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Gericht der Herzen
hast du mir diesen Hund geschickt?

„Auch, als wir eine dreiköpfige Familie waren hatte Kario seine eigenen Interessen. Die Kindererziehung und das Aufpassen auf dich wurde überwiegend mir überlassen. Er wollte die Verantwortung für ein zweites kleines Mädchen, ein Schwesterchen für dich, nicht übernehmen. Stattdessen bekamen wir eine Katze geschenkt. Dann sahen wir uns eine neue Woh­nung an, - günstige Miete, - große Räume. Es hätte sich darin schon gut gelebt. Nur der Spielplatz war weit. Unten war eine verkehrsreiche Hauptstraße. Da meinte Vater Kario: ‚Egal, Lena wird morgen erwachsen sein, die braucht keinen Spielplatz’. Ich war empört. Du warst noch keine sechs, und er raubte damit ein ganzes Kinderleben und sprach die Zeit, die Zeit einer jungen dreiköpfigen Familie einfach so tot. Ich war verletzt.“

„Er kümmerte sich natürlich auch um dich und vieles, was er meinte und sagte war o. k. Aber die meiste Zeit verbrachte ich mit dir. Er hatte keine Lust, auf einen Kinderspielplatz zu gehen und schaute sich stattdessen Filme mit Freunden an. Er kochte aber für uns und fand auch super Kochrezepte. Das reichte nicht. Ich fühlte mich oft einsam.“

„Als du zwei Jahre alt warst fuhren wir mit dir zum Vergnügungspark ins Hansaland, um zusammen ordentlich Spaß zu haben. Doch es kam anders. Kario freute sich darauf, endlich einmal mit einer Looping-Bahn fahren zu können. Du, Lena, kennst doch diese spiralenförmigen schnellen Achterbahnen. Erst als wir alle vor der Kasse standen, diskutierten wir darüber, wer mitfährt und wer nicht mitfährt. Ich sagte Kario, dass ich mich da nicht rein setzen mag, und du zwei Jahre alt bist und damit nicht zu fahren hast. Du würdest einen Schock fürs ganze Leben bekommen, wenn du da drinnen säßest. Du würdest gar nicht durch die Kasse kommen, weil so kleine Kinder da nicht mitfahren dürfen. Es sei denn, sie passen dort nicht gut genug auf. Kario musste sich alleine in diese Bahn setzen. Er wollte nicht. Er wollte seine Familie dabei haben, wenigstens entweder dich oder mich. Ich ließ dich aber auch nicht gerne bei einer frem­den ganz unbekannten Aufsichtsperson für die Zeit, in der ich mich mit Kario in solch einer Bahn vergnügen würde. Nichts war möglich. Kario war heftig sauer und uneinsichtig. Wir trennten uns. Ich ging mit dir zur Delphinschau. Wir guckten eine nach der anderen. Wir waren traurig und trösteten uns mit Delphinen. Kario fand uns dort wieder, nachdem er Loopingbahn gefahren war. Doch der Tag war vorbei, ohne dass ein Familienzusammenhalt da war. Wir fuhren nach Hause.“

„Situationen, in denen du und ich oft stritten, weil ich dein Vertrauen haben wollte, entstanden zwischen Kario und dir nicht. Kario handelte anders. Du hörtest seine Stimme und reagiertest ganz anders. Er befahl ganz autoritär, was du auf dem Spielplatz beispielsweise jetzt zu lernen hattest: ‚Los, hochklettern! Bis oben hin! Ganz hoch! Jetzt umdrehen! Füße zur anderen Seite! So, jetzt wieder runter klettern! Noch mal das Ganze! So, das kannst du jetzt. Jetzt können wir gehen!’ Und du machtest alles, was er sagte. Ein Streit zwischen dir und ihm entstand nicht.“

„Natürlich gab es auch Dinge, die Kario als meine Fehler ansah. Er sagte, was er nicht in Ordnung fand. Nach diesem Hinweis versuchte ich anschließend besser zu handeln. Umgekehrt gab es mehr Stress. Aber wie gesagt, überwiegend erzog ich dich alleine. Jeder von uns meinte es meistens gut auf seine eigene Weise.“

Ich sehe die schwarz verbrannte Wiese wieder vor mir.

