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vor dem Fenster

Vernunft, Klugheit, und liebende Aufmerksamkeit, um zueinander zu finden. Warum war das alles so schwer?

Lena und ich, zwei erwachsene Frauen, Tochter und Mutter. Intelligenz? Das schieben uns manche unter. Doch wie viel haben wir davon? Wie viel wird noch gebraucht, um zueinander zu finden, in einer Form, in der jede von uns noch eine Lebensberechtigung hat? Mit Freiheit, mit Ehrlichkeit und Lockerheit, mit Herz, mit Liebe zueinander, ohne Verletzung, ohne De­mut, ohne völlig im Herzen zerstochen zu werden.

Ich schaue wieder aus dem Fenster meiner Gruft. Unter einer dunklen Wolkendecke gräbt eine lange schwarz gekleidete Frau. Da jetzt sehe ich eine andere schwarz gekleidete liegende lange Frau. Ich höre die Spaten­stiche. Sie werden immer lauter. Jetzt weiß ich, was das bedeutet. Eine der beiden soll vergraben werden.

Wie ist das möglich? Wie ist das zu ertragen? Wann geht es vorüber?

Geht es vorüber? Kann das jemals vorüber gehen? Gehen beide zu­ Grunde? Oder nur eine?

Wir telefonierten zusammen, Lena und ich. Immer hin. Wir telefonierten eine Weile. Wie lange, wann wieder versuchte ich zu erfühlen. Ich beruhigte mich mit leerem Herzen am Telefon. Ich fragte nach ihrer Adresse. Ja, es sei immer noch dieselbe. Ich gab ihr meine Adresse, meine Telefonnummern, meine E-Mail-Adressen, mit dem Wissen, sie meldet sich nicht mehr von selbst.

Heute ist heilig Abend, sagt man.

Der ganze Tag ist dunkel. Man hat ihn irgendwie heiliggesprochen und dann Abend genannt. In der Tat, der ganze Tag ist Abend, so dunkel, so düster im Lande der Monster.

Ich sitze in diesem komfortablen Sarg auf dem Sofa am Ofen in meiner Gruft mit dem Blick nach draußen. Dort erscheinen mir Zombies. Grau, dick oder dünn, die Haare oft zum Zopf gebunden. Rücken an Rücken sitzen sie da, bilden dabei eine kreisförmige graue Mauer, vor einem Weihnachtsbaum. Er steht in der Mitte. Sie singen Weihnachtslieder, kühl und rau. Die kühlen Stimmen bleiben irgendwo in der Luft stecken, in der kühlen festen Windstille legen sie sich zur Ruhe. Und in ca. hundert Jahren kommt irgendwann einmal ein unschuldiges Wesen hier vorbei, hört diese Stimmen von Freude und Liebe singen, traut seinen Ohren nicht, und bekommt eine Gänsehaut. Irgendwo schweben diese Stim­men, ihre gesungenen Worte und Lieder, bald eingebettet in der Nebel­luft, verblassen nur langsam nach und nach. Lange haltbar, aber uner­träglich, nisten sie sich ein.

Die Lieder, scheinheilig, dürsten, saugen den letzten Sauerstoff in sich, stecken in der Luft und machen sie dick und schwer. Zu schwer, um vom Wind vertrieben zu werden.

Welche Welt will schon hören, wenn reiche Christen vom Frieden singen? Und sie wurden dabei mit einem himmlisch schlechten Wetter beschert. Der ganze Tag bleibt graudunkel, der Heilige Abend. Doch sie merken die Täuschung nicht, die Täuschung vom Heiligen Abend, und das es nicht leuchtet.

