollte ich nicht. Ich wusste nicht weiter. Du machtest nichts mehr. Ich weiß noch wie ich dann die Schuhe nahm in den Hausflur warf, den gepackten Schultornister ebenfalls und dann dich hinaus schob, die Wohnungstür dahinter schloss, mich auf den Boden schmiss und weinte.“

„Eine immer wiederkehrende Situation.Auch als wir bereits Kennedy-Platz wohnten, also du, dein Bruder Johann als Baby, ich und der Vater deines kleineren Bruders.“

„Eine wiederkehrende Situation war das auch später als wir Querumer Straße wohnten. Ständig musste ich deinen Unterrichtsstoff beschauen und dich prüfen. Wir mussten nacharbeiten, weil du verträumt oder verpennt hast. Johann musste ich recht pflegeleicht halten, damit wir uns um deine Schulsachen kümmern konnten. Wir schauten uns verschiedene Fächer an, dann schickte ich dich raus zum Springseilspringen, um Mal etwas anderes zu tun. Dann bist du wieder rein gekommen, hast Vokabeln lernen müssen oder etwas anderes war zu erledigen. Dabei bist du auf einer Ganztagsschule gewesen, hattest um fünfzehn Uhr täglich Feierabend, um dann nachzuarbeiten. Es war einfach zu viel. Doch solange alles nicht von selbst ging, musste das so durchgezogen werden.“

„Es wurde einfach zu viel. Ich meldete dich von der IGS ab. Du bist dann zur Orientierungsstufe Leonhardstraße gegangen. Unterricht nur vormittags. Leonhardstraße war auch eine Lösung wegen des ewigen ‚Zuspätkommens‘. Leonhardstraße war bei uns um die Ecke. Du brauchtest dich nicht mehr in die Straßenbahn setzen. Du hattest den ganzen Nachmittag frei. Ich auch. Ich brauchte nur noch dich zu betreuen, den Säugling, Johann, und den Haushalt. Und doch war es ein Fehler, denn die Lehrkräfte waren längst nicht so einfühlend und nett.“

„Deine erste Note in einer Englischarbeit war sehr gut in der neuen Schule. Danach hast du nur so nachgelassen. Die Lehrerin kritisierte dich, hatte kein Interesse zu helfen, sie beschrieb dich, faul, interesselos und dumm. Und wenn Lehrer der IGS da anderer Meinung waren, wieso wurde die Schule gewechselt?“

„Weiter kämpften! Alles wurde immer nur noch schwieriger. Diesmal merkte ich, wie das sein kann, ein problemreiches Kind in der Schule zu haben und die Lehrkräfte wiesen dich und mich deswegen ab. Wir fielen in eine Art Zweitmenschenschicht. Laut forderte ich dich auf, sich dem zu widersetzen. Still und leise machte ich mir Vorwürfe, dich nicht in der anderen Schule gelassen zu haben. Dort, wo jeder wusste, du konntest gut lernen. Nun warst du bereits in der sechsten Klasse und bemühtest dich nicht einmal, ein wenig umzustellen, etwas zu verändern, damit es nicht so viele Sorgen gibt. Das macht schon traurig. Doch dann wehrte ich mich wieder gegen meine Gedanken und glaubte an die Zukunft. Weiter kämpfen!“

„Was komisch war, auf der Schule Leonhardstraße gab es auch Leistungskurse in Mathe und Englisch. Schülerinnen und Schüler, die einmal abstiegen, blieben in den schlechteren Kursen und hatten keine Möglichkeit mehr, später aufzusteigen. Das verstand ich nicht. Eine Orientierungsstufe hieß in der Vergangenheit, sich orientieren zu können. Es sollte und musste der Weg nach oben offen gehalten werden. So kannte ich es aus meiner Zeit und anders verstand ich die Orientierungsstufe als Orientierungsstufe nicht.“

„Wir zogen vom Kennedy-Platz in die Querumer Straße nach Gliesmarode. Die Wohnung gefiel dir sehr. Du und Johann, ihr hattet ein großes Zimmer zusammen. Ich wollte euch zusammen lassen und du wünschtest dir das auch.“

