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im Nebel ein ganz kleines Licht

Lenas Vater fand ich ebenfalls durch seine private Internetpräsentation mit einer Mail-Adresse wieder. Dann nutzte ich diese, um nach seiner Hilfe zu bitten. Er ruft mich jetzt an. Wir telefonieren noch. Er schenkt Wärme und Verständnis. Er will helfen. Er meint es ehrlich. Mit dem Telefon stehe ich vor dem Fenster. Nicht eine Hand lang kann man he­rausschauen. Dunkel und neblig zugleich. Ich sehe ein kleines Licht im Nebel. Ganz klein grünlich blau. Da muss ich schon genauer und lange schauen, um dieses Licht endlich zu erkennen.

Er, Kario, ist auch der Meinung, Lena kann beide Eltern gut gebrauchen, Vater und Mutter. Er beschreibt Lena. Sie sei erwachsen, sehr erwachsen, sehr reif. Das solle ihm auch bestätigt worden sein. Von einer Freundin, einer Psycholo­gin. Sie sähe auf, auf Lena, so soll sie gesagt haben. Sie käme aus dem Staunen nicht heraus und solle ihn gefragt haben, ob er überhaupt wüsste, was er für eine Tochter hätte. Sie beschrieb sie: tiefsinnig, klare Augen. Kario meinte, sie hätte viel erlebt. Und all das wäre nicht einfach für so einen jungen sensiblen Menschen gewesen. Sie wäre auch sehr krank gewesen, berichtet er weiter. Im anthroposophischen Kran­kenhaus analysieren sie vor allem die Ursachen einer Krankheit, die seeli­schen Ursachen einer Krankheit. Und Lenas ganze Vergangenheit wäre ja sehr hart für sie gewesen, denn sie hätte viel erlebt und viel mit gemacht.

Vor länge­rer Zeit hätte sie ihrem Vater, Kario, sehr viele Vorwürfe gemacht. Die seien sehr hart für ihn gewesen, so schildert er. Er hätte kaum Kommentare gegen diese Kritik gehabt, zumindest keine Einwände entgegensetzen können. Also solle er nichts dazu gesagt haben. Und jetzt hätten sie sich ausgequatscht und es sei gut so, so meint er. Jetzt kämen sie mit einander klar. Er hätte einen kleinen Draht zu seiner Tochter, sagt er jetzt, einen ganz kleinen und wolle mir helfen. Egal, wie vorsichtig er sich ausdrückte. Er möchte mir also helfen.

Lena selbst hätte ihm schon gesagt, sie wolle mit ihm über mich spre­chen. Er denkt deswegen, etwas für mich tun zu können. Er könnte mich gut verstehen, so sagt er. Lena sei auch sehr egoistisch und hart, meint er. Seine kleine Tochter aus zweiter Ehe ist schon ganz ähnlich. Beide würden ihm mit tausend Vorwürfen fertig machen. Wenn sie dann ihren Willen durchsetzten konnten, sei alles wieder gut, und keine ist mehr bereit, über das soeben passierte zu reden. Sie bekuscheln ihn und alles sei gut.

Wir unterhalten uns noch über viele Dinge. Tauschen verschiedene Te­lefonnummern aus. Wir wollen weiter in Kontakt bleiben. Ein gutes Ge­fühl bringt dieses Telefongespräch. Nach so langer Zeit. Es öffnen sich neue Möglichkeiten, glaube ich zu sehen. Ich vertraue Lenas Vater, Kario. Er wird sich mit Herz bemühen, erkenne ich jetzt. „Lena, könnte dieser neue Kontakt deiner Eltern ein Weihnachtsgeschenk für dich oder auch für alle sein?“
(© Ilona Meschke 2006)

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