Einige dieser grauen Gestalten, die da am Weihnachtsbaum singen waren mal Freunde, langjährige. Ich bat sie. Ich flehte sie an, sie mögen mir helfen, damit ich wieder Kontakt zu wenigstens meinem Kind aufnehmen kann. Ich wusste welcher dieser Freunde welchen Weg für mich tun könnte, welcher dafür notwendig ist, und wählte sie aus. Alle nach ihren dafür vorhandenen Möglichkeiten und Fähigkeiten wählte ich aus, für ganz konkrete Aufgaben. Dann bat ich sie um diese Gefälligkeit. Sie lehnten meine Bitte nicht ab. Oder sie sagten zu und schwiegen. Jedenfalls kam die Hilfe nie. Schweigend sollte sie vergessen werden, in die Tiefe ver­sinken, ohne Erklärung, ohne Antwort, nicht einmal mit einem erfolglo­sem Versuch kamen sie wieder zu mir. Denn sie bemühten sich nicht. Ich konnte ihre Nähe nicht mehr ertragen, und das sagte ich ihnen, bevor ich mich von ihnen entfernte.

Ich schaue immer noch auf den grauen Menschenkreis und sehe, es fällt ihnen diese Lücke unter dem Weihnachtsbaum gar nicht auf. Diese Lücke, wo eigentlich noch ein Geschenk hingehörte, ein Geschenk von mir. Doch es liegt keines dort. Im Gegenteil dort ist ein dunkles tiefes Loch, fast zum Reinfallen. Doch sie sehen es nicht. Also stört es nicht.

Sie fragen, betteln oder schreien nach keinem Gericht, das Schmerzen behandelt. Sie sitzen am Weihnachtsbaum. Für die, die am Weihnachts­baum sitzen gibt es Gerichte. Die Gerichte, die eine illegale Bereicherung von Wirtschaftsgütern be- und verurteilen, sogar hart bestrafen. Sie geben sich außerdem sozial und hilfsbereit. Jedem Unfallopfer, das blu­tend auf der Straße liegt, dem würden sie helfen. Ich beobachte sie, wie schnell sie reagieren um Leben zu retten, und wie ruhig und gewissen­haft sie an meinem Schmerz vorbeigehen. Da wurde nichts gerettet. Da wird nichts gerettet.

Ich spreche leise zu meiner Tochter und hoffe, die Nachtluft bringt meine Nachricht zu ihr: „Lena, ich schrieb dir einen Brief. Jeden Tag ein paar ausgesuchte Seiten. Sieben Seiten insgesamt. Das war Anfang Dezem­ber. Ich überlegte meine Texte gut, um nichts Verkehrtes und nichts Unver­ständliches zu sagen. Worte, für einen Dialog. Worte, die sagten: ‚He, Du, lasse uns zusammen kommen, es gehört doch so. Sage ich etwas Verkehrtes? Sage es mir, verbessere mich, und wie siehst du das?’.“

Hoffentlich wurde dieser Brief an Lena nicht unverschämt genannt, so wie ich es von meinen Schwestern, ihren Tanten, kenne. Sie bewerteten Briefe selbst laut mit „unverschämt!“. Sie zeigten die Briefe nicht den zuhörenden Personen, denn jeder andere sah darin Fragen und die Su­che nach gegenseitigem Verständnis.

Ich spreche wieder zu Lena: „Nach drei Tagen war dieser zuletzt ge­schriebene Brief fertig, Lena, der Brief der Bittstellerin, der Bettlerin, der Mutter. Ich holte ein Weihnachtskärtchen mit trotzig misstrauisch drein­schauenden Englein und klebte es an den Schluss des Briefes.

So könnte alles richtig gewählt sein. Ich schickte den Brief ab und ahnte, es passiert nichts weiter als ein graues kühles Schweigen.“ - „Doch, wie kann man darauf nicht antworten?“

Auf dem Sofa wird es kälter. Das Blut in Hände und Füße verschwinden irgendwo im innersten, doch dort spüre ich es auch nicht. Sie fangen an zu zittern, die vier Körperteile. Es ist nicht nur eine Verletzung, die mich trifft, immer wieder trifft und bleibt. Die Scham, die Demut raubt jegliche Normalität zum Leben.

Ich wage es nicht mehr, auf der Straße zu stehen, dort wo normale Menschen vorbei gehen, mit denen das nicht gemacht wurde. Ich mag keinen ins Gesicht sehen, damit dieser Jenige auch noch in mein Gesicht schaut, dieser, mit dem das alles nicht so gemacht wurde. Ich schäme mich, gehöre nicht in die Nähe anderer, die ihre Kinder bei sich haben. Verstecke mich lieber, laufe lieber weg, bleibe lange weg, bis es kalt wird und faste.