„Die Lehrkraft der Schule Leonhardstraße gab dir nach ca. ein Jahr Schulaufenthalt eine Hauptschulempfehlung mit Noten, die sie nicht ganz herunter türken konnten. Da wurde gefragt, warum eine Hauptschulempfehlung mit diesen Noten?“

„Die meisten Eltern der Schülerinnen und Schüler mit Hauptschulempfehlung wollten ihre Kinder zu einer Realschule bringen. Laut Umfragen klappte das in der Vergangenheit sehr gut, denn diese Empfehlungen waren wohl doch manchmal recht über dem Daumen gepeilt gewesen. Was allerdings nichts damit zu tun hatte, dass du dich mal hättest besser bemühen können. Denn wie gesagt, dass du lernen konntest, wusste jeder, auch du selbst.“

„Du hattest da zwei Freundinnen, wieder einmal, dominant, aber strebsam, die sollten auf ein Gymnasium. Ich wusste nicht genau, was ich mit dir machen sollte. Soweit ich mich erinnere, sagtest du wenig dazu, wenn überhaupt.“

„Ich erinnerte mich an meine Schulzeit. Ich selbst durchlief alle Leistungskurse, die unteren und die besseren. Ich war nicht besser in den Kursen mit niedrigem Leistungsniveau und hatte mehr soziale Schwierigkeiten unter Hauptschülerinnen und -schüler als wo anders. Ähnlich war es bei dir. Die Leistungen einer höheren Schule konntest du schaffen mit einem sozialen Umkreis, der für dich passend war. Ich schaute nach Realschulen und einem einzigen Gymnasium in der Nähe. Ich telefonierte mit dem Leiter des Gymnasiums und stellte Fragen. Ich erzählte über dich und unsere Probleme und berichtete über die Hauptschulempfehlung der Leonhardstraße, mit dem Gefühl, dass die nicht so korrekt ist, auch wegen der Benotung, die gut für die Realschule hätte gelten können. Der Leiter des Gymnasiums gab sich sehr viel Mühe mit unserem Gespräch. Er beriet mich, ließ dabei aber alle Entscheidungen offen. Er gab mir dann einen Termin, wollte dich und deine Zeugnisse oder auch Arbeiten sehen.“

„Wir gingen zur Ricarda-Huch-Schule. Ich beobachtete dich ausführlich während der Fahrt dorthin. Nach meinen Erklärungen wollte ich deine Motivation und deine kommenden Reaktionen erforschen. Der Leiter schaute auf deine Arbeiten und auf die Hauptschulempfehlung. Er stellte dir und auch mir Fragen. Dann empfahl er uns die Realschule-Nibelungen-Platz. Er verhalf uns zu einem Platz der Realschule-Nibelungen-Platz. Ich ließ mich dort später auch in den Elternrat wählen, wollte engagiert sein, für dich, Lena. Damit du ein anderes Lerngefühl bekommst und Selbstsicherheit, weil deine Mutter offensiv dabei ist.“

„Die Lehrerinnen und Lehrer dieser Schule meinten anfangs: Du könntest eigentlich mehr. Aber es ist alles zufriedenstellend. Wir warten ab. Später hörte ich sie mehr sagen: Du kämest oft zu spät. Würdest oft träumen oder nicht wirklich am Unterricht teilnehmen. Und danach hörte ich sie sagen: Du machst wenig oder gar nicht mit. Würdest vom Unterricht ganz weg bleiben. - Da hattest du die Freundin aus dem Gymnasium, Angelika. Selbst wurdest du in der Schule immer schlechter. Mit ihrer Anwesenheit hast du nicht nur Schule schwänzen gelernt, sondern auch mich anzulügen und immer frecher zu werden.“

„Du hattest dich auch bei Angelikas Eltern über mich und dein zu Hause beschwert.“

