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Stimmen

Die Zeit, bevor der Weihnachtsschein begann.

Ich versuchte Lena zu erreichen, um ein halbes Leben wieder zu gewinnen, vor Weihnachten, vorausgesetzt es gibt Weihnachten. Es gab doch einige alte Mail-Adres­sen: „Hallo, hallo, Lena, bist du das?  Melde dich bitte, bitte!“ Ich bin eine Mutter, eine Bittstellerin, eine Bettlerin, eben eine Mutter. Fehlermel­dung. Es gab noch eine andere Mailadresse und ich bettelte weiter, weiter um ein Herz. Fehlermeldung, Empfänger konnte nicht gefunden werden. Der Abstoß. Ich fühle ihn wieder ganz bewusst. Er kommt mir näher, vor mir, hinter mir, in mir, immer mehr.

Dabei wurde mir doch geraten, sie aufzusuchen. Es wurde mir vorgeworfen: „Tu’ endlich was!!“ Dann tat ich, doch ich konnte gar nicht. Ich telefonierte, probierte Num­mern aus. Tatsächlich, ihre Stimme, Lena, ich höre sie am Telefon. Sie hat sich ein wenig verändert, - die Stimme.

„Eleonore, bist Du das? Du bist doch verschollen gewesen, nicht wahr?“ Kurz gesprochen, knapp gesagt. Sie hat keine Freude vorgetäuscht. Mein Körper, starr, ich hielt mich zurück, hörte weiter zu: „Deine Schwester, meine Tante, sagte es mir. Ich hatte sie schon mal nach Deiner Adresse gefragt, und sie sagte mir, du wärest verschollen, hättest einen Mann gefunden, und wärest jetzt glücklich geworden.“

Pause!
Weiter erzählt Lena:

„Irgendwie habe ich jetzt geahnt, dass du das sein müsstest, mit Braun­schweiger Nummer. Aus Braunschweig bekomme ich ganz selten Anrufe. Eigentlich gar nicht mehr. Mit Braunschweig habe ich gar nichts mehr zu tun.“

Die Tränen flossen mir runter. Meine eigene Stimme versagte. Nur so für mich selbst schaffte ich es: „Heftig!“, zu sagen. Oder sagte ich es, damit sie es hörte?

„War das für Dich heftig? Das wusste ich nicht. Na, ja - wir sind halt so grund­verschieden und passen gar nicht zusammen. Vielleicht haben wir uns deswegen immer so gestritten.“ Ich sah Lena, meine erwachsene Toch­ter, in der Luft an mir vorbeischweben wie ein unerreichbarer Geist, groß mit weißem langem Kleid. Dann bildete die Zimmerwand ein Abbild ihrer. In der einen Hand hielt sie einen Telefonhörer mit zierlichen gut geschwungenen Stacheln gemustert. Geschickt ging sie damit um. Ihre Finger wunden sich auf verschiedene Weisen um diesen Hörer herum. Sie wechselten ständig ihre Stellung, ohne sich an den Stacheln des Hörers zu stechen. Sie sprach weiter.

An ihrem anderen Ohr klebte ein etwas verblichener Telefonhörer. Die giftgrüne Farbe ist aber noch gut zu erkennen und stechend in meinen Augen. Dieser stachelige Hörer wird von einer anderen Frau gehalten und an Lenas Ohr gedrückt. Von meiner Schwester, ihrer Tante. Die Stimme, die daraus drang, durchdrang mein Innerstes. Dabei ist das die altbekannte Stimme mit den altgesagten Sprüchen. Die inzwischen schon unwirklich erklingende Nebelstimme sagt wieder: „Wir sind so grundverschieden und passen nicht zusammen.“ An meiner Zimmerwand erkenne ich jetzt die Wirksamkeit dieser verblichenen Worte, die immer noch existieren wollen. Und mehr dieser vielen verblichenen Aussagen schattieren inzwischen meine Wände. Sie sind eigenständig und eisern geworden. Sie kämpfen um sich selbst.