Ich kann nicht verstehen, warum das Liebste und Wichtigste weg ist, mich nicht mehr kennt.

Ich wollte nicht eingeladen werden, zu Freunden und deren Kinder, die zu Vater und Mutter gleichermaßen gehen, um Weihnachten zu feiern. Da gehöre ich nicht hin. Ich sondere mich ab von ihnen, wenn sie sagen: „Heute kommt mein Sohn und die Tochter meiner Freundin, meiner Partnerin.“ ‚Ja, werdet glücklich’, denke ich mir und sondere mich ab, mit schmerzendem Unterleib, und den heimlichen Schuldzuweisungen der anderen, die ich stark vermute.

Und wäre es nicht so, hätte ich es nicht niederschreiben können. Ich stehe auf und hole Kohlen aus dem Keller dieser Gruft. Achte darauf, dass das Sargzimmer warm bleibt und verlasse es für eine Weile. Ich gehe im nächtlichen Wald spazieren. So, um sich der Welt zu entfernen. Sollte ich mich jetzt Robinia Gruse nennen, die Einsiedlerin, die Aussät­zige, die Wachtote?

Ich wehre mich dagegen, mir vorzustellen, wie sich meine Meinung, Gesundheit und Fröhlichkeit so schnell verändern könnte, wenn sich im Nu meine Situation ändern würde. Das würde verrückt machen. Das tat ich früher. Es tat nicht gut, denn es verändert nichts, außer, das Wün­sche kommen, und Verzweiflung folgt.

Ich rief sie noch einmal an, nach dem Brief, den sie inzwischen erhalten haben musste: „Lena, liebe Lena, hast Du meinen Brief erhalten? Hast Du ihn verstanden? Bitte rufe mich zurück und sage es mir.“ Ich sprach auf Band. Das Gespräch wurde aufgezeichnet. Es folgte Schweigen.

Zwei Tage später versuchte ich noch einmal anzurufen. Die Leitung wurde abgewürgt, wahrscheinlich als der Display meine Telefonnummer anzeigte. Ich rief sie per Handy an. Keine Meldung. Abgewürgt.

Ich erfuhr im Internet etwas über sie. Sie hält Vorträge als Erzieherin, Pädagogin und werdende Psychologin. Sie muss wohl inzwischen ihr Vordiplom fertig haben. Eine Referentin, um „Kinder und Elternnähe“ und ihre Wichtigkeit zu beschreiben. Das ist ihr Thema.

Ich kauere weiter auf dem Sofa am Ofen. In einer dicken Akte mit tro­ckenen Strohblumen außen versehen blättere ich in alten Briefen und E-Mails herum. Ein Schriftverkehr zwischen Lena und mir. Ich höre die Stimmen am Telefon, erinnere mich an die Gespräche im Jahre zweitau­sendvier. Zwei Jahre ist das her.

Sie hatte mich weggekickt im Jahre zweitausendvier. Sie liebte mich über alles im Jahre zweitausenddrei. Sie wäre ein Gefühlsmensch wie ich und war stolz darauf im Jahre zweitausendeins. Sie hätte sehr viel von mir und meinen Eigenschaften, das würde ihr gefallen im Jahre zweitausend.

Sie mag beide Eltern und ihren Namen, den sie ihr gaben im Jahre zwei­tausendzwei.

Mein Telefon klingelt. Ich laufe ins andere Zimmer. Unverhofft eine Stimme, die kaum noch zu erkennen war, meldet sich. Ich verstehe den Anfang nicht gleich. Ich sammele mich: „Kario, deine Stimme kenne ich kaum noch“, „Ja, ich bin älter geworden“, lachte er. „Deine Mail habe ich erst jetzt gelesen und habe Dich gleich angerufen. Ja, wir haben es alle nicht leicht“, meint Lenas Vater, Kario.
(© Ilona Meschke 2006)

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