„Es war spät in der Nacht. Ich holte dich mit dem Auto von Angelikas Familie ab, obwohl du schon längst hättest zu Hause sein müssen. Ich denke, ich hätte auch die Polizei zu der Familie schicken können, die dich nicht rechtzeitig nach Hause schickte, denn du warst noch keine dreizehn. Doch ich kam persönlich, benahm mich etwas freundlich, nicht zu viel, wollte wenig Worte sagen, wollte dich einfach nur holen.“

„Doch dort angekommen, versuchte die Mutter ein Gespräch mit mir zu führen. Ihre Voreingenommenheit ließ mich erstaunen, doch ich wollte hören, was sie sagt. Sie entrüstete sich vor mir, indem sie deine Beschwerden weitergab. Sie war nicht in der Lage, irgendwelche Erklärungen von mir auf zu nehmen. Sie wollte vernünftig mit mir reden, sagte sie, kämpfte dabei aber derart um eine einseitige Rechthaberei zu deinem Gunsten und um eine beachtliche Menge von Fehlhandlungen meinerseits, so dass sie unmöglich in der Lage war, ein vernünftiges Gespräch mit mir zu führen. So beschränkte ich mich nach einer Weile nur noch darauf, ihr den Hinweis zu geben, dass du um diese Uhrzeit bei ihr ohne Absprache mit mir in ihrem Haus nichts mehr verloren hast.“

„Und dass ich der Ansicht war, ab einer fest angesetzten Uhrzeit müsste eine fast Dreizehnjährige zu Hause sein, befremdete sie. Egal, sie hat das zu akzeptieren. Sie hat unsere Familie zu achten, auch wenn wir andere Ansichten haben. Ansonsten wäre der Umgang mit ihnen und dir verkehrt. Ich verlangte von ihr, sich danach zu richten und holte dich aus der Wohnung.“

„Ich weiß und wusste, die dachten gar nicht daran. Sie waren dafür da, um uns zu spalteten. Ich hoffte, ich wünschte und bat dich darum, von dieser Wohnung und dieser Familie fern zu bleiben. Ich hoffte, ich wünschte und bat dich, mich und uns, unsere vierköpfige Familie einmal zu verstehen und mit zu beschützen. Innerhalb dieser Familie solltest du geschützt werden, Lena. Dann fragte ich mich manchmal: ‚Lena, hattest du mich zwischendurch zeitweise auch mal lieb gehabt?‘ “

„Deine Freundin war sehr viel selbständiger als du. Sie ging auf das Gymnasium hatte immer gute Noten, soweit ich das hörte. Sie trieb es genauso wie sie dir es beibringen wollte. Sie hörte nicht mehr auf die Mutter. Sie tat einfach, was man selbst wollte. Sie war ein Jahr älter als du. Sie konnte so leben. Sie ging dabei nicht unter. Als du angefangen hast, das mit zu machen, hatte das für uns ganz andere Konsequenzen gehabt. Du hieltest dich immer gerade über Wasser. Ertrinken geht schnell.“

„Und was, wenn man dich in der Nacht belästigt oder abfängt und du gar nicht mehr nach Hause gekommen wärst? Deiner Freundin wäre nichts passiert, da bin ich sicher. Johanns Vater sagte einmal: ‚Pass mal auf, was jetzt passiert. Deine Tochter wird durch den Umgang ihrer Freundin überall abfallen, vielleicht zur Sozialhilfeempfängerin. Und dann spendiert diese ‚dicke’ Freundin (du weißt ja wie er manchmal redete) ihr noch die Almosen. Sie wird weiter gefeiert, weil sie so sozial ist. Nur, dass sie diejenige war, die das verursachte, darauf wird keine von beiden mehr kommen.’“

„Und ganz Ähnliches passierte ja irgendwann später. Man könnte es jedenfalls so sehen.“