Einen Spaziergänger entdecke ich in weiter Ferne. Dunkel wie das Wetter erscheint er am Horizont. Er hat einen großen Hund bei sich. Der kommt auf mich zu gerannt. Ich spüre nichts. Keine Angst in mir. Obwohl, der Hund hält sein großes Maul geöffnet. Ich kann große leuchtende, gelbe Zähne im Hundemaul erkennen. Das ist doch nicht möglich? So sieht doch kein Hund aus? Der Gerichtshund? Der eine Antwort geben will? Dann wird diese Antwort nichts Gutes heißen. Ich schließe meine Augen. Doch ich höre ihn rennen und näher kommen. Der Boden unter mir bebt. Jetzt steht er vor mir. Ich merke es. Ich höre es. Er schnauft. Er quiekt und röchelt. Ich öffne meine Augen. Ich sehe vielleicht einen Schäferhund. Oder eher dunkler und größer. Ein Schäferhund mit Schlappohren. Er trägt einen zackigen gelben glänzenden Ball im Maul, der bei der Entfernung vorher aussah, als wären da große gelbe, leuchtende Zähne im Hundemaul eines drohenden Hundes. Jetzt wird er vom Herrchen zurück gerufen.

Es ist kalt und nass hier auf der Wiese. Ein wenig spüre ich das auch, obwohl ich das mit Gleichmut und Gleichgültigkeit hin nehmen wollte, denn wichtig wäre jetzt die Stimme des Gerichtes, welches doch die ganze Zeit meine Gedanken und meine Geschichte aufmerksam erhörte. Wo werden meine Worte und Gedanken hingetragen? Ich muss geduldig sein. Ich versuche meinen steif gewordenen Körper zu erheben. Ich fühle mich wie ein Schornsteinfeger, so schwarz gefleckt überall. Ich schaue hinter den verrußten Stein hin zu der sich sechshundert Meter weit erstreckenden schwarzen Mondlandschaft.

Plötzlich wird mir klar, viel klarer als sonst, Lena hat keinen Grund sich zu melden. Lena hat mich weggestoßen. Sie hat ihre eigenen Träume, ihre eigenen Ansichten über das, was früher war, die sie in ihr Sein vergraben hat. Es darf sie keiner anders kennen, als sie sich selber kennt.

Sie wollte mit ihrem Vater über mich sprechen, sagte der Vater. Er hätte einen Draht zu Lena, möchte uns beiden helfen, damit wir zusammen finden. Lena weiß nun, dass sie nicht die einzige ist, die mit ihrem Vater sprach. Ihr Vater hört nicht nur ihre Stimme. Eine völlig andere Situation für sie. Was wird sie tun? Ich weiß es nun, scheint mir. Mir scheint, sie will die Kontrolle, die sie vorher hatte nie aufgeben wollen.

Hat sie sich den Stil meiner beiden Schwestern zum Vorbild gemacht? Gemacht, macht, macht, Macht, Macht, Illusion, Schein, persönlicher Darstellungswahn, kalt darüber hinweg geschaut, was das kostet.

Lena ist intolerant, aber was ich da sage, will ich doch gar nicht. Früher war sie einmal eifersüchtig. Eifersüchtig auf Männer, die ich kennen lernte oder von früher her kannte. Sie unterhielt sich als achtjährige mit ihnen, stellte sich zwischen uns, nahm das Zepter der Unterhaltung in die Hand, wollte ihre Mutter mit den Männern nicht alleine lassen.

Ich gehe über die Wiese, über die schwarze Mondlandschaft, Gericht der Herzen, wo bist du? Ich sehe klar, aber ich sehe nichts Gutes für mich und keine Gerechtigkeit, keine Wahrheit. Nur eine schweigende grausame schwarz verbrannte Wiese.

Ich stehe vor dem verrußten Stein. Lena steht plötzlich vor mir. Sie wird immer größer. Wieder trägt sie das weiße lange Kleid. Stolz ragt sie sich hoch bis zu den grauen Wolken. Sie hat eine Krone auf dem Kopf, eine graue Wolkenkrone. Sie sieht mich nicht. Ich halte mich fest an dem verrußten Stein, damit ich noch stehen kann. Sturm kommt auf. Lena verschwindet mit den grauen Wolken.

Ist sie die einzige, die Angst hatte?
Gehört die ganze Angst der Welt ihr alleine?
Gehört das ganze Leid der Welt nur ihr?
Hat sie sich alles alleine erarbeitet?Hat sie sich von allem allein befreit?
Von mir?
(© Ilona Meschke 2006)

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