Was diese Stimme Lena sagte und nie mir, war also: „Deine Mutter ist verschollen. Es geht ihr gut. Sie hat einen Freund gefunden. Sie geht ihre Wege.“

Doch ihre Tante, meine Schwester und sogar beide Schwestern kannten meine Adresse. Warum gaben sie die nicht heraus? Pause in mir. Aber Lena sie auch. Ich rief aus: „Lena, Du hast meine Adresse gehabt. Du hast mir noch geschrieben und hättest mir weiterhin schreiben kön­nen – auch mailen!“ Ich rief und rief und rief. Ängstlich, hoffnungsvoll, flehend. Ich wollte sie zurück. Meine Erinnerung wird die letzte Rettung sein. Sie hört und sagt: „Wenn Du mich jetzt be­schuldigst, ich hätte Deine Adresse gehabt, dann …“

Ja, was dann?

Ich weiß es nicht. Diesmal erscheint der Geist Lenas an der weiß gestri­chenen Raufasertapete erneut. Die Struktur im Hintergrund formt ihr Ge­sicht. Der Körper wird deutlicher. Alle Bilder prägen sich deutlicher an meiner Wand. Sie trägt das weiße lange Kleid noch. Die Raufaserstruktur scheint durch sie durch. Die große Hand einer anderen Schwester legt Lena einen Telefonhörer, ebenfalls stachelig, leuchtend und stechend in den Augen, ans Ohr.

Aus diesem Hörer höre ich den Satz, den ich so oft hörte immer wieder. Ich fühle einen Raum mit verblichen Worten und einer verschwommen Zeit. Wie stark sind diese Worte doch? Wem nützen sie? Sie werden deutlicher und lauter: „Wenn du Margareta jetzt beschuldigst, sie hätte … Dann sprechen wir nicht mehr zusammen! Ich weiß selbst, was Margareta alles macht und was nicht.“ – „Wenn du meinst, unsere Mutter beschuldigen zu müssen, weil …, habe ich mit dir nichts mehr zu tun. Jetzt gerade sagt sie zum Abbild Lenas an der Wand: „Wenn sie Dich jetzt beschuldigt, du hättest ihre Adresse gehabt, lasse das nicht zu, brauchst Du Dir von ihr nicht gefallen lassen.“

Mehr Totschlagsprüche höre ich plötzlich wieder, ohne gewollten Dialog. Sprüche, die stets auf jede Situation passten, nur gesagt wurden, um auszustoßen, abzugrenzen und zu schmerzen. Vielleicht um zu herrschen. Sie leben wieder. Sie sind nicht tot. Obwohl ich mich distanziert hatte. Intole­rant, mit dem kalten Herzen sind sie in mein Zimmer gedrungen, um an der Wand zu kleben, um wieder zu leben.

Ist Lena jetzt auch so gewor­den? Hatte sie sich deshalb nicht mehr gemeldet? Sie hat die Sprüche angenommen? Oder hatte sie sich nicht doch davon distanziert? Sprüche, die herrschen wollen und doch so leer sind, aber leicht gesagt? Nein, nein, Lena ist da raus! Oder doch nicht? Es ist so. Aber wie ist es? Und wenn nicht, wie ist es sonst?

Wenn das so ist, begräbt Lena Kum­mer. Tief in ihr liegt Traurigkeit und der Verlust eines Menschen, einer Mut­ter, die sie gar nicht verlas­sen darf. Oder doch?

Ihr Gewissen wird unterdrückt, eingekerkert, verschlos­sen wird ein Sarg. Nichts darf ent­wei­chen. Arroganz und Stolz sitzen drauf, im tiefen Grab

des Kummers, der Traurigkeit und des Ver­lustes und erlauben nicht, dass der Sarg ge­öffnet wird. Begraben für den Rest des Lebens. Begraben auch noch nach dem Tod. Begraben für immer? Und alle gehen herzlos daran vorbei.

Doch wehrt das Begrabene und lässt sich nicht mehr einsperren. Und will nicht weiter im Sarg gedrückt und zuge­d­rückt werden was dann? Kennt es seine Richtung?

Die Welt wird kälter.
Aber heißer wird es im ständig zuge­haltenem Sarg.
Ich schaue auf die Zimmerwand.
Sie zeigt die Spuren der Sprüche und schweigt.

„Lena!“, „Lena!“ Sie ist doch eine andere Verbindung zu mir als meine Schwestern, - ihre Tanten. Mit den Konflikten zwischen ihnen und mir, damit habe ich mich abgefunden. Aber sie ist doch meine Tochter. Was taten meine Schwestern da?  Was taten sie ihr an? Mir an? Spielte es für sie überhaupt keine Rolle? Wussten sie, was sie taten?
(© Ilona Meschke 2006)

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