Angelikas Familie war auch eine Lehrerfamilie. Angelika hatte viele Brüder. Alle waren älter als sie. Als ich dich einmal abholte, waren alle Brüder noch wach. Sie stellten sich freundlich vor, reichten mir die Hand und verließen das große Wohnzimmer. Angelika grüßte vom Weiten. Du zeigtest dich in ihrer Nähe. Angelikas Eltern, die Pädagogen, wirkten auf mich unangenehm und von Anfang an voreingenommen. Sie waren alternativ gekleidet, zeigten sich locker, aber etwas zu plump. Sie legten keinen Wert mehr auf Ästhetik, andere Äußerlichkeiten oder auf ihre Gesundheit. Sie waren in der Tat schon etwas älter. Jetzt hatten wir bereits eine ganze Reihe Lehrerinnen, Lehrer und Lehrerfamilien kennengelernt. In der Verwandtschaft, privat und in der Schule. Es waren nette, sympathische Menschen darunter und total grässliche, deren Handlungsweise kein normaler Mensch mehr in der Lage ist, nachzuvollziehen.

„Ich bat dich eines Tages, erst einmal alleine in den Keller zu gehen, dein Fahrrad zumindest anzufangen zu flicken. Ich würde gleich nachkommen. Es war oben noch etwas zu tun, was mich davon abhielt, gleich mit zu gehen. Dann flitzte ich so schnell wie möglich in den Keller, denn ich ahnte da wieder eine Zersplitterung. Im Keller warst du nicht mehr. Ich ahnte, wo du hingingst, aber nicht welchen Weg du genommen hast, um dich abzufangen, und Johann war alleine in der Wohnung. Du warst bei den Eltern dieser Freundin, beschwertest dich, dass du dein Fahrrad alleine Flicken musstest. Du bist dann wieder gekommen, teiltest mir verachtungsvoll mit, dass der Vater deiner Freundin dir das Fahrrad repariert hat. Du spieltest Erwachsene unter einander aus, wo du es schaffen konntest. Und das ging immer recht gut.“

„Ich bat dich, den Mülleimer heraus zu bringen. Du lachtest mich provozierend aus. Ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen und schmiss den Mülleimer auf dein Bett. Ich wusste, dass du auf solch einen Augenblick gewartet hattest, um dich beim Jugendamt zu beschweren. Das rieten die Eltern deiner Angelika dir. Ich kam gerade von der Arbeit zurück. Johann war noch im Kindergarten. Also fuhr ich auch geradewegs zum Jugendamt, und erklärte, nicht mehr mit meiner Tochter klar zu kommen. ‚Ja, ihre Tochter ist auch gerade bei uns’, wurde mir gesagt.“

„Du bist in eine Jugendauffangstation gekommen. Mehrere Wochen hoffte ich, es würde irgendwie alles gut werden. Sie passen dort auf dich auf. Wir könnten uns bald aussprechen und alles würde besser werden, hoffte ich. Doch ich hörte nichts von dir. Nur die Erzieherinnen meinten, es ginge dir gut und mit der Schule wäre alles o. k.“

„Von der Schule hörte ich das Gegenteil. Deine Noten seien gesunken. Hauptsächlich auch, weil du am Unterricht gar nicht mehr teilgenommen hattest. Die Hausaufgaben waren auch nur teilweise da. Irgendwo anders warst du auch an diesem Tag, nicht in der Schule. Vielleicht mit Angelika zusammen weg. Die Schulleitung wollte, dass du nach den Zeugnissen die Schule verlässt. Da waren alle weiteren Gespräche hinfällig.“

„Ich glaubte auch, keine Hauptschule mehr finden zu können, die dich mit dieser Arbeitshaltung gerne genommen hätte. Du meldetest dich gar nicht mehr bei mir. Für mich stürzte eine Welt ein. Diesmal ganz und gar. Ich fand den Boden unter meinen Füßen nicht mehr.“

„Dann bekam ich einen Anruf vom Jugendamt. Wir fuhren nach Lehre. Eine Familie mit sechs anderen Pflegekindern, Mädchen, wären bereit, dich mit ihnen zusammen auf ihrem Grundstück wohnen zu lassen. Sie versprachen dir, reiten zu dürfen, du könntest weiter die Realschule besuchen. Sie hier, in Lehre, ein Psychologe und eine ehemalige Jugendarbeiterin, Pädagogin, wären in der Lage, dich hier zurück auf die Realschule zu bringen. Ich bat dich, ich flehte dich an: ‚Lena, bitte sage ja!’ Denn es wäre kaum eine bessere andere Möglichkeit gekommen als diese. Du schautest längere Zeit zu mir. Du hast mein Gesicht geprüft, was immer ‚Ja, bitte, bitte‘, sagte. Dann sagtest du: ‚Ja‘.“

„Und sie versprachen eine Zusammenarbeit, eine Zurückführung zu der Mutter.“

„Irgendwann hattest du alle deine Sachen gepackt und bliebst dort. Ich fuhr nach Hause. Ich weinte, lange. Ich fühlte mich total leer und verloren.“

Ich liege immer noch in der Gruft unter meiner Decke in Wachkoma, oder hatte ich geschlafen? Ich entdecke mich weinend. Ich muss wohl schon lange so gelegen haben. Es klingelt an der Tür. Es ist ziemlich dunkel. Ist es jetzt Tag oder Nacht? Bei diesem Wetter der Weihnachtsscheinheiligkeit ist das kaum zu unterscheiden. Es klingelt noch einmal. Mein Exi steht vor der Tür.

„Hallo, warum hast du nicht aufgemacht? Warum bist du Weihnachten hier alleine in deiner Gruft? Es ist viel zu warm hier!“
„Ich friere.“
„Du solltest etwas essen.“
„Willst du einen Tee?“
„Nein, ich fahre gleich nach Hannover, meinen Vater abholen, dann besuche ich meinen Bruder und meine vier Neffen.“
Also ist der zweite Weihnachtsscheintag inzwischen, stelle ich aufgrund seiner letzten Aussage fest.
„Warum bist du so schwarz beschmiert überall?“
„Ich war auf der schwarz verbrannten Wiese.“

Mein Exfreund hält ein Weihnachtstütchen mit etwas Inhalt in der Hand. Ich sollte auspacken. Schön er hat mir eine kleine Taschenlampe für mein Schlüsselbund geschenkt. Leuchtstäbchen, die beim Knicken und Biegen anfangen zu Leuchten. Hat er selbst überall in seiner Wohnung. Dafür fehlen ihm die Räucherstäbchen. Na ja, Johann wird sich über diese Leuchtkörper freuen, dachte ich. Eine Flasche Wein sehe ich und ein Handy, schon zum zweiten Mal bekomme ich ein Handy von ihm.

„Bei der nächsten Geschäftsöffnung gehst du zum Penny und kaufst dir eine Telefonnummer“, sagte er noch. Lieb ist er. Aber jetzt ist er schon wieder zur Tür hinaus.

Schnell laufe ich nach vorne zu den Fensterpärchen. Schaue hinaus und suche im Garten nach Veränderungen: „Gericht der Herzen, bist du noch da?“ „Bist du hier irgendwo?“

Die düsteren Wolken ziehen vorüber. Bewegung in der Luft. Zwischen dem gespenstisch wirkendem Geäst suche ich ebenfalls: „Gericht der Herzen, hörst du mich. Hast du vernommen, was ich geträumt habe. Die Schulzeit, wäre sie damit vollständig aufgenommen in die Analyse, mit in den Tatbestand? Da fehlt noch etwas, Gericht der Herzen. Eine Mitteilung habe ich noch. Also, wo bist du zu finden?“

Ich laufe aus der Wohnung zurück zur Wiese. Zum Stein, suche nach einem Gefühl der Anwesenheit, der Existenz des Gerichtes der Herzen. Es muss noch ein paar Dinge aufnehmen und berücksichtigen. Es muss hier sein. Es war doch hier. Ich gehe wieder über die schwarz verbrannte Wiese immer weiter, schaue in die Wolken und stehe vor einem gerodeten Wald. Baumtrümmer soweit ein Menschenauge hinblicken kann. Schweres Geäst durch Maschinen geknickt, nass, grau leuchtend vor mir. Baumstümpfe wie kleine Vulkankrater in der Ferne. Wann wurde dieser Wald gerodet? Wann seine Bäume gefällt?

Am ersten Advent? Oder am vierten, kurz vor Weihnachten? Ein Werk der nimmer satten Menschheit? Ich gehe weiter. Eine Vogelleiche liegt vor mir. Vielleicht von Krähen erlegt. Die Einzelteile weit verteilt. Die Federn verteilen sich noch weiter in der Luft. Ich setze mich auf einen Baumstumpf, betrachte die vor mir liegenden Vogelteile. „Irgendwie liegen wir beide ganz ähnlich hier rum“, spreche ich zum Vogel. Ich nehme ein Bündnis mit dem zerhauenen Wald und mit dem Vogel auf: „Wollt ihr nicht auch das Gericht der Herzen her ordern?“

Ich flüstere die Baumkrater an: „Gericht der Herzen, hältst du dich jetzt hier in diesem Wald auf, um die Herzen der elenden Opfer der Verwüstung zu streicheln?“ Ich flüstere in die Vogelleiche: „Gericht der Herzen, bist du da drinnen, um den elenden dieser Erde Erleichterung zu bringen?“

„Gericht der Herzen, ich muss dich noch mal stören, denn ich muss auch noch mal gestreichelt werden. Gericht der Herzen, du musst noch etwas wissen. Du musst ein Fazit ziehen, aus dem Inhalt, den ich bereits vorbrachte.“

„Es ist doch so, dass ich diejenige war, die Lena sechs Jahre im Kleinkinderalter verantwortlich und mit viel Mühe großgezogen hatte. Danach habe ich acht Jahre Schulzeit mit ihr gemeinsam gemacht. Stand ich ihr immer zur Seite, als Aufpasserin. Vierzehn Jahre gab ich ihr wertvolle Bausteine fürs Leben. Vierzehn Jahre war ich aber auch diejenige, die die Scheißarbeit alleine gemacht hat, wenn ich das mal so sagen darf.“

„Obwohl, ich tat das ja gerne. Aber die anderen hatten das Vergnügen. Schmusten mit ihr herum. Ich bekam die Vorwürfe zu hören. Einmal kam sie zurück aus Solingen, der großen Verwandtschaft des Vaters. Sie war begeistert und schwärmte, wie schön doch alles sei, keiner macht Stress, alle haben sich lieb, sonst ist alles ganz egal. Mit diesem Argument wollte sie tatsächlich allen Stress von sich fallen lassen. Da musste ich protestieren: „Moment mal, ganz so toll wie es aussieht ist es da nicht. Ich fing an zu erzählen, welchen Schulabschluss oder Berufsabschluss wer hat, und was diejenigen damit machen konnten und wie sie ihr Leben meisterten. Es war im Hintergrund vieles ganz anders als schön und nicht immer war alles ganz lieb zueinander.“

„Lena, sollte nur mal eine Sache genauer anschauen und entscheiden, was sie selber wirklich will. Sie lief raus und warf mir vor, ich würde ihre andere Familie schlecht machen wollen. Nein, hatte ich nicht vor. Doch hätte sie sich in das leichte Leben mit hinein geworfen, wäre sie heute keine Erzieherin, keine Pädagogin oder keine halbe Psychologin. Die Bausteine dafür hatte sie von mir.“

„Sie behauptet nun, ich hätte ihr das nackte Leben geschenkt, dafür bedanke sie sich bei mir, nicht mehr hätte ich ihr gegeben, alles hätte sie sich alleine erarbeiten müssen und dann ist sie, soweit ich das hörte, im Jahre 2004, so erzählte Kario, Christin geworden? Eine große Familienfeier sei gestartet worden. Nur für sie? Ist sie jetzt untergetaucht in Selbstherrlichkeit? Dann bräuchte sie meine Person mit meinen Erinnerungen nicht. Ich störe da. Wenn alles sich so verhält, dann hat sie eine vollkommene Macht in ihren Wirkungskreis. Alle hat sie um sich, die nach ihrem Mund reden ohne Einwand.

Ich höre Johanns Oma, die Mutter seines Vaters, reden: „Lasse Lena in Ruhe. Sie muss jetzt nichts machen. Mädchen müssen überhaupt nicht gut in der Schule sein.“ Dann lehnte sich Lena an Johanns Oma und kuschelte mit ihr. Alle wussten ganz gut, wie sie für Lena ein scheinbar warmes Nest für den Augenblick bauen können. Die wahre Verantwortung trug ich alleine. Ich trug sie und verlor Lenas Herz. Das Herz einer ungezogenen Göre, die sich gerne für einen schönen Moment manipulieren lies. Könnte sein.

Gericht der Herzen, ich habe später mit Lena immer so eine Art Plenum eingeführt. Immer wenn Missstimmigkeiten oder Probleme meistens von schulischer oder alltäglicher Art auftauchten, wollte ich, dass wir uns zusammensetzen und darüber sprechen. Ich wollte es schöner machen, lockerer und demokratisch, stellte Kuchen und Kakao auf den Tisch, um gemütlicher und beruhigender über Situationsverbesserungen nach zu denken. Oft kam da nicht viel von Lena. Ich hatte schon eine Menge mehr, und wir mussten überlegen wie diese Unzufriedenheiten bewältigt werden können. Lena hatte meine Einwände nicht richtig kritisiert, wohl verstanden, wohl einverstanden gewesen, doch viel hat es nicht geholfen, auf lange Sicht gesehen. Aber der zeitgleiche Tagesablauf funktionierte dann doch besser.

Es waren auch Vierzehn Jahre meines Lebens, die ich ihr gegeben habe, Gericht der Herzen. Sie ist meine Tochter, das tut weh, Gericht der Herzen.

„Du kannst kein Dankeschön erwarten!“ sagte ein Nachbar zu mir. „Du kannst kein Dankeschön erwarten!“ sagte da eine Nachbarin wie aus einem Munde geschossen. Damit war das Thema beendet und ich überrollt. Ich wolle überhaupt kein Dankeschön dafür, wehrte ich mich noch.

Ja, aber warum nicht? Nein, ein Dankeschön nicht. Das habe ich ja alles gerne getan und es gehörte dazu. Ich möchte die Arbeit und Mühe die ich hatte selbst nicht missen. Ich möchte sie getan haben für mein Kind auf alles in der Welt. Mit welchem Resultat, dann erst einmal ganz egal.

Auch das Leid und die Trauer danach gehören dazu. In meinem Fall scheinen sie zeitlos und für immer dazubleiben. Aber ich redete von Fairness und von Menschlichkeit, immer wieder. Kann die Gesellschaft das nicht endlich einmal wieder brauchen, anstatt gefällte Bäume?

Also, warum kein Dankeschön, eine Erkenntnis, eine Einsicht zu der gestanden wird, keine Verleugnung, einmal zugestehen, einmal zur Wahrheit stehen, ein einziges Mal.

Im Weihnachtsschein 2006 sagte Lenas Oma am Telefon: „Ja, die Kinder gehen dort hin, wo sie es am besten haben.“ Doch wie steht es mit den Kindheitserinnerungen erwachsener Kinder. Erinnern sie sich mehr an Gefühle als an Gegebenheiten?

„Gericht der Herzen, ich beanstande dieses Vorgehen, weil es mir schlecht dabei geht. Ich beanstande dieses Vorgehen. Ich tue das auch für Lena. Sie könnte festsitzen in einem Dogma, das sie unsolide macht, und wahrscheinlich hat sie Liebe und Mitgefühl vergessen. Braucht auch sie dann nicht Hilfe? Wird sie jemals in der Lage sein, selbst Mutter zu werden?“

Warum hellt sich jetzt der Himmel auf? Ich schaue auf die nass glänzenden Baumstümpfe, suche tröstende Worte für sie. Ich verabschiede mich von dem Vogel, streichele eine seiner Federn und gehe heimwärts über die Mondlandschaft.
(© Ilona Meschke 2006)

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